Über den Phasenschalter und das „Jetzt-Schon-Reisen“

Gefangen in der Zwischenwelt und Reisevorbereitungen

Vor 10 Tagen fragte ich mich selber, wie ich eigentlich auf die Idee komme konnte, ganze zwei Monate zwischen das Ende meines Jobs und meinem Abflug zu schieben. Ich wusste nicht so richtig, was ich mit der ganzen Zeit anfangen sollte. Vor allem nachdem die erste Entrümpelungswelle wieder abebbte. Ich fühlte mich seltsam, irgendwie gefangen in einer Zwischenwelt und schleppte immer noch eine große Portion Abschiedsschmerz mit mir mit. Meine Energielevelanzeige hatte keinen besonders erwähnenswerten positiven Ausschlag.

Ich bereitete mich auf meine Reise vor: Kaufte Dinge, brachte sie wieder zurück. Bestellte etwas im Internet und merkte, dass es das Falsche war. Auf einem meiner Shoppingkaufzügen befragte ich sogar eine ratlose C&A Verkäuferinnen nach züchtigen, hinterteilversteckenden Unterhosen für Ägypten (ja den genauen Kaufanlass erklärte ich ihr). Am Ende konnte ich mich doch für keine entscheiden und musste den Laden mit leeren Händen verlassen. Bei DM bin in inzwischen Stammgast und Außenstehende könnten sich schon fragen, ob ich jedes Pflaster einzeln kaufe. Es fällt mir jedenfalls jedes mal beim Vorbeigehen eine neue Sache ein, die ich noch brauchen könnte. Ja, Reisevorbereitungen können ganz schön zeitraubend sein. Vor allem wenn man teilweise so entscheidungsunfreudig ist wie ich (ja, wenn es um das Kaufen geht bin ich das).

Trotzdem füllte sich mein kleines Reiselager stetig, welches ich in einer kleinen Kammer in meinem Schlafzimmer angelegt hatte. In einer Kiste warten seitdem meine Reisehabseligkeiten darauf, bald in meinen neuen Reiserucksack gesteckt zu werden und sich mit mir ins Abenteuer zu stützen. Jedes Mal freue ich mich, wenn ich die Tür des Kämmerchens aufmache, um ein weiteres Reiseutensil der Kiste hinzuzufügen. An dieser Stelle noch einmal ein großes Dankeschön an meinen 1. Reiserucksack: Danke für deine Dienste auf all meinen bisherigen Reisen. Es ist nun an der Zeit getrennte Wege zu gehen. Ich habe einen neuen.

Letztes Wochenende fuhr ich für den Teach First Deutschland Alumni Auftakt voller Vorfreude nach Frellstedt. Zwar schien die Sonne und ich freute mich, einige Fellows wieder zu sehen (vor allem meine Hamburger), aber meine Stimmung war eher als seltsam und grau zu bezeichnen. Ich fühlte mich einsam und das Bewusstsein, dass nun „alles“ vorbei war (Hamburg, Fellow sein, Schulzeit, Freunde in Hamburg…) schlug hemmungslos ein und hinderte mich sogar am Genießen der Feier und am Tanzen. Die schriftlichen Worte einer guten Freundin in einem sehr emotionalen Moment, als fast alle Fellows schon wieder weg waren, finde ich sehr treffend:

Ich: „Manchmal ist es mühsam, sich selber aus dem Sumpf zu ziehen. Meinst du, dass ich das mit den 2 Monaten vor der Reise richtig mache? Ich hätte gerne meine Leichtigkeit zurück.“

Sie: „Welcher Sumpf??? Du meinst dein selbst ausgesuchtes Wellnesbad? Abschied braucht seine Zeit und diese Zeit ist auch nicht mit Lebensfreude gekrönt.Dennoch super wichtig. Auch diese Phase muss in einem bewusst geführten Leben gelebt werden.Triff interessierte und interessante Menschen. Gib deiner Selbst Inspirationsfutter und koste diese Phase im Vollen aus. Dann pack deine Sachen und verdau!“

Schalter umgelegt und losgereist

Was wundersamer Weise nach dem Wochenende geschah: Womit ich nicht gerechnet hatte war, dass just am Anfang der neuen Woche ein Schlalter umgelegt wurde. Von wem, weiß ich nicht. Wahrscheinlich von meinem Unterbewusstsein. Es war, als hätte ich diesen finalen Abschied gebraucht, um mich in meiner Zwischenwelt hier in Berlin nicht gefangen, sondern befreit zu fühlen. Seitdem habe ich das Gefühl, dass bereits jetzt schon jeder Tag eine Reise ist und ich fühle mich frei und gelöst. Gerade habe ich mit Schrecken beim Blick in meinen Kalender festgestellt, dass ich nur noch 3 1/2 Wochen hier habe, bevor es los geht und hätte gerade am liebsten noch mehr Zeit. Die letzten Tage waren voll mit neuen und wunderbaren Begegnungen und Erlebnissen. Ich habe getanzt, war in der Natur, war spontan, durfte Zeit mit meinen besten berliner Freundinnen und meiner Familie verbringen sowie mit neuen Menschen, habe in Tage reingelebt, hatte tolle und inspirierende Gespräche über das Reisen (Danke Arne von http://www.langsamreisen.de) und habe endlich meine Türen für Couchsurfer geöffnet.

Es war so ein schönes Gefühl, die Gastfreundschaft, die ich bereits überall auf der Welt erfahren durfte ein kleines Stückchen zurück zu geben. Mit meiner ehemaligen Mitbewohnerin an der Havel liegend erreichte mich vor ein paar Tagen die spontane Couchsurfinganfrage einer Israelin. Ich gab mir einen Ruck (Danke liebe Entspannung, die du die Bequemlichkeit besiegt hast!) und nahm sie auf. Und was soll ich sagen: Genau die richtige Bauchentscheidung. Es war eine wundervolle Begegnung, mit tollen Gesprächen u.a. über Spiritualität, neuen Perspektiven und eine eine große Vertrautheit mit einer eigentlich Fremden. Sie schenkte mir zum Abschied das Buch „Die Wolfsfrau“, ein Buch über die weiblichen Urinstinkte. Bestimmt kein Zufall, unsere Begegnung.

Da ist sie wieder, meine Energie. Ich weiß, dass in den nächsten Wochen und Monaten noch die unterschiedlichsten Phasen auf mich zukommen werden. Was ich aber auch weiß ist, dass jede Phase ihre Daseinsberechtigung hat. Man weiß vorher nie, wann eine Phase beendet sein wird. Gerade bei Phasen, die uns unangenehm sind, sehnen wir uns das Ende verständlicherweise herbei. Umso schöner ist es, wenn die unangenehmen Phasen plötzlich von einen Tag auf den anderen verschwunden zu sein scheinen. Ich brauchte anscheinend diesen finalen Abschluss in Form des Alumni Auftaktes.

Ich habe keine Angst vor meiner Reise. Respekt ja. Aber Angst nicht. Gerade fühle ich mich gut in Berlin und wenn man mich genau jetzt in diesem Moment fragen würde hätte ich auch nichts gagegen, gerade hier zu bleiben (die Bequemlichkeit). Wie gut, dass ich meine Flüge schon alle gebucht habe 😉 Aber ich weiß: Diese Reise werde ich nicht bereuen und sie wird mir Dinge schenken, die ich hier nie bekommen würde. In meinem Kopf bin ich nächsten Sommer wieder in Berlin, zumindestens für ein paar Wochen. So ganz ohne zeitliche Begrenzung bekommt das mein Gehirn noch nicht so wirklich hin. Aber vielleicht ist das auch in Ordnung so. Denn das Schöne ist ja: Ich habe keine offizielle zeitliche Begrenzung und kann mich voll und ganz meinem Gefühl hingeben und mich treiben lassen (Arbeiten ist natürlich auch eine Option während meiner Abwesenheit. Ich weiß, dass diese Frage bei dem einen oder anderen aufkommt). Und genau darauf freue ich mich: Einfach zu schauen, was das Leben für mich bereit hält ohne ein konkretes Ziel zu verfolgen, sondern einfach auf meine innere Stimme zu hören und mich vom Leben mitreißen und manchmal bremsen und innehaten zu lassen.

Das heutige Beitragsbild entstand übrigens während eines wunderbaren spontanten Kajakausfluges auf der Havel. Eine Premiere für mich, obwohl dieser Ort direkt bei meiner Heimat um die Ecke ist.

Meine Fragen an euch: Denkt an eine Phase des Abschieds: Was hat bei euch den Schalter umgelegt und wie habt ihr euch danach gefühlt? Was habt ihr gemacht?

 

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