Die Anfangsschwierigkeiten des Reisens und die Zeit mit dem Vater – Italien

Während ich diesen Bericht schreibe sitze ich in Rom auf dem Flughafen und warte auf meinen Flieger nach Kairo. Einigermaßen gestärkt durch die Reste meines letzten Abendmahles in Europa (kalte Fetuccini mit massenweise Öl und Artischokenstückchen, die man vergeblich versucht wegzukauen – und das alles ohne Gabel!) möchte ich nun versuchen, einen kleinen Einblick in die erste Woche meiner Reise zu geben.


Zweifel und Lustlosigkeit

Ich kenne das zwar schon von mir, dennoch machte es mir zu Anfang zu schaffen, dass ich oft daran dachte, ob das alles so gut sei mit der Reise. Ich fragte mich, warum ich diese Anstrengung auf mich nehme. Zu Hause ist es doch auch schön. Ich traf mich mit einer Freundin (wegen der ich nach Italien geflogen bin), was ganz nett war. Anstelle des historischen Zentrums schaute ich mir mit ihr am ersten Tag Vororte an und schleppte mich etwas durch die Gegend. Ich dachte viel nach und erinnerte mich des Öfteren daran, dass ich erst einmal ins Reisen reinkommen müsste. Mit meinen Gedanken war ich nicht im Moment, sondern in der Zeit nach meiner Reise. Ein blödes Gefühl, wenn man eigentlich gerade erst anfängt.


Zeit mit meinem Vater

Vor einigen Monaten saß ich im Bus auf Sri Lanka. In den Händen hielt ich ein Buch über Väter und Töchter und war berührt von dem Geschriebenen. In diesem Moment nahm ich mir vor, mehr Zeit mit meinem Vater zu verbringen. Dieses Vorhaben setzte ich nun in Italien um. Wir verbrachten eine wundervolle Zeit an der Almalfiküste und ich merkte, wie gut uns die gemeinsame Zeit tat. Ich stellte fest, dass es sich mit meinem Vater eigentlich sehr entspannt reisen lässt. Eine schöne Erkenntnis! Manchmal ist es gut, sich fern ab vom Alltag zu begegnen. Ich möchte nun eine kleine Annekdote erzählen, die ärgerlich und schön zu gleich ist:

Hinter uns liegt eine schöne Bootsfahrt von Sorrent nach Neapel. Mein Vater und ich sind entspannt und blicken auf ein paar schöne Tage zurück. Beide etwas planlos suchen wir nach dem Weg zum Hotel. Wir warten an der Bushaltestelle und haben beide ein seltsames Gefühl. Es ist wie eine andere Welt: Vorher waren wir in mondänen Orten an der Küste und nun scheint etwas bedrohlich hier am Hafen. Mit Sack und Pack steigen wir schließlich in einen völlig überfüllten Bus. Plötzlich sucht mein Vater panisch nach seinem iPhone und fragt die Umstehenden verzweifelt , ob sie etwas gesehen hätten. Nach dem Aussteigen kommen sofort zwei Italienerinnen auf uns zu und versuchen, uns zu helfen.  Bereits im Bus haben einige Menschen Anteil am Schicksal meines Vaters genommen. Wir gehen zur Polizei und ich versuche für meinen verständlicherweise durch den Wind geratenen Vater mit zu denken. Über die Sinnhaftigkeit unseres Polizeibesuches lässt sich streiten. Ein netter Polizist, der absolut kein Wort Englisch kann versucht uns tatkräftig zu helfen, den Namen des Hotels rauszufinden, dessen Adresse sich im gestohlenen Handy befindet (oh du praktische digitale Welt…). Mit Händen und Füßen, Brocken Englisch und ein paar Wörtern Spanisch meinerseits versuchen wir uns zu verständigen. Ich fülle eine Anzeige aus während der nette Polizist seine fehlenden Englischsprachkenntnisse durch das fleißige Tippen im Google Translator zu kompensieren versucht. Die Übersetzungen lassen mich schmunzeln. Im Endeffekt hatte ich die Adresse eigentlich die ganze Zeit richtig im Kopf und stelle fest, dass wir uns gerade alle gegenseitig verwirrt haben. Die Situation ist fast schon lustig, auch wenn die Anzeige wahrscheinlich auf einem Haufen anderer verzweifelter Handydiebstahlanzeigen vor sich hin vegetieren wird. 


Eltern und das Ziehenlassen

Das Ende unserer gemeinsamen Zeit in Italien haben wir uns beide anders vorgestellt. Was jedoch schön war, dass ich festgestellt hab, wie geduldig ich mit meinem verzweifelten Vater war. Durch den Diebstahl war mein Vater besorgter um mich als zuvor. Ihm war so etwas noch nie passiert und er fühlte sich verständlicherweise unsicher. Am liebsten hätte er mich gleich nach Berlin mitgenommen. Der Abschied war recht emotional und mir wurde noch einmal sehr deutlich bewusst, was meine Eltern mit mir „durchmachen“. Ja, ich bin alt genug und kann tun und lassen, was ich für richtig halte. Und trotzdem kann ich sie verstehen. Ich bin meinen Eltern sehr dankbar, dass sie mich immer haben ziehen lassen, auch wenn sie sich jedes Mal aufs Neue Sorgen machen, wenn ich losreise. Sie haben mich nie mit ihren Sorgen überschwämmt, sie lediglich hin und wieder leise geäußert. Sie haben mich nie festhalten wollen und haben ihre eigenen Bedürfnisse,  mich in Sicherheit zu wissen und für mich da sein zu können wenn etwas passiert, weit hinten agestellt. Wir sollten alle dankbar für solche Eltern sein, die uns so sehr lieben, dass sie uns ziehen lassen, obwohl sie sich um uns sorgen. Diese starken Gefühle meines Vaters, eine Mischung aus Stolz für seine Tochter, Angst um mich, Sorgen, Abschiedsschmerz, große Liebe und Zuneigung wurden mir im Moment der vorerst letzten Umarmung sehr bewusst. Es erfüllte mich mit großer Dankbarkeit und Liebe für meinen Vater.

            

Die vorerst letzten Momente in Europa 

Ich kann es nur jedem empfehlen, eine Stadtbesichtigung mit eigener Musik im Ohr zu machen. Wenn ich mich mit Musik im Alltag bewege fühle ich mich wie im Film. Alles wirkt anders und es ist als wenn ich von der Realität, die mich umgibt, etwas abkoppeln kann. Ich ziehe durch Rom und bin fasziniert und dem Antiken, welches überall herumsteht. Ich lasse mich treiben, lausche einem Straßenkonzert, besuche eine Ausstellung über die Randbezirke von Rom und erfreue mich der vielen kleinen Gassen, während ich mir die Touristenameisenstraßen einfach ein wenig wegdenke. An der Bushaltestelle auf dem Rückweg macht mich ein Italiener darauf aufmerksam, dass ich auf mein Gepäck aufpassen sollte. Daraus entwickelt sich ein interessantes Gespräch für fast zwei Stunden, bis ich an der Gepäckausgabe vom Hauptbahnhof angekommen bin, bis wohin er mich begleitet. Auch die kurzen Begegnungen, bei denen man ein interessantes Gespräch führt und einen kleinen Einblick in das Leben eines Menschen bekommt machen für mich das Reisen aus. Er warnt mich vor meinem bevorstehenden Couchsurfingaufenthalt bei einem Italiener und ist der Meinung, dass viele Italiener die Plattform für die Suche nach Frauen nutzen. In der Tat ist auffällig, dass ich in Rom weitaus mehr männliche und aktivere Couchsurfer auf der Plattform fand als Frauen. 99% Antwortquote und „heute aktiv“ standen oft 2% Antwortquote und „vor einem Jahr aktiv“ gegenüber. Ich hatte Glück: Riccardo hat zwar so schnell und viel geredet wie ein Wasserfall, war aber ein recht netter Geselle, der laut ihm selber die Plattform nicht für die Frauensuche nutzt. Er hat keinerlei Annäherungsversuche gemacht. Es gibt halt eben doch die Guten und diese werde ich auch weiterhin treffen. Basta!

             

Bereit für das Afrikaabenteuer

Ich freue mich nun auf Ägypten, weniger Touristen mit noblen Einkaufstüten, mehr Unbekanntes und einer Welt außerhalb Europas. Meine erste ägyptische Begegnung auf dem Flughafen in Rom: Eine ägyptische fünfköpfige Familie. In der Schlange zum Boarding versuchen alle Familienangehörigen (die Kinder sind zwischen 7-10 Jahre alt) ihre insgesamt fast 15 Handgepäckstücke (Rucksäcke, Koffer, Tüten…) nach und nach vor sich her zu schieben. Ich empfange große Dankbarkeit, als ich mich als Packesel bereiterkläre, mich für kurze Zeit ein Teil dieser ägyptischen Familie fühle und von allen aus der Familie angelächelt werde – bis sich unsere Wege im Flugzeug wieder trennen.

Ägypten ich komme mit Offenheit und Wohlwollen, trotz aller Warnungen und Sorgen, die von verschiedenen Seiten in den letzten Monaten und Woche an mich angetragen wurden.

Ach übrigens: Eine meiner drei züchtigen Unterhosen, die ich einigen C&A Besuchen erstanden habe hat heute ihre Prämiere. Was soll ich sagen: sie zwickt und zwackt. Was tut man nicht alles für ein kultursensibles Verhalten.


Meine Fragen an dich: Denke an deine letzte Reise: Hattest du auch zu Anfang gar nicht so viel Lust, zu reisen? Wenn ja warum nicht? Was waren deine Gefühle in den ersten Tage deiner Reise? Bist du schon einmal alleine mit deinem Vater gereist? Wenn ja: Wie war das für dich? Wenn nicht: Was war der Grund dafür?  Hatten bzw. haben deine Eltern Schwierigkeiten, dich ziehen zu lassen(z.B. beim Reisen)? Konntest du bzw.kannst du ihre Sorgen nachvollziehen?




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