Die wundervolle Begegnung mit Nana – einer jungen Frau aus Ägypten

Die erste Begegnung, über die ich schreiben möchte ist über die mit Nana. Diese junge, energiegeladene und sensible Frau ist die beste Freundin meines ägyptischen Freundes. Was ich von ihr weiß, als ich in Ägypten ankomme ist nur, dass ich sie mögen werde, sie sehr verrückt ist und sich gerne westlich modisch kleidet. Womit ich nicht rechne ist, dass ich eine so komplexe, vielfältige und liebenswürdige Frau kennen lerne, mit der ich mich so wohl fühle. Nana ist in der Schauspielausbildung, hat große Träume, ist talentiert, liebt es, Fotos von sich selber zu machen, sich sehr westlich zu kleiden und fühlt sich im eigenen Land als Frau gefangen. Wenn ich an Nana denke kommt mir als erstes das Wort „Freiheitsdrang“ in den Sinn.
Das Auto – ein unabdingbares Mittel um sich einigermaßen frei zu fühlen
Vor ein paar Monaten hatte sie einen Autounfall – Totalschaden. An ihrer Schläfe entdecke ich eine feine Narbe. Sie war nicht angeschnallt, so wie anscheinend viele Ägypter hier. Ungläubig schaue ich sie an als sie mir erzählt, dass sie es auch weiterhin nicht tun wird. Sie fühlt sich sonst gefangen. Sie möchte frei sein. Das Auto allgemein ist für sie ein Weg, einigermaßen frei zu sein in einer Gesellschaft, in der „gute“ Frauen ihre Haut bedecken müssen und nur ihr Gesicht und vielleicht die Oberseiten ihrer Füße und ihre Hände zeigen dürfen. In einer Gesellschaft, in der die Frau manchmal nicht ernst genommen wird und oft einen Mann braucht, um Dinge wirklich regeln zu können. So erzählt es mir Nana. „Wenn ich mit dem Auto fahre kann ich anziehen, was ich will“, erklärt sie mir. Sie hasst die lokalen Gegenden der Stadt, wo sie niemals mit ihrer Kleidung rumlaufen könnte. Sie hasst die U-Bahn, wo sie böse Blicke der anderen Frauen ernten und Belästigungen der Männer ertragen muss. Wir nehmen für jede Strecke das Taxi. Manchmal werden wir von ihrem Cousin mit dem Auto abgeholt. Normalerweise würde ich wahrscheinlich irgendwie versuchen, mit Minibussen oder den anderen lokalen Verkehrsmittel von A nach B zu kommen. Ich muss aber zugeben, dass ich mich mich mit dem Taxi weitaus sicherer und entspannter fühle. Natürlich war mir das Auto schon vorher als ein Symbol für Freiheit bewusst. Nana macht mir bewusst, dass das Auto einer der wenigen Wege sein kann, ein sebstbestimmtes Leben zu führen und die Kleidung zu tragen, die sich mit der eignen Persönlichkeit vereinbaren lässt. Das Auto steht in Nanas Geschichte für eine ganze Lebenseinstellung und der Sehnsucht nach Freiheit.

Westliche Kleidung als Ausdruck von Persönlichkeit
Nana redet sich in Rage, wenn es um das Thema Freiheit von Frauen in Ägypten geht. Sie kann es nicht verstehen, warum sie nicht einfach so sein kann, wie sie ist. Warum sie nicht selber entscheiden kann, was sie anzieht. Sie kämpft gegen alles und jeden, was nur darauf hindeuten könnte, sie in irgendeiner Weise einzuschränken. Natürlich weiß ich über das Problem von Frauen in sehr vielen Ländern dieser Welt, nicht wirklich frei sein zu können. Es ist aber noch einmal ein ganz anderes Gefühl, eine solche Frau in all ihren Facetten kennen zu lernen und ihren Schmerz und ihre Wut über die Zustände bei den Gesprächen fast schon selber spüren zu können. Traurig erzählt sie mir, wie die konservativ eingestellten Menschen sie als unanständig abstempeln oder als Prostituierte. Sie kann die Menschen in ihrem Land nicht verstehen, warum sie so denken. Sie erzählt mir, dass die Menschen ihres Landes schon einmal viel offener gedacht haben, es aber in den letzten Jahren immer schlimmer wird.

Einfach mal rauskommen…
In Ägypten ist es wohl keine Seltenheit, dass Frauen von Männern belästigt werden. An einem Nachmittag laufen wir die Straße entlang, um zu einem Taxi zu kommen. Ich spüre plötzlich einen Stein an meinem Fuß und glaube zuerst, es hätte sich einer von der kleinen Mauer gelöst. Als ich einen weiteren kleinen Steinschlag an meinem Körper spüre drehe ich mich um. Hinter uns laufen ein paar junge Männer, die uns grinsend mit kleinen Steinen beschmeißen. Ich kann es nicht fassen und bin froh, als wir in das nächste Taxi einsteigen.
Oft möchte Nana einfach nur weg. Kann sie aber nicht, denn sie fühlt sich für Ihre Mütter verantwortlich. Mit fünf Jahren verlässt der Vater Mutter und Tochter. Der Kontakt bricht vollkommen ab. Seit dem sind die zwei Frauen auf sich selber gestellt. Nana hat jede Minute, die sie von ihrer Mutter getrennt ist, Angst um sie: Sie könnte krank werden, irgendetwas brauchen, beim Überqueren der Straße verletzt werden, hilflos sein. „Sie ist wie ein Baby“, sagt sie über ihre Mutter. Mir wird mit aller Deutlichkeit bewusst, wie verzweifelt ihre Lage ist und wie gefährlich es ist, wenn Kinder nicht die Rolle bezogen auf ihre Eltern übernehmen, die für sie vorgesehen ist: die des Kindes und nichts anderes. Ich rede nicht von pflegebedürftige Eltern, das ist noch einmal etwas anderes. In diesem Falle ist eine Verwirrung der Rollen innerhalb der Eltern-Kind-Beziehung wohl nicht zu vermeiden. Aber Nanas Mutter ist nicht pflegebedürftig. Sie arbeitet als Geschichtslehrerin an verschiedenen Schulen. Die Symbiose zwischen den Frauen ist augenscheinlich so stark, dass Nana trotz ihres unbändigen Freiheitswillen ihre Mutter nicht alleine lassen kann. Sie träumt davon, zu reisen und ins Ausland zu gehen. Sie braucht eine Pause.

Tiefe Gespräche über das Frausein
Die Gespräche mit Nana und ihre Person an sich lösen etwas in mir aus. Wir fühlen uns sehr verbunden und ich sehe so viele Dinge in mir in ihr, auch solche, die ich eigentlich gerne leben würde. Es gibt Momente, in denen wir beide Tränen in den Augen haben, wenn wir miteinander reden. Sie öffnet sich mir und ihre Begründung, warum sie mir so offen und vertraut begegnen kann, finde ich sehr einleuchtend und berührend. Ich bin überrascht, wie schnell sie mir nach meiner Frage die Antwort geben kann:
„1. Ich habe nichts zu verbergen“
„2. Ich fühle mich bei dir sicher und wohl“
„3. Mir ist bewusst, dass du bald gehst. Ich weiß, dass du nicht in meinem Leben hier in Ägypten sein wirst und dadurch nicht die Gefahr besteht, dass du mich verletzt. Deswegen kann ich mich dir so öffnen.“
Mein Herz fängt etwas schneller an zu klopfen, als sie mir von ihrer Angst, verletzt zu werden, erzählt. Es resoniert mit dem Gefühl, Menschen zwar sehr nah an sich ranzulassen, aber eben doch nicht bis ganz ans Ende. Ich spüre genau diese Mauer in mir selber, von der sie erzählt. Ich spüre dieses Gefühl von Verantwortungsdrang, den auch sie spürt. Das Gefühl, sich um das Wohl der anderen Menschen zu sorgen. Wir sind uns einig, dass dies eine gute Angewohnheit ist, aber nur, wenn man die Balance hält.
Ich bin fasziniert von ihrem Selbstbewusstsein, ihrer Stärke, Energie, Verrücktheit, Weiblichkeit, Energie, ihrer Liebe zu sich selber. Ich bin begeistert von ihrer Ausstrahlung, ihrem Mut, ihrem Lachen, ihrem ausgelassenen Tanzen in einem Club, der Art und Weise, wie sie Menschen begegnet. Ich bin berührt von ihrer Güte, Sensibilität, ihrem kümmernden Wesen, ihrer Zurückhaltung und Verletzlichkeit.
Während ich bei den Pyramiden die Menschen, die mir etwas andrehen wollen eher abwimmel, wird Nana unsicher und lässt sich bequatschen. Sie wird unsicher, wenn sie das Gefühl hat, den Menschen könnte es vielleicht nicht gut gehen uns sie müsste Ihnen helfen. Sie kommt mit einer alten, ihr fremden Frau ins Gespräch und gibt ihr ihre Telefonnummer. Verwundert frage ich sie nach dem Grund. Ihre Antwort zeigt so viel von ihrer sich kümmernden Persönlichkeit: „Ich habe ihr meine Nummer gegeben, weil es vielleicht mal einen Moment geben wird, in dem die alte Frau Hilfe braucht und sonst niemanden hat.“ Ich bin sprachlos. Ich frage sie, ob sie das öfters macht und sie erzählt mir eine Geschichte:
„Vor einiger Zeit kam ich in der U-Bahn mit einem Mädchen ins Gespräch. Sie fragte mich nach meiner Nummer, damit man sich noch einmal sehen könne. Kurze Zeit später rief sie mich an und beklagte, dass sie niemanden für Unternehmungen hätte und ob ich Zeit für sie hätte. Ich verbrachte einige Stunden mit dem Mädchen aus der U-Bahn, ging mit ihr Shoppen und in ein Café. Im Café ging sie einige Male auf Toilette während ich jedes Mal auf ihre Sachen und neuen Errungenschaften aufpasste. Schließlich musste ich selber auf die Toilette. Als ich wiederkam war sie weg und mit ihr all meine Sachen, mein Geld, meine Handys, meine Shoppingerfolge. Ich hatte nix mehr, ging durch die Straßen und weinte. Ich weinte aus Trauer über den Verlust und aus Enttäuschung.“

Dankbarkeit für die Begegnung

Ich bin so dankbar für die Begegnung mit Nana. Es ist erstaunlich, wie gut man sich mit Menschen verstehen kann, die man kaum kennt. Es ist wundervoll, wie man sich selber in anderen Menschen sehen kann und wie man Dinge entdeckt beim anderen, die man selber gerne ausleben möchte. Wir beide sind beim Abschied traurig und spüren aber, dass dies nicht das letzte Mal gewesen sein wird.

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