Ein Wochenende bei einer Familie in Alexandria

Nur ein paar Stunden verbringe ich im Bus von Kairo nach Alexandria mit mir selber. In der Stadt am Meer erwartet mich schon Hesham, ein sehr guter Freund meines ägyptischen Freundes. Er spricht fließend Spanisch und arbeitet selbstständig als Tourguide für spanische Gruppen und als Schauspieler.

Ich habe die großartige Möglichkeit, bei seiner Familie zu wohnen. Gleich nach meiner Ankunft fahren wir zu seinen Eltern, wo ich seine Frau und zwei Kinder kennen lerne. Da ich mich mit seinen Eltern auf Grund der Sprachbarrieren nicht unterhalten kann und mich noch etwas zurückhaltend fühle, fange ich an, mit den Kindern zu spielen und Quatsch zu machen. Ich stelle mal wieder fest, dass man mit Kindern so wunderbar in Kontakt kommen kann, auch wenn man keine gemeinsame verbale Sprache spricht. Ich gebe meinen extremlimitierten Arabischwortschatz zum besten und ernte von dem 5 jährigem Sohn gespielte Entrüstung, als ich ihn „magnuna“ nenne, was so viel wie verrückt heißt. Er reißt theatralisch seine wunderschönen Kulleraugen auf uns verkündet auf arabisch, dass er nun bis zum Morgen nicht mehr mit mir reden würde, was wahrscheinlich noch nicht mal fünf Minuten anhält. Wir essen um 3 Uhr nachts Falafel mit Bohnen im Wohnzimmer von Hesham, wo die kleine Tochter mit uns noch bis um 4 Uhr nachts rumwuselt. Das sei an Wochenenden normal sagt mir die Mutter.

 

Mein kleiner neuer Freund Jechie
Jechie ist fünf und hat ein großes Herz und riesige braune Augen, von denen man sich nicht sattsehen kann. Eigentlich denke ich das ganze Wochenende über, dass er ein Mädchen ist. Ich verstehe anscheinend etwas falsch, als mir der Ursprung des Namens erklärt wird. Johanna ist für mich nun mal weiblich, aber hier anscheinend nicht. Ich wundere mich die ganze Zeit darüber, dass Jechie auf Super- sowie Spidermänner steht und wie ein Junge gekleidet ist. Jetzt weiß ich warum. Egal ob Junge oder Mädchen, Jechie hat mich beeindruckt. Er kann bis zum Ende unserer Begegnung nicht so wirklich glauben, dass ich kein Arabisch spreche. Da er pausenlos mit mir redet, nicke ich einfach manchmal und errate, was er sagen könnte. Zu seinen Eltern sagt er: „Ihr habt nicht Recht, sie versteht Arabisch.“ Jechie lernt bereits ein wenig Englisch und bringt mir mit Hilfe seines Englischbuches die arabischen Begriffe für die Bildchen bei. Ich spreche alles brav nach (Jechie ist recht streng und macht sich manchmal über meine Aussprache lustig) und ich vergesse natürlich jeden Begriff gleich wieder. Der kleine Junge hat zum ersten Mal in seinem Leben mit jemanden etwas zu tun, der kein Arabisch kann. Mir wird Bewusst, wie wichtig für ihn diese Begegnung sein kann um zu merken, warum man Englisch eigentlich gebrauchen kann und dass nicht jeder seine Sprache sprechen kann. Diese Erfahrung wünsche ich mir für jedes Kind, was eine andere Sprache lernt. Er schließt mich sofort in sein Herz und ich ihn in meines. Ich albere mit ihm in den Fluten des türkisblauben Meeres rum, baue Kleckssandburgen, male mit ihm auf meinem Bauch Bildchen aus seinem Matheheft aus und wiege zu seiner und der Belustigung seiner Schwester seinen Superman in den Schlaf. Jechie hat einen großen Gerechtigkeitssinn: An einem Nachmittag essen wir kleine Pizzastückchen und er will nach dem letzten Stückchen greifen. Er hält inne, schaut mich an und rennt in die Küche, um noch weitere Stückchen zu holen. Ich bin gerührt. Jedes Mal wenn er mich sieht, muss er lächeln, will im Auto auf meinem Schoß sitzen und schläft dort selig ein. Mein Herz hüpft als er und seine kleine Schwester neben mir her laufen und jeweils eine Hand von mir in die ihre schließen. Wir kommen aus völlig anderen Kulturen, sprechen keine gemeinsame verbale Sprache und fühlen uns doch gleich verbunden. Mit Kindern geht das so wunderbar einfach. Sie haben keine Vorurteile, keine großen Hemmungen und verzweifeln auch nicht so schnell, wenn man ihr arabisches Wasserfallgerde absolut nicht verstehen kann. Die Kinder nehmen mich sofort an und dieses Gefühl erfüllt und macht mich glücklich. Als ich gehen muss ist Jechie augenscheinlich traurig, er nimmt mich in den Arm und schenkt mir zum Abschied einen blauen Smartie.

 

Gastfreundschaft für eine Fremde
Was mich auf meinen Reisen mitunter immer am meisten beeindruckt, rührt und bereichert ist die großartige Gastfreundschaft, die ich immer wieder erfahren darf. Hesham kennt mich nicht und dennoch lässt er mich so nah an das liebste was er hat ran – seine eigene Familie. Er sagt: Freunde von Amadu sind auch meine Freunde. Ich werde herzlich empfangen und mir wird viel Interesse und Aufmerksamkeit entgegengebracht. Ich spüre, wie sie sich über die Begegnung mit mir freuen. Ich bekomme nicht nur Einblick in ihr Leben, sondern sie auch in meines. Es ist eine gegenseitige Bereicherung und ein interkultureller Austausch. Wir gehen gemeinsam an den Strand und sie bedanken sich für den schönen Tag, den sie ohne mich nicht an diesem Ort verbracht hätten. Sie sorgen sich um mich und tun alles, damit ich mich wohl fühle. Besonders bewegt bin ich von der Güte des Großvaters. Der Vater von Aya war ein relativ erfolgreicher GEschäftsman. Im Wohnzimmer der Großeltern hängt ein streng dreinblickendes Bild in Großformat von ihm in einem goldenen Rahmen. Ich ertappe mich, wie verwundert ich bin, dass er mir einen Tee macht und sich um mein leibliches Wohl kümmert. Ich hätte es von seiner Frau erwartet, nicht von ihm. Noch verwunderter und dann sehr gerührt bin ich, als er mir nach meinem Post-Strand-Duschbesuch in seinem Haus lächelnd einen Kamm reicht (ein paar Minuten zuvor hatte ich mir innerlich einen herbeigewünscht). Spätestens als er mir kurz darauf eine pflegende Haarcreme in die Hand drückt, lässt er mein Herz schmelzen. Was für eine liebevolle Geste. Ich muss gestehen, dass ich diese von einem älteren ägyptischen Ex-Unternehmer nicht unbedingt erwartet hätte. Ich bemerke, wie liebevoll die ganze Familie miteinander umgeht und wie eng verwoben sie alle miteinander sind. Ich spüre den Zusammenhalt und die Zuneigung füreinander. „Die Familie ist das Wichtigste für uns in Ägypten.“ wird mir gesagt. Das trifft auf diese Familie auf alle Fälle zu.

 

Hijab ist nicht gleich Hijab

Ich habe schöne Gespräche mit Aya, der Frau von Hesham. Sie trägt ein Kopftuch und nur ihr Gesicht, ihre Hände und ihre Fußoberseiten sind nicht bedeckt. Sie ist 27 und hat zwei Kinder. Sie hat studiert und möchte gerne so bald es geht wieder arbeiten. Sie will finanziell unabhängig sein und findet in ihrem Job die Selbstbestätigung, die sie neben den Kindern braucht. Aya trägt ihre bedeckende Kleidung, weil sie es selber möchte. Für sie ist es in Ordnung, dass manche Frauen in Ägypten dies nicht tun. Kleidung ist für sie Ausdruck der eigenen Persönlichkeit und etwas sehr Individuelles. Frauen in Burkas machen ihr hingegen etwas Angst, das findet sie zu extrem. Sie ist eine offene junge Frau, mit Träumen und Ambitionen. Sie hört mir gerne zu und erklärt mir, wie ägyptische Männer manchmal ticken. Wir reden sehr offen miteinander und ich stelle fest, dass das Thema mit den Frauen in Ägypten nicht schwarz-weiß gesehen werden kann. Es lohnt sich, genauer hin zu schauen. Nicht jede Frau mit einem Hijab tickt gleich. Ich frage mich, wie Aya auf Nana reagieren würde und umgekehrt, wenn sie an einem Tisch säßen. Würden sie sich aufeinander einlassen? Ich würde es mir wünschen.

Ich bin wieder sehr dankbar, dass Menschen mir einen Einblick in ihr Leben geschenkt haben. Ich bin bereichert und hinterlasse auch bei der Familie Spuren, die mich am Ende des Wochenendes aus dem Auto heraus wildwinkend verabschiedet.

Ein paar Fragen an dich:

Wurdest du schon mal von einer fremden Familie beherbergt? Wie wurdest du aufgenommen? Hast du selber schon mal jemanden aus einem anderen Land bei dir aufgenommen, den du gar nicht kanntest?  Wenn ja wie war das für dich? Wenn nein, was hat dich bisher davon abgehalten?

 

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2 Gedanken zu “Ein Wochenende bei einer Familie in Alexandria

  1. Hallo Veronika,
    folge dir auf deinen Reisen … und freue mich für dich!!!!!!!!!!!
    Auch wenn ich von kleineren Radien berichten kann, so bin ich doch gereist, im Ostblock, versteht sich.
    Und seltsamerweise habe ich ganz ähnliche Erfahrungen gemacht.
    Meine Meinung: Die Welt ist ein Dorf! Und die Menschen sind sich zu 99,9% ähnlich, das ist wissenschaftlich erwiesen!
    Gute Nacht und weiterhin gute Reise!!!!!
    Freue mich immer , von dir zu lesen….
    DANKE! Christina!

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