Ein Ausflug in die theoretische Stille der Wüste

Willkommen im Sperrgebiet

Ich schaue aus dem Fenster meines privaten Taxis und schaue ungläubig auf die Weiten der Wüste und frage mich, wie Menschen hier leben können. Mit Zeichensprache frage ich den Taxifahrer nach der Dauer unserer Fahrt zur Oase. Anscheinend habe ich das mit der Stunde falsch verstanden, denn es sollen knapp über vier Stunden vergehen, bis ich ankomme. An einer Rastsstelle identifiziert mich ein Tourguide als eine Deutsche und zeigt grinsend auf meine Birkenstockschuhe. Er erzählt mir, dass das Gebiet wo ich hinfahre eigentlich gerade offiziell gesperrt ist und sich momentan nur Chinesen hier hintrauen. Ob ich ihm das glauben kann weiß ich nicht.  Vor einer Weile wurde hier wohl eine mexikanische Touristengruppe versehentlich von Militärflugzeugen abgeschossen. „Ups!“, denke ich mir. Das wusste ich nicht. Aber jetzt ist es eh zu spät um umzukehren. Außerdem war es ja auch schließlich ein Versehen.

Das Gefühl von Oasenromantik

Ich werde von einem Freund von Hesham empfangen, der für mich die Tour in die Wüste organisiert. Wir fahren zu einem wunderschönen Salzsee dessen Salzkruste am Rande des Sees in der Abenddämmerung wie Schnee aussieht. Es ist unglaublich ruhig an diesem Ort und ich fühle, wie ich zur Ruhe komme. Es ist wahrhaftig eine Oase im Kontrast zu dem vielen Verkehr, dem vielen Staub und dem Trubel, den ich bisher in Ägypten erlebt habe. Die Sonne verschwindet majestätisch hinter den Hügeln der Oase und macht den unendlich vielen Sternen Platz, die munter um die Wette funkeln. Heny ist ein angenehmer Mann, der mir alte Geschichten vom Islam erzählt, während sein Freund auf dem offenen Feuer einen starken Tee kocht, den er mir in einem kleinen Becher zusammen mit einem Meer an Zucker reicht. Ich fühle mich wohl und spüre, wie ich diese Ruhe brauche. Es ist immer wieder erstaunlich, welchen Effekt die Natur auf die innere Ruhe hat. Egal ob Wasser, Stille, Weite, Wälder sie alle lösen positive Dinge in uns aus. Sie bringen uns zum Nachdenken, zum Innehalten, zum Ruhen, zum Enspannen, zum Abschalten. Ich war noch nie zuvor in meinem Leben in einer Oase, jetzt kann ich verstehen, warum dieser Begriff in unserem Alltag für etwas gebraucht wird, das uns Ruhe gibt.

Am nächsten Tag bekomme ich eine private Tour durch die Oase. Ich bestaune die wüstenartige Landschaft, genieße frische Datteln direkt von der Palme, pose mit Kamelen un Strecke meine Füße in eine nicht auszuhaltend heiße Quelle. Am Anfang gab es nur eine kleine natürliche Quelle in dieser Oase, an der sich im laufe der Zeit Menschen angesiedelt haben. Die  neuen Bewohner bohrten nach Wasser und je nachdem wie viel Glück sie hatten (es kommt nämlich auf die Tiefe an) kamen sie an kaltes Wasser oder eben an fast kochend heißes aus den Tiefen der Erde. Sie bestellten das Land und machten diesen Ort mitten in der Wüste zu einem lebenswerten.
20 Chinesen und ich

Um den Preis für die Tour preiswerter zu machen willige ich ein, den zweiten Tag mit einer chinesischen Reisegruppe zu verbringen. Es ist wohl wirklich so, dass seit der Revolution die Europäer eher fernbleiben und dafür massenweise Chinesen in das Land der Pharaonen kommen. Womit ich nicht rechne ist, dass die Reisegruppe nicht aus 6 sondern aus 20 Chinesen besteht. Es liegt wohl in der Natur der Dinge, dass eine große Gruppe an Menschen nicht gerade leise ist. Während um mich herum Selfies gemacht, Flickflacks zum besten gegeben werden und ununterbrochen geredet und gelacht wird, sehne ich mich in der Wüste einfach nur nach Stille. Es ist für mich etwas besonderes an einem Ort der absoluten Stille zu sein und es grenzt für mich an Folter, dass ich diese nicht genießen kann. Sei es beim Sonnenuntergang, unter dem Sternenhimmel, beim Sonnenaufgang, beim Essen, beim Durchstreifen der Sanddünen, ich suche in Gedanken stets nach der unrealistischen Möglichkeit, die Wüste wieder auf „stumm“ zu schalten. 

Alleine mit mir

Ich spüre, wie ich mich alleine unter den vielen Menschen fühle, separiere mich von ihnen  absichtlich und suche nach Wegen, die Wüste für mich zu genießen. Meine Musik bringt mich zwar nicht in eine Welt der Ruhe aber in eine Welt, in der ich die Natur vollkommen genießen kann und von der restlichen Welt abgekapselt bin. Am Abend würde ich gerne zu den Trommeln tanzen und schäme mich vor der Gruppe, so richtig aus mir rauszukommen. Ich würde gerne in die Weite schreien, einfach nur mal so. Auch dafür schäme ich mich und kann auch diesem Bedürfnis nicht nachgehen.

In der Nacht schlafe ich nicht im Camp, sondern ziehe meine Matte durch den Sand bis hinter einen Steinberg. Ich schaue in den Sternenhimmel und freue ich über jede einzelne Sternschnuppe. Eine scheint sogar in Zeitlupe vorbei zu fliegen und ich kann richtig sehen, wie sie verglüht. Ich werde sentimental dort hinter dem Hügel. Ich fühle mich einsam und sehne mich nach Nähe, jemanden, den ich liebe und er mich. Jemanden, der mit mir die Stille der Wüste gemeinsam genießen möchte. Ich stelle mir vor, wie dieser jemand mich liebevoll in die Arme nimmt und mein Gesicht sanft berührt. Ich öffne langsam die Augen und muss ernüchtert feststellen, dass ich alleine bin. Das sind diese Momennte beim Reisen, in denen man sich wünscht, eine sehr vertraute Person oder noch besser einen Partner bei sich zu haben. 

Mit vielen Gedanken und Gefühlen schlafe ich irgendwann ein. Mitten in der Nacht schrecke ich auf und weiß absolut nicht, wo ich mich befinde. Ich sehe nur riesige Schatten um mich herum und bekomme Angst und mein Herz fängt an, schneller zu schlagen. Erst als ich mich erinnere, dass ich in der Wüste bin, kann ich mich etwas beruhigen. Eigentlich weiß ich, dass um mich herum ein großes Nichts ist (na ja bis auf die 20 Chinesen und das Tourenteam). Seltsam, dass mir dieses große Nichts Angst einflößt. Es ist die unbekannte Umgebung, die Schatten und meine Fantasie. 

Die Sonne weckt mich auf und ich erfreue mich ihres Aufstieges. Ich genieße noch einmal die Fastruhe, mache ein paar Yogaübungen in der Morgensonne und lasse meinen Blick ein letztes Mal über die skurrilen weißen Felsen der weißen Wüste schweifen, bevor die 20-köpfige Reisegruppe und ich über die Wüstenstraße zurück in die Oase brettern.

Meine Frage an dich:

Warst du schon einmal in der Wüste und wie hast du dich dort gefühlt? Welche Bedürfnisse hattest du dort? Hattest du schon einmal einen Moment in der Natur, in der du deinen Bedürfnissen nicht so wirklich nachgehen konntest? Was hat dich daran gehindert? 




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