Eine Hochzeit und die ältere Reisedame

Diese Geschichte ereignete sich am 9. Oktober 2016
Die unendliche Geschichte

Nach einer 16-stündigen Zugfahrt entlang des Nils von Kairo bis nach Assuan stärken sich Nana und ich beim Frühstück auf der Dachterrasse unseres Hotels. Ich freue mich, dass meine neue ägyptische Freundin spontan mit mir gekommen ist und damit ein wenig von zu Hause rauskommt. Wie das beim Reisen so ist machen wir gleich neue Bekanntschaften. Jedoch nicht irgendeine, sondern mit der energetischen, wundersamen, abenteuerlustigen, herzlichen, verrückten Sarah (Name geändert) aus Kanadaaustralien. Sie ist eine 79- Jährige Reiseschriftstellerin und hat einen riesigen Koffer voller abenteuerlichen Reisegeschichten. Sie strahlt so viel Lebensfreude aus und wenn sie ihre Geschichten erzählt ist es, als wenn sie eines ihrer Bücher vorlesen würde. Sie ist eine Meisterin des Geschichtenerzählens und zu Beginn hänge ich ihr noch gespannt an den Lippen. Nach einer kurzen Weile merke ich jedoch, dass ich das große Buch der Reisegeschichten nicht kurz zuklappen und zur Seite legen kann, um das Erfahrene erst einmal zu verarbeiten. Ihr Leben ist einfach total verrückt und außergewöhnlich. Das Buch findet kein Ende und lässt Geschichte über Geschichte auf mich niederprasseln, bis ich Hörnot bekomme. Ich spüre irgendwann am Abend ein starkes Klopfen in meinem Brustkorb, welches nach Ehrlichkeit ihr gegenüber fleht. Ich bewundere diese Frau, sie fasziniert mich und gleichzeitig habe ich das Gefühl, ihr etwas sagen Wichtiges sagen zu müssen: „Sarah, du bist eine wunderbare Geschichtenerzählerin, ich bewundere dich. Aber gib mir Pausen zwischen deinen Geschichten. Ich muss sie verarbeiten.“ Es ist nicht einfach, einer fremden Person so etwas zu sagen. Sie ist dankbar, dass ich es ihr sagen. Sie weiß darum und schätzt meine Ehrlichkeit. Ich habe im Anschluss an dieses Gespräch zwar immer noch keine Möglichkeit, ihr Buch kurz zuklappen aber besitze das zufriedene Gefühl, aufrichtig ihr gegenüber gewesen zu sein. Für mein Buch gibt sie mir einen simplen Rat: Schreib einfach.
Und plötzlich ist man Gast

Sarah ist mit einem fast 30 Jahre jüngeren Ägypter verheiratet. Aber Sarah wäre nicht Sarah, wenn ihre Ehe nicht auch eine abenteuerliche und etwas skurrile Geschichte im Schlepptau hätte. 2012 war sie das erste Mal in Ägypten. Ihr Zukünftiger hat ihr geholfen, nachdem ihr im Sudan ihr ganzes Gepäck geklaut wurde. Er hat sich als ihr Tourguide angeboten. Und da haben sie einfach geheiratet, weil das dann so einfacher war und sie die äyptischen und nicht die touristischen Preise zahlen braucht. Später hat sich dann die wahre Zuneigung zueinander entwickelt sagt sie. Ich kann es erst nicht so glauben, aber es scheint wahr zu sein. Es ist alles absurd. Sie baut ein Haus für ihn, er trägt ihr Portmonaie und verwaltet es, weil sie schon etwas verhuscht ist. Ich kann diese Beziehung nicht so wirklich durchblicken, denke mir meinen Teil und versuche zu akzeptieren, dass manche menschliche Verbindungen rätselhaft sind.

Bereits beim Frühstück werden wir durch ihre Bitte von ihrem Mann zur Hochzeit seines Bruders in einem nubischen Dorf eingeladen. So geschieht es, dass wir uns am Abend zwischen unzähligen fröhlich tanzenden Kindern wiederfinden, die vor allem von Nana fasziniert sind und sie nicht so richtig einordnen können durch ihre Art und ihren Kleidungsstil. Ich stelle verwundert fest, dass ich auf dieser Hochzeit weniger exotisch bin als meine ägyptische Begleitung. Ich schäme mich für das etwas eifersüchtige Gefühl, weniger Aufmerksamkeit von den Kindern zu bekommen. Es ist wohl nie so richtig angenehm, wenn man vermeintlich negative Charakterzüge an einem selber feststellt.

Die gesamte Feier ist zweigeteilt: Im Innenhof tanzen die Frauen. Im Hof vor der Tür feiern die Männer. Eine Vermischung der Geschlechter findet nur statt, als wir die Braut vom Frisör abholen. Als der Bräutigam seine frisch Vermählte die Treppenstufen vom Frisuren-und Make-up Künstler hinabführt fangen die Trommler wild an zu trommeln und zu singen. Festlich gekleidete Frauen und Mädchen lassen bunte Glitzerstäbe in der Luft tanzen und ich beobachte fasziniert das bunte Treben der Menschenmasse. Es ist der 3. Tag der Hochzeit und die Braut sieht schon etwas erschöpft aus.

Bevor das Brautpaar zur Hochzeitsgesellschaft hinzustößt haben wir die Möglichkeit, das zukünftige Haus zu besichtigen. Alles wurde (in Absprache mit dem Brautpaar) von der Familie komplett eingerichtet. Noch bis kurz vor der Hochzeit wurde Geschirr eingeräumt, Betten zusammen gebaut und sämtliche neue Kosmetikartikel auf dem Schminktisch drapiert. Alles wurde neu gekauft und sogar das Kinderzimmer für die zukünftigen Kinder wartet bereits komplett eingerichtet auf den noch nicht existierenden Nachwuchs. Das quitschige Rosa des Ehebettes und den Herzen mit „I Love you“ – Sprüchen an der Wand macht mir wieder Bewusst, wie unterschiedlich Geschmäcker von Mensch zu Mensch und Kultur zu Kultur doch sind. Für mich ist die komplette Inneneinrichtung Kitsch hoch 10.

Nach anfänglichem Gefühl der extremen Deplazierug auf dieser Hochzeit beginne ich großen Spaß am Tanzen zu finden. Die Schuhe werden zur Seite gelegt, damit sich die Füße besser auf dem sandigen Fußboden bewegen können. Dank der kleinen Mädchen habe ich ein ein paar neue orientalische Tanzmoves gelernt. Diesmal ist das Tanzen unsere gemeinsame Sprache. Neben unserem bunten Tantrupp sitzen schwarzgekleidete Frauen auf dem Fußboden. Für sie müssen wir ein seltsames und belustigendes Bild zugleich abgeben.

Irgendwann werden Nana und ich des Tanzens müde. Bevor wir gehen können müssen wir noch die aufgeregt umherhuschende Sarah einfangen, die mit ihren zwei Zöpfen und rosa Haargummis wie ein junges etwas verrücktes Mädchen wirkt. Wir können sie zum Glück von ihrer verzweifelten Suche nach der Hochzeitstorte abbringen, um gemeinsam mit vielen neuen Eindrücken zum Hotel zurück zu fahren.

Fragen an dich:

Erinnere dich an eine Sitation, in der du eine andere Person darum beneidet hast,dass sie mehr Aufmerksamkeit als du selber bekommen hast. Wie hast du dich ganz genau gefühlt? Erinnere Dich außerdem an einen Moment in dem du gespürt wie ich bei Sarah gespürt hast, eine Wahrheit aussprechen zu müssen. Warum hast du diese Wahrheit vielleicht nicht ausgesprochen? Und wenn du es getan hast: wie hat die Person reagiert und wie hast du dich danach gefühlt? Würdest du schon einmal einfach spontan zu einer Hochzeit eingeladen? Was hast du dort erlebt?

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