Das Ende des Ägyptenkapitels

Dieser Bericht entstand auf einer 8-stündigen Taxifahrt von Marsa Alam nach Kairo am 14.10.2016
Meine Zeit in Ägypten ist nun vorbei. Meine Befürchtungen und Ängste dieses Land zu bereisen waren unbegründet. Dass ich mich so sicher und behütet gefühlt habe lag aber definitiv daran, dass ich stets so viele Menschen um mich hatte, die sich so rührend um mich gekümmert und gesorgt haben. Ich bin vielen sehr hilfsbereiten und fürsorglichen Menschen begegnet, die mir Einblicke in ihr Leben gegeben haben. Das Land der Pharaonen ist für mich kein besonders schönes Land, was die Natur anbelangt (abgesehen vom Nildelta und der Wüste). Es ist mir hier zu trocken, zu wüstig. Mir fehlt hier die grüne Natur. Aber das ist natürlich sehr subjektiv.

Todesfahrer ohne Skrupel

Ich kann mich nicht erinnern an einem Ort gewesen zu sein, wo der Verkehr aggressiver ist als in Kairo. Es scheint absolut keine Regeln zu geben, Anschnallgurte sind anscheinend nur Deko und man bekommt als Fußgänger irgendwann unweigerlich das Gefühl, eine Spielfigur der Autofahrer zu sein, die nur darauf warten, einen über den Haufen zu fahren. Ich bin froh, Taxistammgast geworden zu sein und mich in dieser überdimensional großen Stadt nicht orientieren zu müssen. Ich muss zugeben, dass ich es noch nicht einmal versucht habe, mich hier zu orientieren. Hier leben circa 22 MILLIONEN Menschen, fast alle Häuser sind beige Hochhäuser. Die Innenstadt ist modern, mit schicken Hotels und modernen Gebäuden. Ich könnte nie nie nie in dieser Stadt leben. Unter einem Moloch habe ich mir etwas schlimmeres vorgestellt. Aber die Stadt ist einfach zu groß und man braucht ewig, um sich durch den Verkehr zu kämpfen. Totalem habe ich hier einige Oasen und wirklich schöne Orte  entdecken dürfen, wie ein Café auf einem Berg mit Blick auf die Stadt, die Basare, einen königlichen Garten und vieles mehr.

Mehr Sicherheit als gedacht

Was die Belästigungen von männlichen Wesen anbelangt habe ich weitaus Schlimmeres erwartet. Wie oft wurde ich vorher von vielen Seiten gewarnt. Wahrscheinlich lag das auch daran, dass ich sehr oft von ägyptischen Bekannten umgeben war und viel mit Taxis und privaten Autos unterwegs war. Insgesamt habe ich mich nicht wirklich unsicher gefühlt. Vor allem in Assuan und am roten Meer habe ich bemerkt, wie wichtig dem Land die Sicherheit der Touristen ist, die einfach mal einen extrem wichtigen Wirtschaftsfaktor darstellen. Zwei kleine Beipiele hierzu: In Assuan hat mich ein ältere Herr zum Bahnhof gebracht (seine treuen Augen haben mich dazu veranlasst, in sein Auto zu steigen. Außerdem saß seine Frau mit im Auto). Er half mir, ein Ticket zu kaufen und wollte mich in mein Abteil setzen. Schon wenige Sekunden nachdem er den Bahnsteig betrat wurde er von Sicherheitsleuten angehalten und musste erklären, was er mit mir zu tun hat. Ich glaube er bekam ein wenig Ärger meinetwegen, was mir Leid tat. Ein anderes Beispiel: Auf dem Weg zum Roten Meer musste ich zwei Mal meinen Pass zeigen. Ich muss zugeben, dass das Bild, welches ich abgegeben habe auch etwas seltsam gewesen sein musste: Schließlich saß ich als einzige Frau gemeinsam mit 10 Männern in einem Minibus.

Touristenwüsten

Ich habe wirklich sehr wenige Touristen in Ägypten gesehen. Ausnahme natürlich die 20 Chinesen in der Wüste und die Massen an Italienern, Deutschen und Russen in den Resorts am Roten Meer. Es war wir eine andere Welt, in der ich mit meiner guten Freundin Ajselj ein paar Tage in einem der besagten Resorts verbracht habe. Auf dem Weg zu unserem 4 Sternehotel (für das wir gerade mal 24€ pro Nacht und all-inclusive bezahlt haben), sind mir sehr viele angefangene Hotels begegnet, die trostlos in der Wüste standen. Die Revolution vor einigen Jahren hat dem Land wirklich extrem geschadet. Es trauen sich hier weitaus weniger Touristen hier her und die Konsequenzen sind für die Menschen dramatisch.
Die ruhige und entspannende Zeit mit meiner Freundin war Balsam für meine Seele. Es tut so gut, auf Reisen einfach auch mal nichts zu tun und nicht ständig neue Eindrücke verarbeiten zu müssen. Ich konnte mich ihr öffnen und die vertrauten Gespräche waren wichtig für mich, um Kraft zu tanken.

Verlassen des Landes

Ich habe mit so vielen Menschen hier gesprochen, die Ägypten am liebsten so schnell wie möglich verlassen wollen. Sie sehen hier keine Zukunft. Ich glaube ich war selten in einem Land, wo ich auf so viele Menschen getroffen bin, die einfach nur weg wollen. Es hat für viele einfach wirtschaftliche Gründe, aber auch Freiheitsgründe, wie für ein paar Frauen, die ich kennen lernen durfte.

Es ist für mich der richtige Zeitpunkt zu gehen. Ich bin sehr dankbar für die Begegnungen und Eindrücke, die mir geschenkt wurden. Es war aber auch eine anstrengende Zeit für mich, vor allem emotional. Ich bin hier her gekommen, um den ägyptischen Freund, seine Persönlichkeit und seine Kultur besser zu verstehen. Schließlich habe ich mit ihm in meinen letzten Monaten in Hamburg sehr viel Zeit verbracht. Vieles hat mich in Ägypten verwirrt, irritiert ein paar Dinge wurden für mich verständlicher. Es war seltsam, ohne ihn seine Freunde und sein Land und seine Kultur kennen zu lernen. Es hat mich oft Kraft gekostet, weil viele Erinnerungen hoch kamen und viele Momente, in denen ich ihn einfach nicht verstehen konnte. Manchmal ist es wohl wichtig das Land und die Kultur der Menschen kennen zu lernen, die einem nahe stehen oder standen. Auf diese Weise entdeckt man einen wesentlichen Bestandteil der Persönlichkeit eines Menschen. Auch wenn ich mich als einen relativ kultursensibles Menschen bezeichnen würde ist es etwas ganz anderes, wenn man einen Einblick in eine fremde Kultur mit eigenen Augen bekommt, als wenn man sich seinen Teil denkt beim Zeitverbringen mit einem Menschen aus einer anderen Kultur.

Es war die richtige Entscheidung, hier her zu kommen. Ich kann nur empfehlen, allen Warnungen zu Trotz, das Land zu bereisen.  Es hält einige Erlebnisse bereit und es warten freundliche Begegnungen auf den Reisenenden. Es lohnt sich wirklich, sich auf das Land und deren Menschen einzulassen!

Es ist nun aber an der richtigen Zeit, das Kapitel Ägypten mit Dankbarkeit und Wertschätzung abzuschließen und einen neuen Abschnitt zu beginnen, welcher für mich hoffentlich mit etwas mehr Leichtigkeit einhergeht.

Meine Fragen an dich:

Bist du schon einmal in ein Land gereist, um einen Menschen besser zu verstehen und die Kultur, aus der dieser Mensch kommt?  Wie war das für dich? Welche Erkenntnisse hattest du? Und wenn nicht, glaubst du, dass es dir helfen würde, dies Person besser zu verstehen und zu sehen?

 

 

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Ein Gedanke zu “Das Ende des Ägyptenkapitels

  1. Hallo Veronika,
    toll von dir zu lesen…
    Komme gerade aus dem kontrastprogramm, war eine Woche in New York…
    Hab viele Stunden in Museen verbracht, meine wahre Liebe…
    Bilder und Kunst.
    Versuche darüber, den Menschen auf die Spur zu kommen, ode auf die Schliche… ist gar nicht so einfach. Dennoch, obwohl ich nun schon so alt und auch erfahren bin, entdecke und lerne ich ständig Neues. Ich freue mich, denn das Leben ist so vielfältig und wir sollten uns nicht einbilden, alles zu kennen oder zu verstehen.
    Begleite deinen Trip mit Interese und freue mich von dir zu hören. Meine technischen Kenntnisse sind leider gegrenzt, sonst könnte ich womöglich auch anders kommunizieren…
    Guter Spruch heute in der guten alten U- Bahn in HH: Angeblich von Picasso: „Als Kind ist jeder Mensch ein Künstler, als Erwachsener kommt es darauf an, diesen Status zu halten um Künstler zu sein…“
    Ja, das Leben ist bunt und ich genieße es in vollen Zügen…
    Wünsche dir, liebe Veronika, noch viele gute Begegnungen. Du bist ein Mensch, dem das gelingt, davon bin ich überzeugt. Mein wenig Menschenkenntnis reicht, um das zu sehen. Mag dich sehr!!! Gute Reise weiterhin!!!!!
    Christina

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