Der Beginn einer Reiseleidenschaft

Ich bin gerade mitten in einer Fahrradtour mit meinem Kollegium, als mein Handy klingelt. Am anderen Ende höre ich die aufgeregte Stimme meiner Freundin Lilly (Name geändert). „Roni, ich möchte jetzt endlich auch mal richtig reisen. Meine Freundinnen wollen in den Herbstferien Wellness machen. Das kann ich auch machen, wenn ich alt bin. Ich möchte dich auf deiner Reise ein Stück begleiten, egal wohin. Einzige Bedingung: Ich möchte nicht sterben.“ Die Freude meinerseits war riesig, denn diese Abenteuerlust hätte ich von meiner Freundin ein paar Jahre zuvor nie erwartet. Vor allem weil sie weiß, wie ich reise und dass alles meist nicht wirklich geplant ist. Nach einigem Hin und Her meinerseits stand im Sommer  diesen Jahres fest, dass sie ihre erste Rucksackreise und ihren ersten Sprung raus aus Europa nach Uganda machen würde. Ich fand es sehr mutig von ihr, dort ihre Reiseerfahrungen zu beginnen.  
So begab es sich, dass sich die zwei Reisenden in Uganda in die Arme fielen und gemeinsam das Land für 2 Wochen entdeckten… 


Wie sich eine plötzlich auf Reisen machen wollte 

Lilly gehörte in der Vergangenheit sicherlich nicht zu den Freundinnen von mir, der ich viel Abenteuerlust zugeschrieben hätte. In den letzten 1,5 Jahren konnte ich sie aber von einer ganz anderen Seite kennen lernen, denn sie ist nach der Trennung von ihrem langjährigen Freund richtig aufgeblüht und hat ihre neugierige Entdecker und Unternehmungsseite entfalten können. Ich konnte es vor der Reise schwer einschätzen, wie es mit ihr als Rucksackreiseanfängerin sein wird. Ich fragte mich, ob ich alles in die Hand nehmen muss, oder ob sie sich selber einbringt und sich Dinge traut. Ich fragte mich, wie sie mit allem umgehen würde und wie es zwischen uns in einer völlig neuen Umgebung klappen wird. Was soll ich sagen, sie hat mich sehr überrascht.  
Was „köstlicher“ Maismatsch mit Charakter zu tun hat

Lilly ist eine quirlige, freundliche, unkomplizierte und positive junge Frau, bei der ich weiß, dass wir uns offen, ehrlich und direkt begegnen können. Ohne groß zu zögern setzt sie sich mit all ihrem Gepäck auf das Motorradtaxi, die schon recht wild in der Gegend umherfahren. Sie bleibt in so vielen Momenten gelassen, wo andere vielleicht nicht so entspannt reagiert hätten. Die Begebenheiten in unserer ersten Station im „Social Innovation Center“ in Mpigi sind recht simpel. Ohne zimperlich zu sein begibt sie sich auf die dunkle Stehtoilette, auf der man durch den benachbarten Schweinestall eine richtig schöne stinkende „stilles Örtchen – Atmosphäre“ bekommt. Fast schon freudig durch die neue Erfahrung füllt sie den Wasserkanister, um sich mit einer halbierten Saftflasche den roten Staub von der Haut zu duschen. Ich bin beeindruckt von ihrer Fähigkeit, sich auf völlig neue und andere Begebenheiten einzustellen. Fast schon sprachlos beobachte ich meine alte Schulfreundin, wie sie mit den Worten „köstlich!“ das für mich schon recht matschig und geschmacklose Mittagessen verspeist. Auch wenn sie sich selber als keinen Gourmet bezeichnet, bewundere ich dennoch ihre Reaktion. Lilly saugt förmlich die neuen Eindrücke auf und geht ohne große Erwartungen an die Abenteuer in einer neuen Welt heran und ist dadurch so oft begeistert von dem Unerwarteten.

Lilly lässt mich spüren, dass ich richtig bin so wie ich bin. Ihre Wertschätzung für mich und meine Persönlichkeit gibt mirKraft. Eigentlich wollte ich an dieser Stelle schreiben, dass sie gut mit meinen Stimmungsschwankungen umgehen kann. Sie ist fast schon entrüstet, als sie diese Zeilen liest und gibt mir zu wissen, dass unterschiedliche Stimmungen doch total normal seien und das bei mir gar kein Problem wäre und man absolut nicht von Stimmungsschwankungen sprechen könnten. An dieser Stelle sehe ich mal wieder, dass ich manchmal ein viel kritischeres Bild von mir selber habe. Am ersten Tag unserer gemeinsamen Zeit schenkt sie mir ein wunderbares Kompliment: „Wenn mich Menschen vorher gefragt haben, ob ich schon alles für die Reise geplant hätte habe ich dies stets verneint. Ich habe den Leuten erklärt, dass meine Freundin das auch nie macht und das immer gut macht. Und weißt du was Roni, bei dir ist das wirklich so, dass wenn man Zeit mit dir verbringt, oder mit dir etwas unternimmt, es immer schön und spannend ist. Mit dir erlebt man etwas.“ Ich glaube das ist eines der schönsten Komplimente, welches ich in den letzten Wochen erhalten habe.
Entfachen einer großen Reiselust

Die Reise mit Lilly war für mich etwas besonderes. Ich habe mir gewünscht, dass sie mit allen Sinnen spürt, worin meine Begeisterung für das Reisen liegt. Nach ein paar Tagen bereits lässt sie mich folgende Worte hören, die mich unfassbar freuen: „Vor dieser Reise hätte ich gedacht, dass ich dieses eine Mal reise und dann das Gefühl habe, dass es genug ist. Jetzt denke ich schon die ganze Zeit darüber nach, wo es nicht alles noch hingehen könnte.“ Immer wieder kommen ihr neue Ideen, welches Land sie noch bereisen könnte und ich spüre, wie sie nun auch vom Reisefieber angesteckt wurde. Genau das habe ich mir gewünscht und fühle mich fast schon stolz, dass sie mich begleiten wollte und mir vertraut hat.
Verarbeiten und Abschied nehmen

Nach ein paar Tagen verändert sich die Stimmung meiner Freundin leicht. Sie braucht noch mehr Schlaf als vorher (sie schläft einmal sogar direkt auf der Fähre kurz nach dem Aufstehen ein) und ist nicht mehr ganz so entspannt wie zu beginn. Sie wundert sich darüber und ist beruhigt, dass ich dies als ganz normal empfinde. Man merkt beim Reisen manchmal gar nicht, wie viele neue Eindrücke das Gehirn an einem Tag verarbeiten muss. Auch wenn ein Tag im Vergleich zu anderen Tagen auch einmal relativ „normal“ und „unspektakulär“ erscheint. Auch ich brauche nach intensiven Tagen immer eine Erholungsphase, wo ich einfach nur an ein und demselben Ort sein kann, um Dinge zu verarbeiten. 

Der Moment des Abschieds ist emotional. Wir liegen uns wieder in den Armen, wie am Anfang am Flughafen. Diesmal weinen wir, küssen uns auf die Wange und sagen uns gegenseitig, wie lieb wir uns haben. Diese Reise hat uns näher zusammen gebracht. Wir haben voneinander gelernt und uns in einer völlig anderen Umgebung und Begebenheit kennen gelernt. Mir sind durch Lilly noch einmal ein paar Dinge bewusst geworden, die für mich teilweise durch das viele Reisen gar nicht mehr so stark ins Gewicht fallen. Wie zum Beispiel andauernd aufzufallen auf Grund des Aussehens. Lilly hat mir außerdem zu Spüren gegeben, dass ich genau so wie ich bin richtig bin. Dass es sich mit mir sehr gut „aushalten“ lässt und ich mich in einer fremden Umgebung relativ gelassen sowie selbstbewusst bewegen kann. Wir sind in vielen Dingen sehr unterschiedlich und haben dennoch mehr gemeinsam, als wir vor ein paar Jahren noch dachten. Ich konnte bei ihr einfach ich selber sein und das ist nicht nur beim Reisen ein wahrer Schatz!

Inzwischen bin ich im Social Innovation Center in Mpigi wieder angekommen, wo meine Zeit in Uganda begann. Dieser Ort ist genau das, was mir gerade gut tut. Ein Ort voller Ruhe, lieber Menschen, Natur, Inspiration und Möglichkeiten, mich und meine Leidenschaften einzubringen. Dieser Ort hilft mir, mich nach der Zeit mit meiner Freundin nicht alleine zu fühlen. Was genau an diesem Ort passiert, wo ich den November verbringen werde, werdet ihr in einem meiner nächsten Berichte erfahren…

Fragen an dich:

• Erinnere dich an eine Reise, die du das erste mal mit einem Menschen gemeinsam gemacht hast. Warum hat es gut geklappt? Warum vielleicht nicht? Was hat diese Reise mit eurer Beziehung gemacht?
• Erkennst du dich vielleicht selber in Lilly wieder? Gäbe es vielleicht einen Menschen, mit dem du deine erste Reise (und damit meine ich keine komplett organisierte Rundreise) raus aus Europa wagen würdest? Was hält dich davon ab, es einfach mal zu versuchen und mit dieser Person eine solche Reise in Angriff zu nehmen? 

Hier noch ein Interview mit meiner Freundin über das Thema „reisend lernen“

Warum befindest du dich jetzt gerade an diesem Ort:

Der Ort meiner Reise war mir eigentlich egal. Die Hauptsache für mich war ein Abenteuer fernab vom Alltag. Ich wollte der Routine entfliehen, Neues entdecken, wollte sehen wie eine ganz andere Kultur ist. Da ich inzwischen arbeite, kann ich es mir leisten und möchte mir die Zeit nun auch dafür nehmen. Als ich wusste, dass du dich auf Reisen machen wirst, war es eine pragmatische und spontane Entscheidung die Gelegenheit am Schopfe zu fassen und dich einfach ein Stück zu begleiten. Ich wusste, dass du reiserfahren bist und ich mir sicher war, dass es mit uns beiden klappt. Du hast das Talent, Zeit so zu gestalten, dass die Zeit abenteuerlich und abwechslungsreich ist.  

Was bedeutet Lernen für dich:

Lernen ist für mich der Zugewinn von Wissen, Fähigkeiten und Kompetenzen.

Wie lernt man in deinen Augen am besten? 

Wenn man in Kontexten lernt, nichts eingetrichtert bekommt. Wissen muss im Gehirn verknüpft und verankert werden.

Wie macht dir lernen Spaß?

1. Wenn die Leute in meinem Umfeld nett sind und es mit ihnen Spaß macht

2. Der, der mir was beibringt muss kompetent sein und Spaß am beibringen haben.

3. Wenn ich motiviert bin und ein Ziel vor Augen haben (z.B. Spanisch lernen für Panama).

4. Wenn ich Glücksmomente danach habe.

Was lernst du gerade beim Reisen? Was entdeckst du in dir?

Selbstvertrauen: Ich musste Englisch sprechen und habe gesehen: „Mensch, ich kann es besser, als ich dachte“ Außerdem habe ich im Kontakt mit Menschen erkannt, dass ich auf nette Menschen offen zugehen kann.

Gelassenheit: Ich sehe wie die Menschen hier gelassen sind und es auch ohne Zeitdruck funktioniert. Menschen um mich herum gehen zum Beispiel gelassen mit dem Straßenverkehr um. Es lohnt sich nicht sich aufzuregen. Wofür auch? Die Gelassenheit der anderen überträgt sich auf mich. Außerdem habe ich gelernt, dass es für jedes Problem einen Ausweg gibt: Als wir beispielsweise orientierungslos im Wald geirrt sind wurde ich langsam unruhig. Im Endeffekt habe ich gemerkt, dass diese Sorge Energieverschwendung war und wir einfach wieder rausgekommen sind.

Ich entdecke in mir die Lust, Neues zu erkunden und dass ich andere Länder kennen lernen möchte. Ich merke, dass ich gelassener bin in manchen Situationen, als ich dachte. Beispielsweise habe ich mich im absolut chaotischen Taxipark in Kampala nicht aus der Ruhe bringen lassen.

Warum kann man deiner Meinung nach beim Reisen besonders gut lernen?

Die Zeit erscheint intensiver, man kann sich viel besser darauf einlassen, weil man die Alltagssorgen nicht hat. Man kann sich mehr auf sich selber konzentrieren.Wenn man Momente der Ruhe hat, kann man bestimmte Dinge auch reflektieren. Ich finde Momente zu Hause sind rar, in denen man einfach ruhig dasitzen kann. Man ist oft erschöpft vom Alltag. Hier kann man sich auf Dinge einlassen und in den Tag hineinleben. Beim Reisen lässt man sich auf Dinge ein, auf die man sich im Alltag nicht einlassen würde. Die Gründe dafür sind vielfältig: Zeitmangel, feste Strukturen, Rituale, vielleicht unterdrückt das Umfeld auch die „Einlassmöglichkeiten“.. Auf Reisen begegnet man anderen Menschen, die vielleicht offener sind oder einem neue Möglichkeiten aufzeigen, Neues auszuprobieren.

Man lernt andere Kulturen kennen und lernt die Unterschiede kennen. Wenn man offen dafür ist, kann man den Horizont erweitern und etwas neues erfahren. Man kann Persönlichkeitsstrukturen verändern und erkennt, wie gut es einem geht und wie oft man über Lappalien jammert. Es würde jedem gut tun, andere ärmere Länder zu bereisen, um dies zu sehen. Ich glaube, dass es in Uganda mehr glückliche Menschen gibt als in Deutschland, weil ihnen Familie wahrscheinlich wichtiger ist als bei uns und sie Glück vielleicht nicht so an materiellen Dingen festmachen.

Was möchtest du jemanden auf den Weg geben, der sich das erste mal auf Reisen begibt:

Versuche, in die Kultur einzutauchen, nicht nur in touristischen Hotels. Nutze öffentliche Verkehrsmittel, um vielleicht auch Gespräche möglich zu machen. Nimm Einladungen von Einheimischen einfach mal an. Mache dir bewusst, welche positive Eigenschaften man selber übernehmen könnte, z.B. Gelassenheit. Sei offen!

Was würdest du jemanden sagen, der sich noch nicht so richtig traut zu reisen?

Suche dir eine Person, mit der du deine erste Reise gemeinsam erleben kannst. Es sollte eine Person sein, mit der du dich gut verstehst und die bereit für das Reisen ist, auch für Offenheit (nicht nur am Pool liegen möchte usw.).
Was hat dich bisher auf deiner Reise überrascht?

… dass der Straßenverkehr trotz Chaos funktioniert und irgendeine Ordnung dahinter steckt.

… dass mehr Menschen einem helfen, als dass sie einfach etwas von einem wollen, wenn sie einen ansprechen. Beispielsweise der Schuldirektor, der uns anbot, uns mitzunehmen. Ich hatte gleich ein Vorurteil und dachte, er wolle nur Geld. Du bist eingestiegen. Ich war überrascht, dass er uns nur helfen wollte.

… dass die Schneiderin sich so darüber gefreut hat, als ich von ihrem für mich maßangefertigten Jumpsuit begeistert war. Mir war nicht klar, dass es ihr so viel bedeutet, dass mir ihr Stück als Kundin gefällt.

Was hat dich in Uganda fasziniert bzw. begeistert?

Die Natur die so unberührt ist, dass die Tiere in Freiheit leben sowie die Weite der Landschaften.

Danke dir für das schöne Gespräch!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s