Sich einfach mal einen Ruck geben

Es ist Donnerstag Mittag und ich schreibe zum ersten Mal in meinem Leben eine offene Anfrage bei Couchurfing an die weiblichen Couchsurfer, ob mich jemand bei sich für das Wochenende in Kampala aufnehmen könnte. Ich finde es zu mühsam, einzelne Personen anzuschreiben in diesem Moment, so unbedingt will ich ja auch gar nicht nach Kampala. Es ist Donnerstag Abend und ich öffne Coachsurfing mit der Hoffnung, dass mir niemand geschrieben hat. Schließlich habe ich mich gerade in meinem neuen Zuhause auf Zeit, der „Social Innovation Academy“, mitten in schöner Natur gelegen, eingelebt. Ich fühle mich in dieser Gemeinschaft total wohl, kann mich einbringen, meine Leidenschaften leben, bin umgeben von vielen lieben, offenen und inspirierenden Menschen und kann die ruhige Natur genießen. Warum sollte ich ins hektische Kampala? Warum sollte ich mich in das Haus von Unbekannten begeben, wenn ich hier meine kleine private Hütte habe? Meine Hoffnung wird etwas getrübt, als ich zwei Nachrichten bekomme: Das Waisenheim kommt für mich erst mal nicht in Frage. Die zweite Nachricht kommt von einem Typen, der seine Nachricht folgendermaßen anfängt: „Ich weiß, dass du wegen Sicherheitsgründen nur bei Frauen übernachten möchtest, aber…bei mir wohnt gerade auch eine Deutsche und ich habe Zeit, dich rumzuführen.“ Ich schalte mein ipad aus und hadere vor mich hin.
Am Freitag Morgen lese ich mir seine positiven Referenzen durch und sage einfach zu. Wird schon irgendwie werden, versuche ich mir einzureden.
Wenn das Leben an einem Helmfetzen zu hängen scheint

Es ist Freitag Nachmittag und ich mache mich auf den Weg in das 2-stündig entfernte Kampala. Ich verlasse die Ruhe vo SINA, um mich wieder in das Gewühle der Hauptstadt zu stürzen. Woran ich nicht gedacht habe ist, dass ich genau in der Rush Hour in Kampala ankommen würde. Dazu kommt die Dunkelheit. Ich bahne mir den Weg durch den völlig überfüllten und chaotischen „New Taxipark“, wo alle Kleinbusse stehen, die in alle möglichen Richtungen fahren. Ich schnappe mir einen Motorradtaxifahrer, handle den Preis aus und leihe mir seinen Helm aus, um mich wenigstens miminal sicherer zu fühlen. Ich bemerke enttäuscht, dass der Helm nur noch eine Schnalle hat und lasse mir vom Fahrer dabei helfen, diese eine Schnalle mit einem Fetzen vom Helminnenleben zu verbinden, sodass wenigstens nicht der erstbeste Windstoß meinen Kopfschutz von meinem Kopf weht. Los geht die abenteueriche Fahrt durch den Feierabendverkehr in Kampala. Ich schalte meinen Kopf aus und stelle mir vor, ich wäre in einem Film. Ich rede mir ein, dass schon nichts mit mir passieren würde. Mein Fahrer scheint es herausfordern zu wollen und fährt ein Weilchen auf dem entgegengesetzten  Bürgersteig, um sich danach wieder durch den Gegenverkehr zu unserer Seite zu schlängeln. Ich bin sehr froh, als das Motorrad endlich vor der Haustür meines Couchsurfers hält. Ich hatte keine Angst, weil ich die Gedanken weggeschoben habe, wie gefährlich diese Fahrt hier gerade ist. Wie soll ich sonst von A nach B kommen? Ich löse den Fetzen von meiner Helmschnalle und betrete erschöpft das Haus.

Mein Host ist ein freundlicher, ruhiger ugandischer Künstler, der sich ein schönes Zuhause eingereichtet hat, in dem in jeder Ecke seine Kunst zu finden ist. Er wohnt unter anderem mit einer Deutschen zusammen, die hier gerade ein Praktikum macht. Mit ihr macht es gleich „klick“ und wir verstehen uns blendend. Wir sind genau auf einer Wellenlänge. Während mein Host eher wortkark ist, kann ich mit ihr stundenlange Unterhaltungen führen und genieße mit ihr den ersten absolut köstlichen Kuchen, den mein Gaumen seit Wochen zu schmecken bekommt. Die ganze Woche über habe ich zwar gegessen, aber bis auf mein eigenes Haferflockenmüsli keine kulinarische Befriedigung erfahren. Am Wochenende gehen wir drei gemeinsam tanzen, essen indisch und ich werde von dem deutschen Mädel mit auf eine Hausparty genommen, zu der ich uns im Endeffekt den Ruck gebe, wirklich hin zu gehen. Ich habe dort spannende und bereichernde Gespräche und freue mich über die Sinnhaftigkeit der berühmten „Rucks“.
Zeitmaschiene zu einem Leben meines Bruders

An einem Tag besuche ich das Projekt in Kampala, in dem mein Bruder Alexander für ein Jahr nach dem Abitur einen Freiwilligendienst machte. Ich treffe mich mit einem Freund von ihm, der mich durch das Projekt und die Gegend führt. Im ersten Moment, in dem ich seinem Feund begegne, werde ich plötzlich emotional. Ich spüre die Bedeutung, einem sehr prägenden Teil der Vergangenheit meines Bruders zu begegnen und einem Leben, welches ich vorher von meinem Bruder noch nicht kannte. Ich spüre, wie nah mir mein Bruder in diesem Moment ist. Ich schieße mit jeder Person, die meinen Bruder kannte ein Foto, unterhalte mich mit den Menschen, bekomme alte zerknitterte Fotos von meinem Bruder aus seiner Zeit in Kampala zu Gesicht und lasse mir den laut meines Bruders besten Rolex (Chapati – Omlette – Rolle mit etwas Gemüse) aus Kampala schmecken. Ich bin sehr froh, diese Begegnungen zu haben und wenigstens einen ganz kleinen Einblick in ein altes Leben meines Bruders bekommen zu haben. Er sagte mir vor einiger Zeit: „Vielleicht verstehst du mich ein bisschen besser, wenn du Uganda und seine Menschen kennen lernst. Was ich auf alle Fälle bereits nach fast vier Wochen in diesem Land sagen kann ist, dass ich verstehen kann, warum er sich hier so wohl gefühlt hat und dass es viele Dinge hier gibt, die etwas in einem verändern können.
Annäherungsversuche

Am Rande meiner Komfortzone befinde ich mich in der Nacht, die ich auf einer Matratze meines Gastgebers verbringe. Ich kann mich zwischen Mücken (ohne Netz) im Wohnzimmer oder einem mückensicheren Schlafplatz in seinem Zimmer entscheiden mit der Gefahr, sich etwas unwohl zu fühlen. Ich entscheide mich für letzteres. Obwohl mein Gastgeber ein wirklich netter, vorsichtiger, hilfsbereiter und ruhiger Geselle ist, gehen mir seine eindeutig/zweideutigen Gespräche am Abend auf den Keks. Ich habe absolut keine Angst vor ihm und mache mein Desinteresse an jeglichen Annährungsversuchen (meiner Meinung nach) sehr klar. Auch den Mythos, dass man Deutsche Frauen wohl drei Mal fragen muss, bis sie ja sagen, kläre ich auf. Aber in der zweiten Nacht schlafe ich unruhig und ärgere mich darüber, dass mein Nein nicht so richtig ernst genommen wird und von mir nicht nur einmal wiederholt werden muss, bis ich endlich in Ruhe gelassen werde. Wie gesagt, ich hatte keine Angst, weil ich wusste, dass sich um einen guten Menschen handelt, der meine Grenze nicht wirklich übertreten würde. Aber das Langschrammen an meiner Grenze hat einfach genervt. Positiver Effekt der ganzen Sache: Ich habe mich selbstbewusst gefühlt und habe gesehen, wie gut ich mit solchen Situationen umgehen kann. Ich glaube, dass ich vor ein paar Jahren nicht so locker damit umgegangen wäre. Ich möchte meinen Host nicht in einem einseitigem Licht erscheinen lassen, er war wirklich freundlich. Nur seine nächtlich nervenden Gespräche hätte er sich sparen können.

Ein Hoch auf den Ruck

Ich beende das Wochenende mit einer kulinarischen Tour und fülle meinen Magen mit Köstlichkeiten (Pancakes über den Dächern Kampala, Schokotörtchen, indischem Fingerfood) und kaufe ein paar Dinge zum geschmacklichen Überleben (Brot, welches wie Brot aussieht, Haferflocken), bevor ich mich wieder auf den Weg ins SINA Dorf mache. Just in meinem Minibus entdecke ich ein Mitglied von SINA, mit der die Zeit zurück durch die guten Gespräche wie im Fluge vergeht.

Was soll ich sagen. Der eine kleine Ruck am Freitag, mich aufzumachen und meine SINA – Komfortzone und die ruhige Umgebung zu verlassen war genau das Richtige. Ich lernte tolle neue Menschen kennen sowie einen Teil der Vergangenheit meines Bruders, tanzte, spaßte, aß Köstlichkeiten, spontante, tauschte mich aus, lernte. Ich komme zurück und bin erschöpft und müde, aber auch absolut glücklich. Ich fühle mich wohl in meiner Haut und habe das Gefühl von „Heimkommen“ , als ich im SINA Dorf ankomme und meine kleine Hütte betrete.

Dieses Wochenende hat mir mal wieder gezeigt, wie wichtig diese Rucks sind. Wie wichtig es ist, die Bequemlichkeit und die Komfortzone zu verlassen, um neue, schöne, bereichernde, lehrreiche Erfahrungen und Begegnungen machen zu können.

Fragen an dich:
Wann war das letzte Mal, dass du dir einen Ruck gegeben hast, etwas zu tun? Was ist danach passiert? Was ist dadurch entstanden?
KEnnst du das Gefühl, den Kopf auszuschalten und sich vorzustellen, man sei in einem Film, um der Gefahr nicht ins Auge schauen zu müssen? Was waren das für Situationen?

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