(Menschen) sehen und (von Menschen) gesehen werden

Wie ein Film eine Flutwelle auslöste

Ich sitze im Kino und starre auf die Leinwand, die den Abspann des Kinofilmes „Queen of Katwe“ zeigt: Ein Disney Film, der die wahre Geschichte eines Mädchens aus einem Slum in Uganda erzählt, welches zu einer erfolgreichen Schachspielerin wurde und sich ihr Leben komplett veränderte. Meine Tränen lassen sich nicht mehr halten und. stoppen auch auf dem Nachhauseweg nicht. Was ich in diesem Moment alles gleichzeitig empfinde, ist schwer in Worte zu fassen. Der Film spielt in Uganda und zeigt sehr gut, in welchen Verhältnissen viele Menschen hier leben. Er zeigt, wie viele Kinder nicht die Möglichkeit haben die Menschen zu sein und zu werden, die sie sein oder bekommen könnten. Der Film zeigt, welchen Unterschied ein einziger Mensch im Leben eines anderen machen kann, wenn genau dieser Mensch das Potential im anderen entdeckt und es mit Leidenschaft zu fördern versucht. Im Falle des Filmes war es ein Mann, der das Talent in dem jungen Mädchen entdeckte und für sie wie auch für andere Slumkinder kämpfte. Nach diesem Film wird mir mit einem Mal bewusst, wo ich mich befinde und wie viele Menschen bei Weitem nicht die Möglichkeiten im Leben haben, wie ich. Ich sehe hier die Einfachheit des Lebens jeden Tag, spreche mit Menschen aus armen Verhältnissen und erfahre ihre Geschichten. Ich bin schon oft mit Armut konfrontiert gewesen und vielleicht wird man irgendwann etwas immun oder das Herz schützt sich mit einer dicken Schlammschicht, die nicht mehr alles zu nah an sich ranlässt. Der Film löst eine Wasserwelle aus, die die Schlammschicht mit einem Mal wegwischt. Was zum Vorschein kommt sind tiefe Emotionen: Weltenschmerz, Verzweiflung über die große Ungerechttigkeit in der Welt, die Wiedererkenntnis über mein Glück im Leben, die erneute Einsicht, wie wichtig Menschen im Leben sind, die an einen glauben und einen sehen, die Unsicherheit darüber, ob ich nicht einfach hier bleiben sollte für eine Weile, um an Menschen zu glauben und mich für sie einzusetzten. Das Gesehende macht deutlich, dass in Menschen Talente schlummern, die durch einzelne Personen herrausgekitzelt werden können. Dieser Film und diese Emotionen waren der Abschluss eines spaßigen Wochenendes, an dem ich allerlei Köstlichkeiten schmausen durfte (mehrmals bis zur Pappsattigkeit), auf einer kleinen Insel mit lauter Expats aus der ganzen Welt entspannen konnte und mit einem privaten Auto eines Freundes durch die Gegend kutschiert wurde und über mein Leben sowie meine Möglichkeiten sinnieren durfte… Größer hätte der Kontrast  zu dem Film kaum sein können.

Ein Ort voller Inspiration
Zurück in der Social Innovation Academy nach diesem Wochenende heute morgen: Seit zwei Wochen bin ich nun hier. Zwei weitere Wochen habe ich eingeplant. Ich möchte hier eigentlich nicht hängen bleiben. Eines meiner Ziele dieser Reise ist es doch, mal eine Pause vom ganzen sozialen Engagement zu bekommen. Nach diesem Wochenende bin ich etwas mehr am Nachdenken, was jetzt gut und richtig wäre. Wohin sollte die Reise gerade wirklich gehen? Wohin will mich meine innere Stimme treiben?

Die letzten zwei Wochen kommen mir vor wie Monate. Ich durfte wundervolle junge Menschen aus schwierigen Verhältnissen hier kennen lernen, die von der Social Innovation Academy ausgewählt wurden, um sich selber kennen zu lernen, auszuprobieren, ihre Komfortzone zu erweitern, jeden Tag zu lernen, sich und ihre Potentiale zu entdecken und ihre eigenen Sozialunternehmen zu gründen, um sich am Ende des Tages ihre Jobs selber zu schaffen. Dieser Ort ist magisch. Die Natur ist wundervoll. Die Menschen hier strahlen etwas besonderes aus. Ich denke es ist das Strahlen der Menschen, die gesehen werden und lernen, an sich zu glauben. Nicht jeder hier ist soweit, dass er am eigenen Sozialunternehmen arbeitet. Die „scholars“, wie die TeilnehmerInnen der Akademie genannt werden, durchleben verschiedene Phasen und Stufen, in denen ihre persönliche Entwicklung sowie ihre Ideen für Sozialunternehmen gefördert werden. Ein Abenteuerspielplatz wie für mich geschaffen. In den letzten zwei Wochen gab ich Potentialworkshops, individuelle Coachings, brachte mich in strategische Treffen ein und zettelte ein Projekt an, welches das schmuddelige Büro in einen Ort verzaubern soll, wo die angehenden SozialunternehmerInnen vernünftig an ihren Projekten arbeiten können. Ich fühle mich hier richtig und willkommen. 

Schlamm drüber
Direkt nach diesem besagten Wochenende gebe ich zwei persönliche Coachings. Am Ende beider langen Gespräche, in denen ich versuchte, die jungen Menschen in ihren Projekten zu unterstützen und ihre Gedanken zu ordnen, bekomme ich eine so wundervolle Resonanz. Beide itten mich, doch bitte länger zu bleiben. Beide meinen, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, wie sehr ich sie gerade in ihrem Entwicklugnsprozess unterstüze. Ich höre diese Worte und sie rühren mich irgendwie. Ich merke aber auch, dass sie nicht bis zu meinem Herzen durchdringen. Genauso wie ich oft nicht glauben konnte, dass ich auf meine SchülerInnen einen nachhaltigen Einfluss haben könnte, kann ich auch in diesem Moment nicht wirklich glauben, was diese ein, zwei intensiven Gespräche wirklich in meinem Gegenüber auslösen. Einer der Coachees wird schlagartig ganz traurig, als ich ihm sage, dass ich in zwei Wochen gehen werde. Er hat Tränen in den Augen als er mir folgendes sagt: „Du wirst wahrscheinlich gar nicht nachvollziehen können, was die Gespräche mit dir in mir ausgelöst haben. Seit diesen Gesprächen hat sich mein ganzes Denken verändert. Ich bin dir so dankbar und sehr traurig, dass du mich verlässt. Ich möchte, dass du mein Lebenscoach wirst. Ich habe Angst davor, wenn du weg gehst.“ Ich muss schlucken. Mit so vielen Emotionen und Offenheit habe ich nicht gerechnet. Ich bin gerührt, auch wenn ich wieder diese „Das kann doch gar nicht sein, dass ich sowas in anderen Mensch auslöse“ – Schlammschicht spüre, die mein Herz umhüllt. 
Potentiale vor Augen führen
Aber was ich mir wieder bewusst machen sollte ist FolgendesDas Gefühl, dass sich andere Menschen für einen Zeit nehmen, einen in der eigenen Entwicklung fördern wollen, einen sehen, einem die eigenen Potentiale und Möglichkeiten vor Augen führen, an einen glauben, einen den Raum geben wahrhaftig man selber sein zu können, einen scheinen lassen wollen – ist einfach unfassbar wertvoll. Ich weiß selber, wie es sich anfühlt. Trotzdem kann ich die Dankbarkeit der anderen nicht greifen, auch wenn sie mir direkt in meine Hände gelegt wird. In den letzten Jahren durfte ich so viele solcher Menschen treffen, die genau diese besagten Gefühle in mir auslösten. Ich durfte endlich sehen, was in mir steckt und das ich eben diese Fähigkeit habe, Menschen und ihre Potentiale zu sehen und ihnen den Raum zu geben, dies für sich selber zu entdecken. Es sind genau diese Momente wie nach dem Coaching, wo mein Kopf sagt: „Liebe Veronika, hier haben wir es wieder. Das ist genau deine Gabe.“ Das Herz schlammt aber weiter vor sich hin aus Gründen, die sich mir noch zu diesem Zeitpunkt entziehen. Wahrscheinlich muss das selbstbewusste Ich, was sich vor allem in den Jahren so stark entwickelt hat, erst noch an sich selber gewöhnen und an sich wirklich und wahrhaftig glauben. Einer der scholars erzählt mir, wie nie an ihn geglaubt wurde in dem Waisenhaus, in dem er aufwuchs. Er konnte sich nicht ausprobieren und fügte sich dem System – bis eines Tages der Gründer von SINA (damals ein Freiwilliger in dem Waisenhaus) ihm sagte, wie gut er doch Gitarre spielen könne. Ein kleiner Satz, der das Leben des jungen Mannes völlig veränderte: Endlich war da jemand, der etwas in ihm sah, was er gut kann. Heute möchte er sich für Kinder und Jugendliche einsetzten, damit sie ihre Stärken und Talente schon früh kennen lernen und ausüben könne.

Ich bin so dankbar, an diesem Ort für einen Monat leben und wirken zu dürfen. Ich lerne jeden Tag und spüre die Ruhe in mir, die nach ein paar Wochen vieler Zweifel und Unruhe zumindestens für den jetzigen Zeitpunkt eingetreten ist. Ich fühle mich inspiriert und gebraucht. 

Fragen an dich:

Wann hat dir das letzte Mal jemand etwas gesagt, wobei du dich sehr gesehen gefühlt hast? Kannst du es annehmen, wenn dir Menschen ganz offen und ehrlich dafür danken, dass du etwas in ihnen verändert hast? Wer waren die Menschen in deinem Leben, die dich beim Entwickeln deiner Potentiale geholfen haben? Welche Menschen haben sich wirklich gesehen und das, was in dir steckt? Wie fühlt es sich für dich an, gesehen zu werden?

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2 Gedanken zu “(Menschen) sehen und (von Menschen) gesehen werden

  1. Rede von Nelson Mandela:
    „Unsere tiefste Angst ist es nicht,
    ungenügend zu sein.

    Unsere tiefste Angst ist es,
    dass wir über alle Maßen kraftvoll sind.
    Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit,
    das wir am meisten fürchten

    Wir fragen uns, wer bin ich denn,
    um von mir zu glauben, dass ich brillant,
    großartig, begabt und einzigartig bin?
    Aber genau darum geht es,
    warum solltest Du es nicht sein?

    Du bist ein Kind Gottes.
    Dich klein zu machen nützt der Welt nicht.
    Es zeugt nicht von Erleuchtung, dich zurückzunehmen,
    nur damit sich andere Menschen um dich herum
    nicht verunsichert fühlen.

    Wir alle sind aufgefordert, wie die Kinder zu strahlen.
    Wir wurden geboren, um die Herrlichkeit Gottes,
    die in uns liegt, auf die Welt zu bringen.
    Sie ist nicht in einigen von uns,
    sie ist in jedem.

    Und indem wir unser eigenes Licht scheinen lassen, geben wir anderen Menschen unbewusst die Erlaubnis,
    das Gleiche zu tun.

    Wenn wir von unserer eigenen Angst befreit sind,
    befreit unser Dasein automatisch die anderen.“

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