Was Toilettenpapier mit tiefliegendem Frust zu tun hat

Die Dame von der Rezeption des Nationaltheaters in Kampala nimmt den Hörer in die Hand und muss meinen Wunsch nach Toilettenpapier mit den folgenden Worten enttäuschen: „Es sind gerade alle in einem Meeting.“ Auch ein kleines bisschen Papier hat sie für mich nicht. Frustriert gehe ich zur Toilette und trete aus Wut gegen die Wand. Ich setzte mich auf das Klo (zumindestens ist es kein dreckiges Stehklo) und merke, dass diese Tür wie so viele wieder nicht abschließbar ist und bin sauer. Mir wird alles zu viel und ich muss bitterlich weinen und kann mich schwer beruhigen. Jetzt wird sich wohl der eine oder andere wundern, was an fehlendem Toilettenpapier so schlimm sein kann. Doch meine Tränen vergieße ich in dem Moment nicht nur dafür, sondern für alles, was sich in den letzten Wochen an Frust und Unverständnis angestaut hat. Kulturschock – schießt mir sofort durch den Kopf. Da ist er klar und deutlich! Das Toilettenpapier hat in diesem Moment das Fass einfach nur zum überlaufen gebracht. Das große Fass voll mit Enttäuschungen, Unzuverlässigkeiten, Unununpünktlichkeiten, großen Fragezeichen, Unverständnis, Chaos, Unorganisiertheit und Warten über Warten. In diesem Moment des fehlenden Toilettenpapiers reicht es mir einfach. Ich kann nicht mehr und spüre meine Erschöpfung. Ich liebe es, andere Kulturen zu entdecken, in die Kultur einzutauschen, Neues zu entdecken und ich kann mich bis zu einem gewissen Grad auf eine neue Kultur einstellen. Aber auch ich habe meine Limits. Vor allem in den letzten Tagen sind viele Dinge gewesen, die mich einfach nur frustriert haben. Aber auch in den letzten zwei Monaten wurde immer wieder etwas in mein großes Fass geschüttet, welches nun eben übergelaufen ist. Ich möchte nun den Inhalt des übergelaufenden Fasses etwas näher erläutern:
Die Sache mit der Zeit

Wenn wir auf den Grund des Fasses schauen finden wir eine große Portion an notorischer Unpünktlichkeit. 

– Ich gebe einen Workshop in der Social Innovation Academy und der Großteil TeilnehmerInnen kommen sowohl am Morgen als auch nach dem Mittagessen zwischen 30 Min und 60 Min zu spät. Manche Leute kommen nach dem Mittagessen gar nicht mehr zurück, ohne dies vorher angekündigt zu haben.

– Ich verabrede eine Coachingsession mit einem der Teilnehmer. Nach 30 Minuten Warten gehe ich zu meiner Hütte zurück. Nach 45 Minuten erscheint er dort mit den Worten „Sorry I was busy.“

– Ich sitze und warte, bis eine Veranstaltung endlich anfängt. Und warte und warte…

– Ich mache ein Treffen aus und die Person erscheint einfach nicht.

– Ich warte stundenlang bei einem Musikfestival, bis es endlich um 17 Uhr anstatt von 10 Uhr anfängt. Am nächsten Tag passiert genau das gleiche.

Die Sache mit der Organisation

Über der notorischen Unpünktlichkeit finden wir eine Schicht Unorganisiertheit, die so hart ist, dass sie schwer zu durchbrechen ist. Ich ritze meine Fragen in diese Schicht, die wahrscheinlich noch länger dort zu sehen werden:

– Wie kann man ein Musikfestival so schlecht organisieren, dass man eigentlich nur am Abend Musik hat? 

– Warum denkt man erst bei der Veranstaltung selber darüber nach, wie man für eine Fundraisingveranstaltung „Abendessen im Dunkeln“ die Fenster wirklich verdunkeln kann?

– Warum hält man erstmal stundenlange reden, bis man nach 4,5 Stunden endlich das Buffet (im Dunkeln) eröffnet? 

– Warum muss ich schon wieder warten, dass der Tanzworkshop anfängt, obwohl ich extra bereits eine Stunde später gekmmen bin?

– Warum herrscht hier überall so viel Chaos?

– Warum muss man so viele Menschen in einen kleinen Bus quetschen?  Kann man das nicht besser organisieren?

– Warum höre ich so oft: Oh entschuldigung, das haben wir leider nicht?
Die anderen Sachen
Nach der Schicht aus Unorganisiertheit finden wir die Ungerechtigkeit, die Armut und das „Muzungudasein“ (so werden alle nichtschwarze Ausländer hier genannt).

Nach meinem Toilettenpapierzusammenbruch latsche ich durch die chaotischen Straßen, ignoriere jeden Motorradfahrer, der mir seine Taxidienste anbieten möchte und laufe an einem sehr kleinen Jungen vorbei, der alleine auf dem Bürgersteig sitzt. Ich erkundige mich bei einem Sicherheitsmann, ob es irgendwelche Angehörigen zu dem Jungen gibt. Er antwortet mir, dass die Mutter nur mal kurz weg sei. Ich äußere mein Unverständnis. Er: „So ist das Leben.“ Ich: „Manchmal hasse ich das Leben“. Ich begegne Kindern mit zerschlissener Kleidung, die mir erzählen, dass sie keine Eltern mehr haben und mir wird wieder bewusst, was ich eigentlich für ein Leben führen kann.
In anderen Momenten will ich einfach nur unsichtbar sein, oder schwarz. Ich will einfach nicht auffallen und auch wenn das Wort „Muzungo“ kein abwertendes Wort ist, so regt es mich einfach manchmal nur auf. Ich habe einfach keine Lust, andauernd angesprochen zu werden, vor allem von Männern. „Hey girlfriend!“ „Hey, muzungo come here.“ Ich habe keine Lust, auf vollen Märkten am Arm gepackt zu werden oder im Club angefasst oder ständig angesprochen zu werden. An einem Tag machte ich eine Wanderung in wunderschöner Umgebung. Irgendwann wurde ich von einer Horde Kinder verfolgt. Als sie auch nach einer Weile nicht von mir ablassen wollten, wurde ich frustriert. Ich bat sie mit Händen und Füßen, mich in Ruhe zu lassen. Ich wollte einfach nur mal alleine sein. Irgendwie bereitete dies den Kindern nur noch mehr Spaß. Auch nach zwei Jahren, die ich an einer Schule gearbeitet habe gibt es diese Momente, wo mich Kinder zur Weißglut bringen. Ich fühlte große Wut in mir hochsteigen und schämte mich im Anschluss für den Gedanken, die Kinder am liebsten mit einem Stock zu verscheuchen. Ich war einfach so frustriert und wollte nichts sehnlicher, als alleine  auf dieser Wanderung zu sein.

Die Zeit hier ist wunderbar, voller neuer Eindrücke, toller Begegnungen, Erfahrungen und Erlebnissen. Aber ich komme auch immer wieder an meine Grenzen. Mir ist bewusst, dass diese negativen Gefühle und Erfahrungen alle zu meiner Lernreise gehören. Ich lerne mich dadurch selber besser kennen: was mir wichtig ist, womit ich umgehen kann und wo meine (Verständnis- und Toleranz-) Grenzen sind. Ja, mir ist Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit wichtig. Und auch wenn ich mir 100 Mal selber sage, dass das hier halt anders läuft manchmal, kann ich es nur bis zu einem gewissen Punkt akzeptieren, dass es halt anders ist. An manchen Tagen komme ich mit den Andersartigkeiten besser zurecht, kann es sogar mit Humor nehmen. An anderen Tagen wie heute überschwemmen mich die ganzen Gefühle und die Frustration. Dann wandelt sich der Frust über das fehlende Toilettenpapier in ein Gefühl von Frustration über Armut, Uneffektivität und Unproduktivität, die die Armut des Landes in meinen Augen definitiv stark beeinflussen. Bitte versteht mich nicht falsch, ich sage nicht, dass hier alles so wie in Deutschland laufen sollte. Um Himmels willen nicht. Ich würde den Menschen hier auch nicht raten, sich so zu stressen wie viele Menschen bei uns. Aber es gibt so einige Dinge, die ich tagtäglich sehe, die in meinen Augen mit nicht allzugroßem Aufwand verändert werden könnten und das Leben der Menschen gleich mit. 
Es ist gar nicht so einfach zu beschreiben, was mein Frust alles umfässt. Er sitzt teilweise sehr tief.  Es sind manchmal die Kleinigkeiten des Alltags, die sich dann eben summieren. Und genau deshalb kann auch eine banale Sache wie das Fehlen von Toilettenpapier eine längst überfällige Frustwelle auslösen.


Fragen an dich:

Hast du schon mal einen Kulturschock gehabt? Wie hat sich dieser angefühlt und geäußert? Was hast du dadurch gelernt? Wo mit kannst du in anderen Ländern meist nicht so gut umgehen? Was hat dir geholfen, wieder Kraft zu sammeln?

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2 Gedanken zu “Was Toilettenpapier mit tiefliegendem Frust zu tun hat

  1. Liebe Roni,
    kann Deine Gedanken sehr gut nachvollziehen, man fühlt sich wie ohnmächtig und hilflos. Hast Deine Gedanken sehr gut dargelegt!
    Deine Berichte sind immer sehr spannend und authentisch und animieren einen sehr zum Nachdenken!
    Weiter so!
    Dein Papa

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  2. Oh wie gut ich das nachvollziehen kann. Ich selbst habe 12 Jahre lang in solchen Ländern gearbeitet, gelebt, und teilweise gelitten. Wir machen täglich den Spagat zwischen Verstehen-wollen, manche Dinge ändern zu wollen und uns in unserer eigenen Kultur gefangen zu fühlen. So zumindest erging es mir.

    Vielleicht ist es ein Trost, dass man ein paar Jahre später über all diese Begebenheiten schmunzeln kann. Und dennoch lernt man eine Menge während dieser Aufenthalte. Über andere Kulturen, und über sich selbst. Und schon allein das ist es die Anstrengung wert.

    Kopf hoch und viel Optimismus für die weitere Zeit.

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