Die Wichtigkeit vom 2. Blick und vom „Schubladenwiederaufmachen“

Anold überreicht mir freudig eine Tüte mit den Worten: „Sie hatten leider keinen Cheescake mehr. Aber die Schwarzwälderkirschtorte ist auch super.“ Das mit dem Kuchen war ein kleiner „Bist du mehr als eine Labertasche“- Test. Meine Freundin und ich haben den Ugander Arnold in unserem Alter am Anfang meiner Zeit in Uganda auf der Fährfahrt zu den Ssese Inseln im Viktoriasee kennen gelernt. Mein erster Eindruck von ihm war, dass ich ihm vertraue. Er spricht fließend Deutsch und ist im Tourismusbereich tätig. Seine Philosophie ist, dass er Besuchern in Uganda eine preiswerte Alternative zu den vielen überausteuren Touren hier im Land ermöglichen möchte. Teilweise möchte er damit gar kein Geld verdienen, sondern einfach seiner Leidenschaft folgen. Wir verbringen einen schönen Tag mit ihm und anderen Touristen auf seiner kleinen Insel „virgin island“, wo er gemeinsam mit seinem Freund ein köstliches Mittagessen mit Zutaten direkt von der Insel zubereitet: Cassawa direkt aus der Erde, Fisch aus dem See mit einer Marinade aus Zitronen und Chillis ebenso von dem kleinen Fleckchen Erde. Auf der Rückfahrt stelle ich leider fest, dass er sehr viel von sich selber redet und in meinen Augen zu sehr damit prahlt, was für ein toller Hecht er doch ist. In den folgenden Tagen scheint es uns, dass er nicht wirklich zuverlässig ist und mehr redet und Dinge verspricht, als dass er tatsächlich tätig wird. Zum Zeitpunkt, als wir die Insel verlassen, haben wir ihn bereits in die Schublade mit der Aufschrift „unzuverlässige und angeberische Labertasche“ gesteckt.

Was mir zu diesem Zeitpunkt nicht in den Sinn gekommen wäre ist, dass ich ein paar Wochen später für ein paar Tage mit ihm reisen würde. Am Ende meiner Zeit in der Social Innovation Academy überlegte ich hin und her, ob ich nun mit ihm und einem bekannten Bergführer von ihm oder mit einer offiziellen Tour auf eine mehrtägige Bergtour gehen sollte. Der Kuchentest auf dem Festival war ein Versuch von mir, seine Zuverlässigkeit auf ein Neues zu testen. Ich war mir nicht sicher, ob ich ihm bezüglich der Organisation dieser Bergtour (die weitaus preiswerter sein sollte) wirklich vertrauen konnte, oder ob es wieder nur leere Versprechungen sein sollte und ich am ENde mitten in den BErgen ohne Zelt und Essen dastehen würde. Auf meine Sehnsucht nach einem leckeren Stück Kuchen auf einem Musikfestival reagierte er mit einem „Ach, das kann ich dir organisieren.“ Ich vertraute ihm seltsamerweise in dem Moment der Kuchenübergabe.

Am nächsten Morgen sollte es losgehen in die Berge und doch kam alles anders.

„Veronika, kannst du dich mal kurz hinsetzen“, bittet er mich und ich setzte mich mit meinem ganzen Gepäck etwas verdutzt hin, nachdem wir gerade erst mein Hostel verlassen haben. Ich denke, dass er mir gleich irgendwelche Fotos auf seinem Handy zeigen möchte. Er berichtet mir jedoch, dass es in der Gegend der Berge am Wochenende Unruhen mit Toten gegeben hat und er mit bekannten Sicherheitsleuten gesprochen hat, die vor allem Ausländern von einer Fahrt dorthin abraten. Ich entscheide mich kurzerhand dazu, trotzdem mit ihm zu reisen und meine geplante Touor durch Uganda einfach von hinten anzufangen. Er freut sich über meine Spontanität und wir machen uns auf die Reise:

1. Boda (Motorradtaxi) bis zur Fähre am Viktoriasee (Entebbe) circa 10 Minuten
2. Fährfahrt zur anderen Seite der Bucht (Arnold erklärt mir, dass die vom Staat subventionierte Fähre extra langsam fährt, damit die Betreiber das übriggebliebene Benzin zu Geld machen können. Die Fähre fährt schneller, sobald jemand von der Regierung zu erblicken ist) circa 30 Minuten
3. Minibusfahrt bis zum nächsten Minubus circa 20 Minuten
4. Minibusfahrt bis zur Stadt Massaka circa 2 Stunden
5. Pause im Healthrestaurant mit leckerem Essen
6. Minibusfahrt bis zu einem kleinen Kaff am Rande des Nationalparks circa…ich habe aufgehört, auf die Zeit zu achten
7. Rumirren auf der Suche nach dem Hotel
8. Ankunft im Hotel und starke Preisverhandlung für unser Zimmer – wir sind ein gutes Team
9. Faszination darüber, dass man einen ganzen Tag damit verbringen kann, um von A nach B zu kommen, obwohl zwischen diesen beiden Buchstaben nicht allzuviele Kilometer liegen. Muss wohl an den vielen unterschiedlichen Verkehrsmitteln gelegen haben.

Arnold und ich verstehen uns gut und es stellt sich raus, dass er ein außerordentlich höflicher und sich kümmernder junger Mann ist. Dass diese Reise nur auf freundschaftlicher Ebene basiert machte ich ihm gleich zu Beginn unserer kleinen Reise klar. Beim Teilen eines Zimmers zögerte ich zwar kurz, willigte aber beim geringeren Preis und dem Anblick der zwei Einzelbetten ein. Bei gruseligen Geschichten seinerseits abends im Bett über angeblich kanibalische Nachttänzer, die im Westen Ugandas nachts und splitterfasernackt ihr Unwesen treiben und hin und wieder aus dem großen Flüchtlingslager Geflüchtete entführen und verspeisen, stell ich mir kurz vor, er könnte in der Nacht auch zu einer Art dieser Tänzer werden. Ich grusel mich ein wenig und finde es gleichzeitig albern, in diesem Moment etwas Angst davor zu haben, mit ihm ein Zimmer zu teilen.

Die Sorge war unbegründet. Ganz im Gegenteil: Er weckt mich morgens mit der Frage auf, ob alles okay mit mir sei. Ich ignoriere ihn zunächst bis er mir später erklärt, dass er sich Sorgen gemacht hat, da ich so schwer atmete. Es gibt vieler solcher Momente mit Arnold, in denen er mir seine kümernde Seite zeigt. Ich bin ehrlich mit ihm und erzähle ihm von meinen Zweifeln ihm Gegenüber zu Beginn. Wir können offen miteinander umgehen und haben eine sehr schöne Zeit mit vielen Zebras, spontanen Bodafahrten durch den Park vor dem Nationalpark, schönen Aussichten und anregenden Gesprächen. Ich bin sehr froh, noch einmal genauer hingeschaut zu haben, um zu sehen, was Arnold für ein Mensch ist. Ich bin froh, ihm im Endeffekt doch vertraut zu haben.

Am Ende meiner Rumreisezeit in Uganda reise ich ein zweites Mal mit ihm. Er bezeichnet sich selber als „Kokusnuss“, die außen schwarz ist und innen weiß. Mit dem weißen Kern meint er seine Perspektiven und sicht auf die Dinge in seinem HEimatland. Er ist bereits viel in Europa gereist und es ist eine Wohltat, sich mit ihm gemeinsam über ähnliche Dinge zu wundern. Seine „Kokusnuss“ Mentalität hilft mir, sein Land und die Kultur besser zu verstehen, weil er mich verstehen kann und meinen Blickwinkel. Wir schütteln gemeinsam den Kopf über Unpünktlichkeiten und Unorganisiertheit und können und lachen zusammen, als wir mit dem YY Bus (ausgesprochen Why Why) fahren. Ich fühle mich dort wie auf einer Kaffeefahrt, während der ein Herr ohne Unterlass redet: Erst über Gott und das Leben dann über seine Schönheitsprodukte, die er motiviert anpreist und zu guter Letzt über die tolle YY Busgesellschaft und ihre Vorzüge. Arnold und ich können uns das Lachen nicht verkneifen und sind uns einig, dass der Name der Busgesellschaft Programm ist und man sich am Ende nur noch fragt, warum man diesen Bus überhaupt genommen hat.

Ich habe hier einen neuen guten Freund gefunden, dem ich vertraue und bei dem ich  ich selber sein kann. Bereits mein erster Impuls war Vertrauen, der dann getrügt wurde. Es hat sich definitiv gelohnt, die Schublade noch einmal aufzumachen.  Denn ich hätte definitv eine wertvolle Begegnung auf miner Reise verpasst.

Übrigens: Wer einmal nach Uganda reisen möchte, sollte sich bei ihm melden, denn er organisiert mit Leidenschaft Touren: Ssese Islands Xtreme Adventures

Fragen an dich:

Wann war das letzte Mal, dass du einen Menschen in eine Schublade gesteckt hast und dann später festgestellt hast, dass du dich geirrt hast? Erinnere dich an eine Situation, in der du einem anderen Menschen letztendlich doch vertraut hast! Was hat diese Person gemacht oder getan, dass du ihr dein Vertrauen doch schenken konntest? Bist du beim Reisen bereits einer „einheimischen“ Person begegnet, die viele Perspektiven auf das eigene Land mit dir geteilt hat?

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