Vollgepackt mit Hoch und Tiefs

20.12.2016
Schon von weitem erblicke ich die einzige andere Rucksackreisende auf der Fähre zur Insel Sansibar im Indischen Ozean. Eigentlich hatte ich mit mehreren gerechnet. Ich heckte vorher den Plan aus, diesmal keine Unterkunft kurz vorher zu organisieren und wollte es diesmal einfach mal drauf ankommen lassen und schauen, was passiert. Ich sprach die junge Frau in meinem Alter an und fragte, ob sie schon eine Unterkunft hätte. So kam es, dass ich durch sie ein nicht so teures großes, sauberes Zimmer mit eigenem Bad und WG Wohnzimmerflair bekam. Wir aßen gemeinsam leckeres tansanisches Küstenessen (Reisfladen, eine Art Spinat, Gemüsecurry, bunten Reis und frisch gepressten Organensaft) und lernten zwei Kenianer kennen, von denen der eine hier auf der Insel studiert. Sie luden uns ein, am nächsten Tag mit uns und den Delphinen zu schwimmen.

5 Uhr:

Müde blicke ich auf den Wecker und quele mich um kurz vor fünf Uhr aus dem Bett. Geschlagene 30 Minuten klopfe ich verzweifelt an die Tür meiner neuen Reisebekanntschaft aus den Niederlanden. Mir schießen drei mögliche Szenarien durch den Kopf: 1. Sie wartet unten auf mich (nein tut sie nicht) 2. Ich habe mich in ihr getäuscht und sie ist einfach ohne mich losgefahren. Ich ärgere mich, bin enttäuscht und kann die Welt nicht mehr verstehen. 3. Sie ist sterbenskrank oder bereits tod (ja das habe ich ernsthaft erwogen). Irgendwann bewegt sich endlich etwas und Anna erklärt mir zerknirscht, dass sie erst am Ende mein verzweifeltes Klopfen gehört hat und verschlafen hat. Seltsamerweise ist mir diese Möglichkeit gar nicht in den Sinn gekommen und ich finde meine Gedanken albern.
7 Uhr: 

Anna fragt mich im Auto, ob ich die Nachrichten verfolge. Ich verneine etwas verschämt. Sie berichtet mir, dass es in Berlin einen Anschlag mit mehreren Toten und Verletzten gab. Ich kann es nicht realisieren, dass es nun wirklich auch in meiner Heimatstadt passiert ist. Es wirkt zu irreal, vor allem weil ich so viele tausende Kilometer entfernt bin. Ich stelle mir vor, wie ich später Facebook öffne und auf den Seiten meiner Freunde die kleinen „sicher“ Markierungen entdecken werde. Ein seltsames und unwirkliches Gefühl. Wir unterhalten uns über Terror und wie unglaublich dieses ganze Thema doch ist.

8 Uhr:

Gemeinsam mit den kenianischen Jungs und deren Auto fahren wir durch die Insel und mieten uns ein kleines Bott inklusive eines Fahrers, der uns zu den Delphinen bringen soll. In meiner Vorstellung fahren wir zu einer kleinen Bucht, wo uns eine Unzahl an Delphinen bereits freudig erwartet. Wir springen ins Wasser und die Meeressäuger stupsen uns mit ihren Nasen an und lassen sich geduldig streicheln. Wir schwimmen mit ihnen um die Wetter und verspüren Glück und Einklang mit der Natur. PENG! Traum geplatzt. Mann bin ich naiv. Von Weitem erblicken wir bereits die circa 15-20 Boote voller Touristen, die wie bei einer Fuchsjagd den bestimmt höchstens drei Delphinen hinterherjagen. Ab und zu hüpften ein paar weiße Gestalten mit Schwimmflossenfüßen, glupschigen Taucherbrillenaugen und Schnorchelrohrnasen in das Wasser. Die Delphine sind in diesem Moment schon längst weg, was die Boote nur noch mehr anspornt, ihnen hinter her zu jagen. Auch unser Boot ist eines der Jäger. Ich ärgere mich über die ganzen Touristen und die Delphinjagd und über meine Naivität. Ich schaue an mir runter und muss enttäuscht feststellen, dass ich ebenfalls Schwimmflossenfüße habe, die an meinen weißen Beinen kleben. Ich bin doch nicht anders. Ich spreche meine Zweifel an dieser Jagd aus und bekomme von den anderen Zustimmung. Wir fahren nach einer kleinen Schnorcheleinheit zurück und machen aus, ein ander Mal weitaus früher zu kommen, um die Delphine nicht mit 100 anderen Touristen teilen zu müssen. So richtig Lust habe ich allerdings auch nicht mehr. Mir ist wieder eingefallen, warum ich diese Art von Natur- und Tierbegegnungen nicht mag: Genauso wie bei einer überfüllten Safari jagt man eher den Tieren hinterher und nervt sie, als dass man sie behutsam kennen lernt. Wenn die Delphine gerne Zeit mit einem verbringen wollen würden, würden sie ja schließlich freudig um die Boote hüpfen anstatt dass sie die Flucht ergreifen.
10 Uhr: 

Nach einem frischen Mangosaft und netten Gesprächen machen wir uns wieder auf den Rückweg und kaufen die besten Mangos am Straßenrand, die ich je gegessen habe. Sie stammen von den unzähligen Straßenmangobäumen von denen man sagt, dass sie von einer Frau gepflanzt wurden, die am Fuße jedes Baumes einen Mann begrub, mit dem sie geschlafen hatte. Vielleicht schmecken die Mangos daher so gut. Wir essen für umgerechnet 1 Euro zu Mittag und führen am Ende unseres Kurztrips eine kleine moralische Grundsatzdebatte. Mohamed fragt uns, ob und wenn ja wann wir am nächsten Morgen noch einmal unser Glück versuchen mit den Delphinen. Mir war nicht bewusst, dass wir eventuell auch die Möglichkeit haben, nicht zu kommen, denn eigentlich habe ich kein Interesse mehr. Anna wirft ein, dass der Schiffsfahrer extra einen Kompromiss für uns gemacht hat und wir nur für das Benzin an diesem Tag zahlen müssten und das Boot, er die Fahrt unterbricht und wir ein anderes Mal wieder kommen. Sie erklärt uns, dass wir den ganzen Tag über Gerechtigkeit, EHrlichkeit und Korruption sprechen und am Ende diesen Mann hängen lassen. Anna und ich haben ein offenes und ehrliches Gespräch und ich kann ihre Gedankengänge verstehen, weil ich sie auch habe. Sie kann nicht verstehen, warum ich überhaupt in Erwägung ziehe, dem Mann abzusagen. Ich spreche aus, dass auch ich nicht perfekt wäre und egoistische Gedanken hätte. Wir führen eine wichtige Unterhaltung über Kultur und Moral und auch wenn das Ansprechen und Erkennen meines kleines Schattens etwas schmerzt, bin ich doch sehr dankbar für dieses ehrliche Gespräch mit einer so gut wie Fremden, die mir in diesem Moment einen kleinen Spiegel vorhält.
14 Uhr:

Nach einer Dusche mit einem mehr oder weniger kühlenden Rinnsahlstrahl aus der Dusche (aus dem modernen Riesenduschkopf mit Regenwasserprasselstrahtechnik würden wahrscheinlich nur kleine Tropfen rauskommen bei dem Wasserundruck) mache ich mich auf in die Altstadt „Stone Town“. Mein Gästehaus liegt irgendwo zwischen anderen Häusern und mir ist schon auf dem Hinweg klar, dass ich nicht mehr zurück finden werde. Inspiriert von Hänsel und Gretel schieße ich zwei Fotos von markanten Punkten auf meinem Weg und gebe nach ein paar Weggabelungen meine Märchennachhausefindetechnik auf. Ich schlendere durch die engen Gassen der stark arabisch geprägten Altstadt und bestaune die Souvenirläden mit teilweise wirklich schönem Kunsthandwerk an jeder Ecke. Die Architektur ist wirklich bezaubernd und ich fühle mich nach den zwei Monaten in Uganda wieder in einer völlig anderen Welt. Man begrüßt mich freundlich mit Mambo und mir begegnen Wörter wie Hakuna Matata (was auf swhaheli soviel heißt wie „alles wird gut“). Die Temperaturen sind hoch und die Luftfeuchtigkeit lässt Bäche auf meiner Haut entstehen. Ich sehe um mich herum Touristen (und viele Pärchen) schlendern und fühle mich seit langem mal wieder einsam. Ich wünschte mir, mit einem lieben und vertrautem Menschen hier zu sein und muss unweigerlich wieder an meinen Exfreund denken, der in diesem Moment mehrere Monate  mit seiner neuen Freundin reist, während ich einsam durch die Gassen laufe. Kurze Zeit später entdecke ich ein kleines szeniges Café mit bunten Farben und Palettensofas und gönne mir einen Milchschake sowie einen Bananenkuchen (ich kann wieder mit Genuss essen!). Ich lerne dort die etwas durchgeknallte aber sehr nette Australierin Julien kennen und schaue mit ihr gemeinsam einen Film in dem kleinen Café, der mich in eine etwas verstörte Stimmung bringt, mich aber das gemütliche Sofa und die Entspannung genießen lässt. 
19 Uhr:

Gemeinsam schlängeln wir uns den Weg zum Foodmarkt direkt am Meer. Ich liebe diese Märkte, deren Stände am Abend wie Pilze aus dem Boden sprießen. Es werden allerlei Fischspezialitäten, Obst und die berühmten tansanischen Pizzen feilgeboten: Man nehme einen Klumpen Teig, rolle ihn aus, belege ihn mit Gemüse, Fleisch oder Süßem, packe einen weiteren Teiglappen opendrauf und verschließe die Enden. Das ganze brät man auf einer heißen Platte, zerschneidet es in mundgerechte Stückchen und serviert es den heißhungrigen Kunden mit einem kleinen Zahnstocher. Julien ist ein Energiebündel mit großem Herz. Sie kauft einem breit grinsendem (ich frage mich ob er nicht stark bekifft ist), der in einem Mülleimer wühlt zwei der tansanischen Pizzen und bemerkt, dass sie ihm am liebsten einen Job verschaffen würde. Sie scherzt mit den Pizzaverkäufern und stellt mir plötzlich die Frage, was es mit all den weißen Mädchen auf sich hat, die einen schwarzen Jungen Burschen an der Seite haben und ob ich auch so jemanden hätte. Irgendwie finde ich die plötzliche Frage witzig. Ich gebe ihr zu denken, dass 1. Sich die jungen Burschen vielleicht einfach so daneben setzten und drauf los quatschen. 2. es sich um eine Urlaubsaffaire à la Beachboy handelt. 3. Sie einfach nur befreundet sind und dass ich „sowas“ auch in Uganda hatte. Es ist eben nicht immer so, wie man es vielleicht auf dem ersten Blick vermutet. 
20:30 Uhr:

Wir treffen Juliens Taxifahrer des Vertrauens, nur ihm darf ich hier vertrauen laut der quirligen Frau. Mein Problem: Ich weiß weder wie mein Gästehaus heißt, noch weiß ich, wo es genau liegt. Ich zeige dem Taxifahrer meine zwei Fotos, mit denen er absolut nichts anfangen kann (dabei war mein Plan so gut). Meine Ortsbeschreibung hört sich in Etwa so an: „Also, da gibt es so ein großes blaues Haus, was viel größer als die anderen kleinen Häuser. Um dieses Haus stehen ganz viele kleine Häuser, wo Menschen drin wohnen. Das ganze befindet sich übrigens in der Nähe der Busstation und eines Parkes, durch den man durchlaufen kann.“ Ich fühle mich etwas dämlich, aber bin mir sicher, dass ich schon irgendwie zurückfinden werden. Julien setzt sich mit ins Taxi und möchte mich mit nach Hause bringen. Wir beginnen unsere Irrfahrt, zeigen Passanten meine zwei Fotos, mit denen die meisten (wie seltsam…) auch nichts anfangen können. Irgendjemand behauptet, es zu erkennen und schickt uns in eine Richtung. Ich merke, wie wir wir uns immer weiter weg entfernen und weiß, dass wir auf dem falschen Weg sind. Wir drehen um und ich erkenne irgendwann glücklicherweise einen Ort wieder. Wir steigen gemeinsam aus und lassen uns von mir erstmal in die falsche Richtung führen (meinen Orientierungssinn vor allem in der Nacht kann man echt vergessen). Wir müssen einen Umweg nehmen, weil eine riesige Gruppe muslimischer Männer ihre religiöse Zeremonie mitten auf der Straße sitzend feiert. Wir fragen einem Mann in einer der engen Gassen des Wohnviertels nach dem hohen blauen Haus. Er führt uns und da stehen wir endlich: Vor meinem großen blauben Gästehaus. Ich bedanke mich herzlich bei meinen Rettern, mit denen ich dieses kleine Abenteuer erleben durfte und lege mich erschöpft von diesem verrückten Tag in mein Bett. Ich wusste, dass ich schon irgendwie nach Hause finden würde. Irgendwie klappt das doch immer, egal wo und wie verloren ich bin. Der Tag war eine Gefühlsachterbahn und ich wurde mit mir selber in so vielen unterschiedlichen Situationen konfrontiert. Den Namen meines Gästehauses weiß ich übrigens immer noch nicht und den Weg habe ich mir natürlich nicht gemerkt. 

Fragen an dich:

Denke an einen Tag zurück in deinem Alltag oder beim Reisen, der vollgepackt war mit unterschiedlichsten Emotionen und Erlebnissen . Mit welchen Gedanken und Charaktereigentschaften von dir wurdest du an diesem Tag konfrontiert? Wie hast du dich am Ende dieses Tages gefühlt?

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Ein Gedanke zu “Vollgepackt mit Hoch und Tiefs

  1. Hi Roni,
    kann mir sehr gut vorstellen wie du durch die engen Gassen irrst! Dein Ziel erreichst du aber immer wieder, auch auf andere Begebenheiten übertragen. Freue mich schon auf deinen nächsten Bericht!
    LG Dein Papa
    P.S. Das waren ja wirklich ganz besondere Mangos!

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