Die „Mambo-What’s your name-Where are you from“- Massai Jungs vom Strand in Sansibar 

Ich sehe sie schon von weitem und versuche mich extra intensiv in mein Buch zu vertiefen. Ich mache gerade Urlaub vom Reisen auf Sansibar und habe einfach keine Lust, angesprochen zu werden. Außerdem frage ich mich eh, was die vielen Massai-Männer hier am Strand vom Sansibar machen, wo sie eigentlich überhaupt nicht leben. Ich merke, wie ich gerade etwas reisemüde bin und mich ein kleiner Weihnachtsblues erwischt hat. Jeden Tag wird man mindestens zwei Mal von den exakt gleichen Massai-Jungs immer auf die gleiche Art und Weise angesprochen. Mein Geduldsfaden ist in diesen Tagen gefährlich dünn und ich bin von den Jungs einfach nur genervt, vor allem, weil ihre Ansprache eigentlich jedes Mal nach genau dem gleichen Muster abläuft:

Massai Typ (im Folgenden einfach nur MT): „Mambo“

Ich (genervt): „Poa“

MT: „Where are you from?“

Ich (noch genervter): „Germany“

MT: „What is your name?“

Ich (sehr genervt): „Veronika“
Irgendwann komme ich an den Punkt, wo mich das einfach nur aufregt. Ich möchte einfach nur ungestört entspannen und frage mich, ob die Jungs einfach nur ihr Zeugs verkaufen wollen oder Mädels kennen lernen wollen..
Verkaufsworkshop am Strand Nummer 1

An einem Tag ist alles anders. Ich wache auf und befinde mich in einer guten Stimmung. Der Blues scheint verflogen zu sein. Beschwingt gehe ich zum Strand, wo natürlich auch die Massai-Jungs nicht lange auf sich warten lassen. Ich muss die „Play“-Taste nur berühren und schon spult einer der Massais seine Standartansprache ab. Diesmal habe ich es mit einem freundlichen Mann zu tun, das spüre ich gleich. Ich lasse mich auf ihn ein (heute sagt mir mein Ich, dass ich sie nicht ignorieren möchte. Menschen zu ignorieren finde ich grundsätzlich eigentlich blöd. Aber wenn ich mich auf jeden Menschen einlassen würde, der mich beim Reisen hier anspricht würde ich nicht weit kommen und es würde mich sehr anstrengen, auf jeden Unterhaltungsversuch einzugehen.).

Ich frage ihn, was eigentlich sein Job sei und ob er einfach seine Dinge verkaufen möchte oder ob es ihm daran liegt, neue Menschen kennen zu lernen. Denn das war mir bis dato bei den Jungs nicht so wirklich klar. Ich frage ein paar weitere Fragen und merke an, dass er sich von den anderen Massai-Typen irgendwie in seiner Ansprache unterscheiden muss, wenn er etwas erfolgreicher mit seinen Geschäften sein möchte. Ich sage ihm, dass die Ansprache seiner Freunde immer die gleiche und somit langweilig sei. Ich bringt ihn sichtlich aus seinem Konzept und seiner Routine, weil ich mich weder auf seine Verkaufsstrategie einlasse noch wimmel ich ihn mit einer eventuellen Standartabwimmelstrategie ab. Ich gebe ihm den Tipp, dass er sich etwas kreatives und humorvolles einfallen lassen könnte, um die Leute am Strand anzusprechen und zum Kauf seiner Produkte zu motivieren. In mir kommt die Entrepreneurship-Potentialentfaltungs-Frau hoch und mir liegt es plötzlich sehr daran, dass ich ihn bei seinen Verkaufsstrategien unterstütze. Ich fordere ihn freundlich auf, die Ansprachszene mit mir noch einmal zu wiederholen (ich drücke diesmal sozusagen die Repeat-Taste). Er schaut mich etwas verwirrt an und für einen kurzen Moment tut es mir leid, dass ich diesen jungen Mann, mit seinem roten Massai Umhang, dem dicken Wanderstock und seiner Karoverkaufstasche sowie seinen langen Haaren sichtlich aus dem Konzept bringe. Unsicher fragt er mich, ob er wirklich noch einmal von der anderen Richtung auf mich zukommen soll und ich ermutige ihn, dies mit einer kreativeren Ansprache zu tun. Er lasst sich tatsächlich auf meine kleine Verkaufsstrategien-Rollenspiel-Übung ein und spricht mich mit folgenden Worten an, während er auf meine Yogamatte zeigt: „Was ist das?“. Gut, super kreativ oder humorvoll war dies nun nicht, aber immerhin hat er es versucht. Übung macht den Meister. Er versichert mir, diese Strategie nun auf seinem restlichen Strandspaziergang auszuprobieren. Einige Stunden später kommt er wieder bei mir vorbei. „Oh ich lese auch gerne.“ Sagt er zu mir und ich muss lächeln. Strahlend berichtet er mir, dass er bei jeder Person versucht hat, etwas anderes und passendes zu sagen und sogar ein Kompliment bekommen hat von einem Herren der meinte, dass er ja mal was anderes sagen würde als all die anderen. Ich frage ihn, ob es ihm nun mehr Spaß gemacht hätte. „Ja hat es.“ Gibt er zurück. Ob er nur höflich sein möchte mit seiner Antwort weiß ich nicht genau, aber eigentlich verrät sein Lächeln auf den Lippen, dass er es tatsächlich so meint. Mich versetzt diese Begegnung in eine sehr zufriedene Stimmung und ich bin froh und dankbar, mich auf sie eingelassen zu haben. Anstatt die Massai-Jungs einfach nur als Nervensägen zu sehen durfte ich einen von ihnen etwas kennen lernen und mich auf ihn etwas einlassen. Ich habe in ihm einen Menschen gesehen, der dankbar für solche Art von Feedback ist und gewillt ist, etwas zu verändern. Ich habe wieder gemerkt, dass Humor und das sich einlassen auf Dinge, die einen eigentlich nerven manchmal ganz andere Türen öffnen kann.
Verkaufsworkshop am Strand Nummer 2

Die Begegnug mit diesem Massai-Mann sollte nicht die einzige an diesem Tag gewesen sein. Während Massai-Junge 1. mit seiner neuen Verkaufs-Ansprachs-Strategie über den Strand marschiert kommen schon zwei weitere traditionell gekleideten Tansanier an meinem Strandtuch vorbei: „Mambo, Where are you from, und so weiter und so fort.“

Diesmal lasse ich mich darauf ein, ihre Ware zu begutachten. Irgendwie war ich in den letzten Tagen ja dann doch etwas neugierig geworden, was sich in den karierten Plastiktaschen befinden, welche von den Männern bei senkender Hitze über den Strand getragen werden. Vor mir wird ein rotes Tuch auf den Strand gelegt, auf das die beiden Massais eifrig ihre Ware legen: Holzmasken, Kaffeebohnenarmbänder, Holzgiraffen…das Übliche, was man hier in Ostafrika an jeder Ecke bekommen hat. Ich kann nicht so wirklich glauben, dass diese Dinge wirklich von den Jungs selber geschnitzt wurden und nicht aus der üblichen Massenproduktion aus Kenia stammen. Ich versuche ihnen zu glauben. Geschäftstipp des Tages Nr. 2: „Warum verkauft ihr denn alle genau die gleichen Sachen,  Jungs. Ihr müsst euch doch irgendwie von eurer Konkurenz unterscheiden. Seid kreativ, denkt euch etwas aus.“ Ich bin kaum zu bremsen und erzähle ihnen von Naturmaterialienschmuck, den ich einst in Kolumbien erstanden habe und ich diesen Laden nur durch Zufall zwischen all den „Made in China“ Kolumbiensouvenirs gefunden habe. Einer der beiden hört mir aufmerksam zu und nickt fleißig während er seinem Kollegen das spontane Verkaufsseminar auf Swaheli übersetzt. Er meint, dass ich vollkommen recht habe und bedankt sich für diesen Hinweis. Er erzählt mir, dass er jedes Jahr für drei Monate nach Sansibar kommt, um sein Kunsthandwerk zu verkaufen und dass es manchmal sehr hart sei. Er vermisst seine Heimat und seine Familie. Von dem Geld welches er hier verdient werden unter anderem neue Kühe gekauft, mit denen die Massai – Nomaden umherziehen. Wir unterhalten uns noch kurz nett und die beiden packen ihre Habseligkeiten wieder zusammen. Ich überlege kurz, ob ich ihnen etwas abkaufe, obwohl ich eigentlich nichts davon haben will, überlege es mir jedoch anders, da ich nichts nur aus Mitleid kaufen will. Ich ermutige sie zur Produktinnovation und schaue ihnen nach, wie sie langsam am Strand hinter dem Meer an Kitesurferschirmchen verschwinden. Auch für diese Begegnung bin ich dankbar und spüre, dass dies auch auf Gegenseitigkeit beruht.
Was ich wieder gelernt habe: Dinge mit Humor zu nehmen, meinen Ärger und meine Genervtheit kurz zur Seite zu schieben und ein klein wenig hinter die Kulissen zu schauen. Zu guter Letzt nicht zu vergessen, dass hinter jedem noch so nervigen Verkäufer ein Mensch steckt, der manchmal eben Tag ein Tag aus über den Strand laufen muss, um wenigstens etwas Geld zu verdienen, um dann nach drei Monaten wieder in die Massai-Heimat zur Familie zu reisen.

Frage an dich: 

Kannst du Dinge, die dich nerven gut mit Humor nehmen? Erinnere dich an eine Situation zurück, in der du von bestimmten Menschen nenervt warst und ihnen dennoch mit Offenheit begegnet bist und sich dadurch etwas Positives ergeben hat? Hast du dich mal auf Menschen eingelassen, die du sonst meidest? Was ist dadurch mit dir und der anderen Person geschehen?

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s