Geschundener Körper und der Kampf des Optimismus

Der Sieg des Optimismus

Ich wache auf und mein ganzer Oberkörper schmerzt so sehr, dass ich es kaum aushalten kann. Jeder Atemzug tut weh und ich kann mich nur im Schneckentempo bewegen. „Manchmal kann ich reisen nicht ausstehen.“ Schießt es mir durch den Kopf und ich wäre gerade einfach nur zu Hause.

Es ist der 30. Dezember und ich mache mich auf Herbergssuche, meine einzigen Reisebegleiter sind in diesem Moment mein kleiner und großer Rucksack und mein unterträglicher Schmerz, der mir auf Schritt und Tritt folgt. „Alles ausgebucht.“ Höre ich von allen Seiten. Ich wollte es nicht glauben, obwohl ich schon wochen vorher davor gewart wurde. „Buche vor für Neujahr auf Sansibar in Nungwi.“ Ich wollte das Abenteuer, die Flexibilität, den Glauben an meinen Optimismus und mein Glück. Ich werde schon etwas finden war wie für mich wie in einen Stein gemeistelt.

Da sitze ich nun, vor Schweiß triefend, verzweifelt in der Eingangshalle eines Hotels, in dem ich das Internet benutzten kann. Ich versuche es mit der umständlichen Internetfunktion meines e-readers, nach einigermaßen bezahlbaren Unterkünften zu suchen (man ist die Insel teuer!). Ich finde etwas, buche es und bekomme keine Bestätigung per Email. Nach ein paar Minuten ist auch diese Unterkunft nicht mehr verfügbar. Ab und zu begegne ich Menschen, die mir helfen wollen. Einer von ihnen macht sogar eine Tour durch das Dorf, um für mich nach Privatunterkünften zu schauen, aber auch diese Aktion ist nicht von Erfolg gekrönt. Ich schimpfe mit meinem Optimismus, bis er nur noch ein Häufchen Elend ist. „Ja, ja.“ sage ich zu ihm, „Du glaubst immer, dass alles irgendwie doch im Endeffekt klappt. Hier hast du es: Diesmal klappt es eben nicht.“ Natürlich hätte ich theoretisch auch 60 Dollar für eine Nacht ausgeben können, aber das kommt für mich einfach nicht in Frage.

Ich gönne meinem kleinen Rucksack den Ehrenplatz auf meinem Rücken (der große steht in irgendeinem Hotel zur Aufbewahrung während der trostlosen Herbergssuche, die eigentlich zu Weihnachten passender gewesen wäre à la Maria und Joseph) und schleppe mich im Schneckentempo und schmerzendem Körper die Straße entlang. Ich erblicke ein Touristeninformationszentrum und gehe spontan hinein (ich habe auf meiner Reise noch kein einziges besucht). Dann geht alles plötzlich sehr schnell: Die freundliche und humorvolle Dame am Schreibtisch bietet mir ein Zimmer in ihrem unfertigen Haus an. Es wohnen zwei weitere Ausländer darin, mein Zimmer ist noch leer. Sie kann mir aber ein Bett kaufen. „Welches Bett hättest du denn gerne?“ fragt sich mich. Ich handle einen guten Preis mit ihr aus und darf am abend einziehen. Ich kann es kaum glauben, aber am Abend liege ich tatsächlich in einem sehr neu riechenden, mit Plastikfolie eingepackten Bett in einem Zimmer, wo bis auf einem Bastteppich und einem Moskitonet nichts ist. „Ha!“, sagt mein Optimismus zu mir. „Ist zwar kein Luxus hier, aber du hast ein Dach über dem Kopf. Ich sag’s ja. Du kannst mir vertrauen.“ Ich muss meinem Optimismus zustimmen und versuche es meinem schmerzenden Körper auf der Plastikmatraze einigermaßen bequem zu machen.
Wenn der Körper einem beim Reisen im Stich lässt

Ich mache mich auf die Suche nach dem Arzt, welcher mir empfohlen wurde. „Frag einfach nach dem Almara Restaurant“, wird mir geraten. „Dort wird man dich zum gleichnamigen Krankenhaus bringen.“ Die beiden „Betriebe“ werden vom gleichen Herren geführt, wird mir von einer jungen Dame im Restaurant erläutert. Ich kann mir den trockenen Scherz nicht verkneifen, ob dies eine Strategie wäre, dass dem Restaurant gleich ein Krankenhaus angeschlossen ist. Ich frage mich, ob dies nicht vielleicht eine innovative Geschäftsidee sei, die ich gerade einfach nicht zu schätzen weiß. Ein Mitreisender und ich folgen der Frau durch die matschigen Gassen in einem armen Wohngebiet des Dorfes. Der Kontrast zwischen dem Leben hier und den vielen Hotelanlagen am Strand ist extrem und es ist paradox, wie nah die beiden „Leben“ doch beieinander liegen. Je weiter wir in die Siedlung hineinlaufen, desto mulmiger wird mein Gefühl, hier ein einigermaßen vernünftiges Krankenhaus zu finden. Beim Anblick des kleinen (aber sauber dreinblickenden) Häuschens ist mein Mitreisender fast schon begeistert (er ist einer der sehr optimistischen Sorte). „Sieht doch super aus.“, versucht er mich zu ermutigen.

Ich beschreibe der Ärztin meine Symtome: dass ich schon Wochen Probleme mit der Verdauung und dem Magen habe, bereits beim Arzt war und am Morgen aufgewacht bin mit unfassbare Schmerzen im Oberkörper hatte und nicht richtig durchatmen kann. Sie gibt mir sofort eine Diagnose, ohne mich angefasst oder sonst wie untersucht zu haben. Ich bin irritiert. Bei uns zu Hause wird man eigentlich immer angefasst und mit sämtlichen medizinischen Instrumenten konfrontiert. Ich frage sie freundlich, ob sie mich nicht untersuchen möchte. Ich glaube sie macht es einfach nur mir zu liebe. Ich lege mich auf die Liege und muss aufheulen vor Schmerzen während ich versuche nicht in Panik auf Grund meiner schmerzhaften Schnappatmung zu geraten. Ich fühle mich wie ein kleines Kind, was einfach nur zu seinen Eltern möchte. „Gastritis!“ meint die Ärztin und legt mir ein Paket voller Medikamente auf den Tisch. Ich warte kurz. Müsste sie mir jetzt nicht eigentlich sagen, wie ich die Medikamente einnehmen soll? Fehlanzeige, ich muss anscheinend selber danach fragen. Ich fühle mich schlecht, weil ich ihren Kompetenzen nicht so ganz vertraue. Ich fühle mich schlecht, dass ich über sie urteile, nur weil sie in diesem kleinen Krankenhaus in einer armen Gegend arbeitet und nicht in einem richtigen Krankenhaus. Ich kann nicht anders in diesem Moment.

Es ist Silvestertag und ich verbringe den Tag größtenteils schmerzerfüllt im Liegen. Das Positive am Tag waren die drei Menschen, ein Reisender aus Belgien und zwei Engländerinnen, die mir das Gefühl gegeben haben, nicht alleine zu sein. Sie bekundeten ihr Mitlied, ließen mich in ihrem klimatisierten Zimmer auf einem herrlichen Bett schlafen, fühlten meine Stirn, boten mir nette Gesprächspartner und waren für mich da. Gerade wenn man alleine reist und krank ist ist es gold wert, in solchen Momenten liebe Menschen um sich zu haben, auch wenn man sie erst seit ein paar Tagen kennt.

Ich beende den letzten Tag des Jahres mit starken Schmerzen, unglaublichen vielen und betrunkenden Menschen, einem Feuerwerk was so nah ist, dass ich Angst habe, es würde mir gleich um die Ohren fliegen, Strand, schlechter Musik, einem verlorenen Geldbeutel (auch das noch) und dem Gedanken, anstatt der Silvesterparty lieber in meinem unbequemen Bett verbracht zu haben und der Dankbarkeit, trotz allem liebe Menschen um mich herum gehabt zu haben. Ich drücke den: „Ist-doch-alles-egal-kannst-du-eh-nicht-ändern-also-ärgere-dich-nicht-zu-sehr – Knopf“, den man beim Reisen definitiv zu betätigen lernt (ist zudem Überlebenswichtig).
Geduldsprobe für die Gelassenheit und Zuversicht (oder wie immer weiter einer draufgesetzt wird)

Ein Tag später wieder zurück in Stone Town…
Ich gönne meinem Körper und mir einen vollen Tag in Stone Town (Hier ist mein Zimmer toll!) und schlendere inzwischen etwas schneller laufend zum mosambikanischen Konsulat, um mein Visum abzuholen.“Wir haben auf alle Fälle am 2. Januar geöffnet, sodass Sie ihr Visum abholen können.“, sagte mir die Dame aus dem Konsulat knapp 2 Wochen zuvor. Die zwei Herren vor dem Gebäude müssen mich jedoch enttäuschen und mich auf die Öffnungszeit um 7 Uhr morgens des 3. Januars vertrösten, exakt die Uhrzeit, um die meine 35 Dollarfähre aufs Festland zurück fährt (die ich natürlich schon vorsorglich gebucht habe). Mit meinen dreiwöchigen Babbel-App-Sprachkurs-Kenntnissen versuche ich mit den zwei Herren auf Portugiesisch (in meinem Fall eher Portognol, einer Mischung aus Spanisch und Portugiesisch) zu kommunizieren. Es gibt wohl keinen anderen Weg, als morgen noch einmal zum Konsulat wieder zu kommen und zu versuchen, das Fährticket umzutauschen. Ich überlege kurz aus Wut gegen einen Laternenmast zu treten und spüre ein paar Sekunden später eine Welle von Gleichgültigkeit, welche durch eine anscheinend automatische Betätigung meines „Ist-doch-alles-egal-und-so-weiter-Knopf“ ausgelöst wurde. Okay, dann gehe ich eben wieder zum Ticketschalter, wollte ja eh noch etwas abholen und in einem Dachterrassenrestaurant entspannen und lesen. Okay, dann komme ich eben später in Dar-es-Salaam an, kann vielleicht erst einen Tag später Richtung Malawi fahren. Aufregung bringt nichts, Flexibilität ist gefragt. Es ist nicht so, dass ich gerade völlig entspannd bin und die Planänderung total flexibel entgegennehme und mir das meiner Stimmung nichts anhaben kann. Ich denke Gleichgültigkeit trifft es ganz gut. Es ist mir zwar eigentlich tief in mir drin alles andere als egal, aber ich nehme es so hin, ergebe mich meinem Schicksal, versuche meinen Frust und meine Erschöpfung zu unterdrücken und schütte einfach einen Haufen Matsch auf meine Gefühle. Was dabei raus kommt ist eben das, was ich gerade als Gleichgültigkeit empfinde. Anscheinend braucht man dieses Gefühl, um in diesen Breiten überleben zu können. Aber ob ich dieses Gefühl ausgeprägt in meinem Leben haben möchte wage ich sehr stark zu bezweifeln. Es ist aber auch in meinem Alltag zu Hause definitiv von Vorteil, sich darin zu professionalisieren. Es macht das Leben manchmal einfacher.

Das Ticket konnte ich übrigens ohne Probleme umtauschen. Ob mein Optimismus, einfach 2 1/2 Stunden später abzufahren und vorher das Visum abzuholen, diesmal eine gute Entscheidung getroffen hat, kann ich dir erst morgen berichten. Zum Endzeitpunkt dieser Geschichte sitze ich entspannt auf der Dachterrasse, mit einem wunderbaren Blick und einem snaften Wind, der meinen geschundenen Körper umschmeichelt. Reisen ist ja doch irgendwie ganz schön.

Fragen an dich:
Erinnere dich an eine Situation zurück, an die mit viel Optimismus rangegangen bist, zwischendurch dachtest, dass es alles nicht klappt und im Endeffekt doch eine Lösung „vom Himmel gefallen ist“. Wie hast du dich gefühlt? Wie kam die Lösung im Endeffekt zu Stande? In welchen Momenten hast du bereits den „Ist-doch-alles-egal-und-so-weiter-Knopf“ gedrückt und hast du das Gefühl, dass du durch das Reisen diesen Knopf immer besser betätigen kannst? Was hilft dir, dich in solchen Momenten, wenn Dinge einfach nicht funktionieren oder nicht so klappen, wie von dir geplant, entspannter zu machen?

Advertisements

Ein Gedanke zu “Geschundener Körper und der Kampf des Optimismus

  1. Hallo Veronika,
    unglaublich! Diese Abenteuer!
    I feel sorry for you… Such a bad disease and so alone somewhere in Africa… I think I would have paid some money for getting a sleeping place… but it’s your choice… you were successful at least…
    Hope you get better soon!
    Greetings from a completely different life… that sounds a bit odd in comparison with yours…
    But as you mentioned: there are lots of different lifes side by side… and everyone wants to get happy and satisfied somehow…
    Grüße aus dem guten alten Deutschland: Ich war in Thüringen, auf Bergen und in Höhlen und auf der Wartburg, Luthergeist atmen, ja ja, die Reformation…
    Bin in der Elbphilharmonie gewesen ( am 1.1.!!!), mit Tanz von Sascha Waltz, war sozusagen heute in den Nachrichten…
    Beste Grüße, take care!!!!!!!!!!!!!!!!
    Christina

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s