Ausharren deluxe

Es ist kurz vor 6 Uhr morgens und ich wache noch vor dem Weckerklingeln auf. Seit dem Vorabend spüre ich ein intensives“Aufgeregtsein“ in der Magengegend. Zum Einen, weil ich etwas Bammel vor Mosambik und dem Überqueren der Grenze habe, nachdem irgendwie fast alle Menschen etwas besorgt dreinschauen, denen ich von meinen Reiseplänen nach Mosambik berichte. Auf der anderen Seite kann ich es nicht mehr abwarten, in ein paar Tagen endlich meinen Bruder Konstantin in Mosambik zu treffen, der sich aus Deutschland einfliegt.

Da sitze ich nun mit meiner neuen Reisefreundin und warte und warte auf das bestellte Taxi, welches im Endeffekt nach 1,5 Stunden und erst nach zwei Anrufen seitens der Rezeption kommt: „Sorry, vergessen.“ Wenigstens guckt der Mann etwas zerknirscht. Mit zwei Franzosen im Schlepptau, die zufällig in die gleiche Richtung müssen, machen wir uns auf zum Busbahnhof in der Hauptstadt Malawis – Lilongwe. Der Bus macht einen guten Eindruck und ich freue mich über die freie Platzwahl. Der Motor des Gefährts ist an – muss also bald losgehen. Mit „bald“ ist mir schon bewusst, dass bald heißt, dass der Bus erst voll werden muss, bevor wir uns auf den Weg machen können. „Ich schätze wir werden in 1,5 Stunden losfahren“, verkündige ich optimistisch, als wir um 8:15 Uhr endlich im Bus sitzen.
9:15…Ich nutze die Zeit, um etwas Portugiesisch auf meinem ipad zu lernen.
10:15… Ich haue mir frustriert mein ipad gegen den Kopf und würde am liebsten laut los fluchen.
11:15… Ich gehe aus dem Bus, suche verzweifelt nach Nahrung, finde nur Bananen und versuche, dem ATM etwas Geld zu entlocken. Fehlanzeige: Bis auf ein paar kleinen Stromschlägen, die ich beim ingeben meines Pins bekomme, kann ich der Geldmaschine nix entlocken. Geldlos schleiche ich zum Bus zurück. Am Bus angekommen frage ich jemanden von der Bus-Crew, warum sie den Motor die ganze Zeit laufen lassen. Sie würden doch so sehr viel Benzin und damit Geld verlieren. „Das ist die Malawi-Art. Wenn wir den Motor ausmachen, kommen die Leute nicht.“, wird mir erklärt. Ich verstehe den Trick: Laufender Motor bedeutet, dass der Bus wahrscheinlich gleich losfährt. „Gleich“, dieses Wort bekommt auf diesem Kontinent eine komplett andere Bedeutung. Ich erinnere mich an meinen interkulturelle Kommunikation – Master, in dem wir lernten, dass in manchen Kulturen Zeit nicht linear, wie bei uns, sondern kreis-und schnörkelförmig ist.
12:15…Ich frage mich erneut, warum ich überhaupt hier bin, warum ich mir diesen Kontinent ausgesucht habe und warum ich mir mein Leben extra schwer mache mit dem Reisen.
13:15…Ein 20-jähriger Malawier hinter mir berichtet mir, dass er seit 6 Uhr morgens auf die Abfahrt des Busses wartet. Er wollte eigentlich zur Abschlussfeier seines Bruders, die nun schon vorbei ist. Er sagt mir, dass heute die Existenz eines weiteren Busses ist, der genau in die gleiche Richtung will, das Problem sei. Die Busse buhlen um ihre Passagiere (und wollen wirklich erst fahren, wenn ALLE Plätze belegt sind.) Ich frage ihn, wie er sich dabei fühlt und bin beruhigt, dass er auch einfach nur genervt davon ist und nicht versteht, wie man eine Busfahrt so regeln kann.
14:15…Es setzt sich eine junge Frau aus Malawi neben mich, die definitv mehr Platz einnimmt als das kleine süße Mädchen vor ihr, die ich mit Keksen gefüttert habe (damit ich aus Langeweile und Frust nicht die ganze Packung alleine aufesse) und sie hin und wieder abgekitzelt habe, um uns beide wenigstens etwas zu bespaßen. Die junge Frau ist sehr gesprächig (sonst sind es eher die Männer, die unentweg mit mir reden wollen) und berichtet mir, dass sie gerade eine Krankenschwester wird. Sie ist genervt davon, dass die Menschen in ihrem Land so schlecht im Zeitmanagement sind und berichtet mit ein wenig Stolz in ihrer Stimme, dass sie sehr pünktlich ist, deswegen immer eine Uhr trägt (sie zeigt mir ihre Herzchenarmbanduhr) und gerade mal 3 Minuten toleriert, bevor sie den Ort der Verbredung verlässt. Sie kann ebenfalls nicht verstehen, warum der Bus einfach nicht losfährt. Der Motor ist immer noch an.
15:15…Ich dämmere vor mich hin und lese zufälligerweise ein Kapitel in meinem Buch, welches unter anderem vom Ausharren handelt. Ich muss schmunzeln und bemerke, wie ich inzwischen sehr ruhig geworden bin und das ganze fast schon als eine Art Meditation empfinde. Entschleunigung – ist es nicht das, was ich auf dieser Reise erfahren und lernen möchte?
15:45…Kaum zu glauben, aber nach 7 1/2 Stunden Wartezeit IM Bus bewegt sich das Metallgehäuse auf Rädern und hält nach ein paar Minuten kurz an um….neues Benzin in den nach Stundenlanger Motoranlasserei ausgetrockneten Benzinschlund zu gießen. Ich jubel ein wenig laut und klatsche in die Hände. Wie episch es doch wäre, wenn mir dies nun alle gleich tun würden. Es bleibt aber zäh im Bus und ich widme mich der wunderschönen weiten Landschaft, die an mir vorbeizieht. Meine Sitznachbarin legt wie selbstverständlich ihren Kopf auf meine Schulter,,um zu schlafen und ich bin stolz auf mich, die anfänglichen Frust – und  Nichtverstehenkönnenwellen in Ruhe und Gelassenheit umgewandeln haben zu können. Ich habe es mehr oder weniger geschafft, 7 1/2 Stunden in einem stehendem Bus auszuharren, ohne völlig verrückt und gewalttätig zu werden. Ich habe es im Laufe der Stunden geschafft, die Situation einigermaßen so anzunehmen, wie sie nun einmal ist.

Nach Mosambik werde ich heute nicht mehr kommen und eine weitere Nacht in Malawi schlafen müssen. SO ist das nun eben. Ich habe gelernt, dass ich Situationen besser ertragen kann, wenn ich es als Lernerfahrung sehe und darüber nachdenke, was ich gerade lerne.

 

Fragen an dich:

Kennst du dieses Phänomen, dass dich unterschiedliche Gefühle heimsuchen, wenn du ungeduldig auf etwas wartest und ausharrst? Was hättest du in meiner Situation gemacht? Erinnere dich an eine Situation des Wartens zurück auf einer deiner Reisen? Was ist genau passiert? Wem bist du begegnet? Was hat es mit dir gemacht? Welche Gefühle hattest du?


 

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