Das Tal der freundlichen Menschen

Diese Geschichte ereignete sich vor einer Woche. Inzwischen befinde ich mich am Malawisee in Malawi.




Wütend sitzte ich im Bus, der mich von Dar es Salaam bis nach Mbeya im Süd/Westen von Tansania bringen soll. Ich wurde definitiv preislich übers Ohr gehauen. Hätte ich doch mal meiner Intuition zugehört und diesem Typen am Busschalter nicht vertraut. Nun sitzte ich in einem unklimatisierten Bus (das wurde mir aber anders versprochen) für die nächsten 16 Stunden, nachdem ich eine kurze Nacht in einer für mich etwas zwielichtig wirkenden Herberge in der Nähe des Busbahnhofes verbracht habe. Ich zücke mein Handy und schreibe einem der Busticketverkäufer, dessen Nummer ich auf meinem Ticket finde, eine äußerst säuerliche SMS, in der ich meinen Frust über die Unehrlichkeit bekunde. Ich habe nie eine Antwort erhalten aber dafür meinen Dampfkessel ordentlich zischen lassen können. Im Laufe der Stunden verschwindet mein Ärger und wird durch meine schon bekannte Schicht Egalmatsch abgelöst. Am Abend dieses schwitzigen Tages, in dem ich das halbe Land durchquert habe bin ich einfach nur froh, mich am späten Abend in das Bett einer Bibelschulenherberge zu legen, was mich auf Grund der wunderbaren Daunendecke und der gemütlichen Matraze so sehr an zu Hause erinnert.

Am nächsten Tag sitze ich in einem leeren Raum und nehme mein Ich-schmeck-nach-nix-Toast mit einem Omlette ein und fühle mich seltsam der einzige Gast zu sein. Ich habe keine Lust heute alleine zu sein. Ich erfahre, dass es noch ein Gast gibt und ich habe gleich ein Bild von einem alten verschrobenen Herren vor mir, der mit einer Bibel unter dem Arm aus seinem Zimmer zu seiner Bibelstunde humpelt. Auf meinem Weg zu meinem kleinen Zimmer öffnet sich plötzlich eine Zimmertür und eine junge Frau kommt mir entgegen. Ich kann mein Glück kaum fassen. Wir verbringen den Tag zusammen und erkunden das Tal, eigentlich auf dem Weg zu einer Bergbesteigung. Dieser Zipfel Tansanias ist definitiv touristisch nicht wirklich erschlossen. Keiner kann uns wirklich sagen, wie wir zu dem Fuße des Berges kommen. Was aber unter anderem auch daran liegt, dass wir uns eigentlich nur mit Händen und Füßen mit dem Großteil der Menschen unterhalten können. Hände und Füße…nun ja. Ich würde mir wüschen, die Menschen würden das mit den Händen und Füßen versuchen und der Zeichensprache. Anstattdessen reden sie mit uns auf Suwaheli ohne Unterlass. Während des Gespräches mit ursprünglich lediglich einem Motorradtaxifahrer hat sich innerhalb ein paar Minuten eine ganze Traube an Menschen um uns gebildet, die alle anscheiend darüber fachsimpeln, was die zwei jungen weißen Frauen wohl machen möchten. 
Wir versuchen unser Glück und folgen den wagen Anweisungen einer Reiseführertextstelle, die meine neue Reisebekanntschaft auf ihrem Handy gespeichert hatte. Immerhin, ich reise seit Wochen komplett reiseführerlos. Nach dem Motto der Weg ist das Ziel irren wir den ganzen Tag durch das Tal und die Hügel auf der Suche nach dem Fuße des Berges. Plötzlich fängt es an zu regnen und wir werden von einem Dorfbewohner in sein Haus eingeladen, wo wir den Kindern beim Bohnensortieren zuschauen und ihnen Erdnüsse und Lollis als Dankeschön schenken. Zwei kleine Mädchen führen uns zu der kleinen Stehtoilette in einem Steinhäuschen und warten ganz niedlich auf uns, um uns wieder zurück zu führen. Auf dem Weg sagt eines der Mädchen plötzlich Mangos, erntet vier Stück vom Baum und schenkt uns lächelnd jeweils zwei Mangos. So eine schöne und rührende Geste. Allgemein begegnen wir auf unserem Weg vielen freundlichen Menschen, die uns einfach nur grüßen, mit uns Fotos machen wollen oder sie sich um uns sorgen: So wie der Mann, der uns nachläuft, als wir versuchen, uns durch das Gestrüpp auf dem Hügel einen Weg zu bahnen. Er versucht uns etwas auf seiner Sprache zu erklären, was wir einfach nicht verstehen. Ich versuche mit übertriebener Zeichen und Hände-Fuß-Sprache unser Anliegen (einfach nur ein bisschen auf dem Hügel rumzulaufen, um eine bessere Sicht auf den großen Berg zu haben auf den wir ursprünglich steigen wollten) zu erklären, während er es lediglich mit Worten versucht. Einmal benutzt er seine Hände und schreibt in ein imaginäres Buch. Wir reimen uns zusammen, dass wir uns irgendwo registrieren müssen und er vielleicht ein Führer ist, der uns für Geld wo hinbegleiten würden. Unser „Gespräch“ geht über ein paar Minuten, bis er einen Freund ruft, der ein paar Brocken Englisch sprechen kann. Dieser gibt uns zu verstehen, dass sein Kumpel und nun auch er sich einfach um uns Sorgen machen, weil es viel zu spät sei, um auf den Berg zu klettern. Es sei nun schon 14 Uhr und wir sollten doch lieber nach Hause gehen, bevor uns am Ende vielleicht sogar jemand umbringt. Wir beide sind so gerührt von dieser Fürsorge und versprechen den Männern, dass wir nur ein bisschen im Tal spazieren gehen und dann ganz sicher nach Hause gehen.
Der Tag mit so vielen freundlichen Menschen, die nichts von uns haben wollten und uns einfach sehr menschlich begegnet sind hat mich sehr gerührt. Dazu die schönen Gespräche und die Gesellschaft der jungen Frau aus England und die wunderschöne Natur haben meine Batterien aufgeladen und meinen letzten Tag im Tansania zu einem besonderen gemacht. Der Tag hat mich wieder gelehrt, dass Zufälle zum Reisen dazugehören und dass man manchmal nur kurze Momente alleine ist, bevor man wieder einen schönen Menschen kennen lernt. Er hat mich wieder gelehrt, dass Planlosigkeit zu schönen Begegnungen führen kann und der Weg das Ziel ist und Berge nicht unbedingt erklommen werden müssen, da sich das Schöne bereits in den Tälern verbirgt.

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