Unproduktivität – eine der vielleicht vermeintlichen Kehrseiten des Reisens

„Beneidenswert!“ „Ich wünschte ich könnte jetzt auch reisen“… Reisen, das tolle Abenteuer, jeden Tag Urlaub, unbegrenzte Freiheiten und Bedürfniserfüllung, in den Tag hineinleben, super Menschen kennen lernen, traumhafte Natur entdecken, keinerlei Verpflichtungen…Ich bin nun bereits seit 4,5 Monaten unterwegs und muss feststellen, dass es eben nicht nur so ist. Ja, ich erlebe kleinere und größere Abenteuer, kann in den Tag hineinleben, lerne tolle Menschen kennen, bekomme Einblicke in die Kultur der jeweiligen Länder und entdecke wunderschöne Natur.ABER: Das lange Reisen hat auch Kehrseiten und kann harte Arbeit an und Konfrontation mit sich selber bedeuten.. Manche derzeit vermeintliche Kehrseiten werde ich bei meiner Rückkehr als Chance sehen, manche von ihnen bleiben einfach was sie sind: Erlebnisse, Zustände und Situationen, die ich im Nachhinein lieber zur Seite kehren möchte.
Ich möchte im Folgenden versuchen, meine jetzigen Gefühle und Gedanken zu einer der vermeintlichen Kehrseiten auszudrücken:

Unproduktivität, Langeweile und fehlende Anerkennung:

Ich arbeite gerne. Ich mache gerne Projekte im Bildungsbereich, habe andauernd Ideen, schaffe, kreiere, innoviere gerne. Ich bin eigentlich immer in Bewegung, mein Kopf ist voller Ideen, die nur darauf warten, umgesetzt zu werden. In meinem Alltag komme ich manchmal nur schwer zur Ruhe, Produktivität ist ein großes Thema für mich. Ich habe festgestellt, dass ich mir vor allem über die Arbeit im sozialen Bereich versuche, meine Anerkennung zu „holen“. Ich fühle mich erfüllt und gesehen, wenn ich in diesem Bereich Dinge tun kann und darf, die anderen Menschen weiterhelfen und durch die sie lernen können, wenn ich mich austoben kann und „mein Ding“ machen kann, verändern und Dinge in Bewegung bringe. Während meiner bisherigen Reise habe ich einen Monat in einem sozialen Projekt gearbeitet. Auch wenn ich dort einige Momente hatte, in denen ich erschöpft war, hat mich dieser Monat unglaublich erfüllt und bereichert.

Seitdem reise ich „nur“, ich arbeite nicht, fühle mich unproduktiv und bin unglaublich faul für mein Verständnis. Ich habe keinen geregelten Tagesablauf, bin nur in manchen Momenten kreativ (zum Beispiel um mein Loch in der Hose mit Hilfe einer alten Unterhose zu flicken) und merke, wie das Gefühl der Unproduktivität an mir nagt und mein Selbstwertgefühl manchmal mindert. Es geht sicherlich nicht nur mir so, dass man sich oft sehr stark über seine Arbeit definiert. Dadurch dass ich nicht zur Schule oder zur Universität gehe, meine Arbeit und mein ganzes Engagement im sozialen Bereich gerade wegfällt, fühlt es sich so an, als sei ich „nackt“. Ich bin einfach nur ich und mit mir selber. Ich kann mich an nichts festklammern, mich hinter nichts „verstecken“, mich in nichts reinstürzen. Ich bin einfach nur da, lasse mich treiben und lebe mit der Einfachheit um mich herum. Ich lebe mit der Weite, der Unproduktivität, der Langsamkeit, der Natur, der Entschleunigung, der Ruhe und des Chaos, der täglichen Erlebnisse und Begegnungen. Ich lebe momentan in einer Welt, wo „Produktivität“, „Schaffen“, „here Ziele“, Effizienz und Effektivität“, „Schnelllebigkeit“, „Innovationen“ und „Pünktlichkeit“ kaum Relevanz hat.

Zum ersten Mal seit langem bin ich faul und arbeite nicht an meinen Ideen. Ich denke viel, verarbeite was ich sehe, lerne (auch wenn vieles wahrscheinlich momentan noch unterbewusst geschieht), ich nehme war, ich beobachte, ich stelle mir Fragen, ich zweifle, bin frustriert, ich freue mich, bin überrascht, lasse mich ein, werde enttäuscht, fühle mich alleine, begegne anderen, bin glücklich, bin traurig, fühle mich verbunden, komme zur Ruhe, rege mich auf, bin erschöpft, tanke Kraft, erkenne, ich verstehe, bin dankbar, ich denke nach, ich lebe einfach vor mich hin. Ich wandel rum, ohne ein konkretes Ziel und setze mir daher als Ersatz unbedeutende geografische Ziele. Insgeheim hoffe ich auf die großen Erkenntnisse und Einsichten. Aber war nicht mein Ziel, zur Ruhe zu kommen? Eine Pause von all der Arbeit und dem ganzen sozialen Engagement, meinem Alltag, der Schnelllebigkeit zu machen? Mich einfach treiben zu lassen, ohne genau zu wissen, wonach ich eigentlich suche? Ist es nicht dann eigentlich genau das, was ich gerade mache? Meine innere Stimme sagt mir: „Alles ist gut so, wie es ist. Du machst gerade eine Schaffenspause, um neue Energie zu sammeln.“ Mein Kopf sagt mir: „Werde hibbelig, werde ungeduldig.“ Er sagt mir: „Du bist unproduktiv und das ist nicht gut.“ Warum bin ich und mit mir so viele andere Menschen so sehr darin gefangen, immer produktiv sein zu wollen? Die meisten Menschen um mich herum, in den Ländern die ich durchreise, haben diese „Krankheit“ eher nicht. Für sie ist es wichtig, dass wenigstens ein bisschen Essen auf den Tisch kommt. Jeder Tag scheint dem anderen zu gleichen und ich frage mich so oft, ob sich die Menschen nicht zu Tode langweilen. Überall sieht man Menschen, die einfach rumliegen und schlafen: Unter dem Baum, vor dem Haus,auf der Strohmatte. Es passiert nichts, alles geschieht im Zeitlupentempo. Entschleunigung pur.

Ich würde es nicht romantisieren und sagen: „Schaut mal hier nach Afrika, hier leben die Menschen so einfach und sind trotzdem glücklich.“ Sicherlich, es wird viele glückliche Menschen geben, die sich mit der Einfachheit zufriedengeben. Die gibt es auch bei „uns“. Es gibt aber auch sicherlich viele Menschen hier (und einigen von ihnen bin ich begegnet), die mehr aus ihrem Leben machen möchten und denen Afrika einfach viel zu langsam und unproduktiv ist. Es ist sehr komplex, warum die Länder hier so sind wie sie sind und warum es für die Menschen, die eben nicht in jeden Tag hinein leben möchten nicht gerade einfach ist, diesem Kreislauf zu entfliehen. Ich möchte anders leben, aber eigentlich weiß ich, dass diese Zeit der Unproduktivität gut für mich ist. Ich merke, dass das sich Treibenlassen viel schwieriger ist, als ich dachte. Ich merke, wie ich irgendwo ankommen möchte und nicht mehr ständig rumziehen will. Das Reisen von A nach B kostet Kraft (und seeeehr viel Zeit), das immer wieder „sich einstellen“ auf neue Orte und Menschen fordert mich heraus.
Ich bin an dem Punkt angekommen, wo ich besser verstehe, dass sich das „sich treiben lassen“ und das Schmieden von Plänen sich nicht gegenseitig ausschließen müssen und die Balance wichtig für mein Wohlbefinden ist. Ich möchte zumindestens etwas produktiv sein, meine Ideen spielen lassen, an konkreteren Anliegen „arbeiten“.
Ich habe nun wieder grobe Pläne für die nächsten Wochen und diesmal sind sie nicht nur geografischer Art. Es fühlt sich gut an: produktiver und etwas organisierter. Ich habe etwas,worauf ich mich freuen kann und spüre, wie es meinen Geist beruhigt. Ich werde wieder mehr in Städten sein: Maputo, Johannesburg, Kapstadt, werde meine Freundin in Südafrika besuchen, endlich eine 10-tägige Vipassana Meditation absolvieren, mit meinem Vater (mit einem Mietwagen :-)) Südafrika erkunden, im Anschluss höchstwahrscheinlich etwas länger in Kapstadt verweilen um dann im April meine Reise mit einer einmonatigen Yogaausbildung in Indien abzuschließen. Ich möchte mich zudem intensiver mit meinem Buch und mit dem Thema reisend lernen beschäftigen.

Es braucht definitiv Zeiten der Unproduktivität und der Langeweile im Leben. Es braucht die Entschleunigung. Es braucht Flexibilität und Spontanität, damit der vollgeplante Terminkalender einen nicht darin hindert, das Leben nach einem selber auszurichten und nicht nach anderen und deren Erwartungen. Es braucht aber für Menschen wie mich auch das Schaffen und Kreieren. Es braucht die Balance. Ich erkenne, dass ich dies besser lernen möchte und ich erkenne, dass ich mehr Dinge in meinem Leben haben möchte abseits des sozialen Engagements, über die ich mich „definieren“ kann, die mich erfüllen: Wie das Tanzen, das Singen und das kreative Schaffen mit den Händen. Dinge, die ich mir eigentlich für meine Reise vorgenommen habe, Dinge, die ich hier schwer umzusetzen finde in dem Maße, wie ich es mir wünschen würde. Es sind die Tätigkeiten, denen ich nach meiner Ankunft mehr Aufmerksamkeit schenken möchte.

Meine neugewonnene Freundin aus Südafrika hat mir mit auf den Weg gegeben, dass für sie Afrika dem Element „Erde“ zugeordnet werden kann und diese Symbolik ihr geholfen hat, den Kontinent besser zu verstehen. Erde steht für mich für Ursprung, Fruchtbarkeit, Dürre, Einfachheit, Erdung, Basis, Kontakt zur Natur, Dreck, Staub, Tod und das Leben. Vielleicht sind es genau die Dinge, von denen ich gerade etwas lernen kann. Dinge, die ich vor allem auf diesem Kontinent finde und deren Bedeutung ich für mich vielleicht erst nach meiner Rückkehr so richtig verstehen kann.

Fragen an dich: 

Warst du schon mal in Afrika und was hat dieser Aufenthalt für dich bedeutet? Was bedeutet das Element „Erde“ für dich? Wo erlebst du Entschleunigung, Langeweile und Unproduktivität? Erlebst du dies als für dich positiv? Was sind deine Gefühle, die mit diesen „Zuständen“ einhergehen?

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2 Gedanken zu “Unproduktivität – eine der vielleicht vermeintlichen Kehrseiten des Reisens

  1. Liebe Veronika,

    Ich kann das Gefühl, das du in diesem Beitrag beschreibst, so gut nachvollziehen! Dieses Sich-nackt-fühlen, „nur man selbst sein“ – mir ging es in meiner Zeit zwischen 2 Jobs sehr ähnlich, auch wenn es nur 6 Wochen waren, die eigentlich auch prall gefüllt waren mit Urlaub, Planung etc. Es ist mir unheimlich schwer gefallen, einfach mal „zu nichts nütze“ zu sein. Und trotzdem war es wichtig, um Kraft zu sammeln für die neue Herausforderung, loszulassen vom Alten und mich selbst wieder ein bisschen zu finden.

    Ich wünsche dir für den Rest deiner Reise und alles, was danach kommt viel Erfolg, Kraft, Ruhe und Inspiration. Ich lese deine Texte mit Bewunderung und Begeisterung – du bist eine faszinierende Frau. Lass mich wissen, wenn es dich nach deiner Rückkehr mal nach Köln verschlägt.

    Alles Liebe,
    Kathrin

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    1. Liebe Kathrin,
      Vielen Dank für deine nette Nachricht! Ja, dieses „zu nix nütze sein“ – Gefühl, kann ganz schön an einem nagen. Ich denke aber, dass man oft nur vermeintlich „zu nix nütze“ ist und dass man schnell vergisst, dass ein schönes Gespräch mit einem, eine Hilfestellung, die eigene Persönlichkeit, die Begegnung mit einem, die reine Anwesenheit der eigenen Person für andere Menschen, Tiere, was auch immer schon etwas nützen kann. Danke auch für deine motivierenden Worte die mir Kraft geben, weiter zu schreiben und mir zeigen, dass meine Gedanken und Worte „etwas nützen“ 😉 Köln steht im Sommer definitiv auf meiner Reiseliste!

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