Wie aus einer Pizza spontane Gastfreundschaft wurde

Diese Geschichte ist bereits etwas älter und ereignete sich vor circa 3 Wochen in Mosambik.

Es ist bereits dunkel, als wir uns in der Kleinstadt Nacala über unsere Pizza hermachen. Um uns herum stehen einige Männer und Kinder hinter einem kleinen Zaun, die ganz gebannt auf den Bildschirm des Restaurantfernsehers schauen, auf dem ein seltsamer Hollywoodstreifen mit Monstern und Supermännern zu sehen ist. Den kleinen Abstecher in diese Stadt machen wir, damit mein Bruder Konstantin mit einer lokalen Band gemeinsam in einem örtlichen Hotel auftreten kann. Harry Potter höchstpersönlich (ein freundlicher und quirliger, offizieller UNESCO Rasta-Tourguide der Ishla de Mosambique) wird ebenfalls auftreten und hat uns eingeladen, mit ihm nach Nacala zu kommen.

Es gesellt sich ein junger Mann zu uns – Isel, dessen Vater aus indische Vorfahren hat und deren Familie mütterlicherseits aus Portugal kommt. Er selber ist in Mosambik geboren und aufgewachsen, hat in China, Portugal und Kanada studiert und ist anscheinend schon recht viel rumgekommen in der Welt mit seinen 23 Jahren. Er ist sehr freundlich zu uns, möchte uns Backpackern unbedingt helfen, lädt uns in das Strandhaus seiner Familie ein und bietet uns einen Schlafplatz an, sollte es mit unserer anderen Schlafgelegenheit nicht klappen.

Kurze Zeit später befinden wir uns wieder im Proberaum der Band (welcher zum Zeitpunkt unserer Ankunft wirklich fast gar keinen Sauerstoff mehr besitzt und sich im Hinterraum einer alten Apotheke befindet). Wir entscheiden uns dafür, bei unserer neuen Bekanntschaft zu nächtigen und rufen ihn an. „Ich muss zunächst meine Mutter fragen.“ – tönt es aus dem Handy. Wir müssen etwas lachen über diese Situation und sind überrascht, als er ohne weitere Ankündigungen mit seinem schicken Pick Up Auto vor der alten Apotheke steht. Er sammelt uns ein, düst durch die nächtlichen Straßen und gibt sein Bestes als Fremdenführer. Sogar sein Strandhaus besuchen wir im Dunkeln – anstatt eines freien Blicks auf den Strand und das Meer werden wird jedoch von einem hohen Zaun eingezäunt, welcher eher das Gefühl eines Gefängnisbesuches auslöst.

Die Familie scheint sehr wohlhabend zu sein, denn in der Einfahrt hinter einem bewachten Tor stehen 4 neuwertige Autos. Wir werden herzlich von der Mutter begrüßt und in das komfortable Gästezimmer (mit Klimaanlage!) geführt, bevor wir uns in das vermeintliche Nachtleben stürzen. Anstelle von einem „tanzigen“ Abend verbringen wir eine etwas skurile aber lustige Zeit in einer Karaokebar, in der eine handvoll Kubaner (die hier im Land wohl oft als Ärzte für ein paar Jahre eingeflogen werden) ihre Gesangskünste zum Besten gibt. Wir stimmen mit ein und mampfen von dem Kuchen vor uns, den wir eigentlich nur essen, weil es sich um Kuchen handelt und nicht weil er unbedingt gut schmeckt.

Am nächsten Morgen lernen wir die Großmutter kennen – auch sie ist eine herzliche Person. Während wir uns mit ihr unterhalten essen wir das von den Angestellten des Hauses zubereitete Essen. Es ist sehr interessant, auch dieses Leben in Mosambik kennen zu lernen, auch wenn es den Kontrast zwischen Arm und Reich nur zu deutlich aufzeigt. Wir verbringen den Mittag und Nachmittag hinter und vor dem Zaun des Strandhauses und bekommen am Abend köstlichen Matape (einen Art Spinat mit Cashewnüssen – eine mosambikanische Spezialität) und Reis serviert. Die Mutter hatte diese Mahlzeit extra für uns – sozusagen als vegetarische Extrawurst aufgetaut, nachdem sie schon fast die Zubereitung eines Huhns in Auftrag gegeben hat. Wir sind erstaunt und dankbar für die große Gastfreundschaft, obwohl wir uns fragen, ob unser Gastgeber seiner Familie die komplette Wahrheit erzählt hat, wo er uns „aufgegabelt“ hat.

Am Abend gehen unsere neue Reisebekanntschaft Reshma und ich erwartungsvoll auf die kubanische Party, auf die wir mit eingeladen wurden. Wir quälen uns übermüdet aus dem Bett mit der Hoffnung, dort an Kuchen zu kommen (in Gegenden, wo man nicht so leicht an Süßigkeiten kommt scheint es mir, noch dringender an Süßes kommen zu wollen). Die mit 150 Leute angekündigte Party stellt sich als eine sehr private Angelegenheit mit vielleicht 20 Personen heraus, die bei unserer Ankunft gerade mit dem Abendessen anfangen wollten. Wir fühlen uns etwas deplaziert und setzten uns später an den Katzentisch, um ein zweites Abendessen einzunehmen: Bohnen, Salat, Pommes und Reis. Kurz bevor der Kuchen serviert wird müssen wir gehen: Das Konzert fängt an.

Mein Bruder spielt die Gitarre mit seiner temporären Band, zusammen mit einem Herren, der laut Aussage meines Bruders eigentlich gar nicht trommeln kann, einer Dame mit einer traditionellen Gesichtsmaske und relativ schiefer Stimme, Harry Potter als Frontsänger und einem weiteren Gitarrenspieler in traditionellem Gewand. Irgendwann steht ein ominöser weißer Herr auf der Bühne, der aussieht wie ein Mafiosi und Schlager singt während ich verzweifelt versuche, meine Augen offen zu halten. Ich schaffe es nicht und schlafe mit meinem Kopf auf dem Tisch immer wieder ein in der Hoffnung, dass mein Bruder seinen neu komponierten Makua – Song (eine mosambikanische Landessprache, die er in den letzten Tagen bruchstückhaft gelernt hat) vorführt. Am Ende gehen wir ohne dass er die Möglichkeit eines Soloauftritts bekommen hat (vielleicht hatte ja der Mafiosi seine Finger im Spiel) und ich bin froh, dass ich wenigstens zwei Stunden im klimatisierten Gästezimmer schlafen kann, bevor wir uns mit dem Bus um 4 Uhr morgens!!! weiter gen Norden auf den Weg machen werden.

Anstatt die ganze Strecke mit den öfentlichen Verkehrsmitteln zu meistern, versuchen wir unser Glück mit dem ausgetreckten Daumen. Weiter als ein kleines Dorf mitten im Nirgendwo kommen wir jedoch nicht (eigentlich besteht das Dorf nur aus einer staubigen Sandstraße mit ein paar angrenzenden Hütten.) Die einzige Mitfahrgelegenheit schicke ich auf Grund des mir zu hoch erscheinenden Fahrpreises in den Wind und nehme dafür in Kauf, hier stecken zu bleiben. Mein Bruder holt seine Gitarre raus und spielt für die Kinder im Dorf, die sich mehr und mehr um ihn versammeln und freudig in die Hände klatschen und applaudieren. Nach Konstantins musikalischer Einlage fangeich an, mit den Kindern zu tanzen und schnell bildet sich auch um mich eine fröhlich lachende Traube an Kindern. Die kleine Vorstellung sowie die Tanzeinlage sind vielleicht der Höhepunkt des Tages der Kinder (wenn nicht ihrer Woche) und ich bin froh, dass wir dieses kleine Dorf nicht mit dem erst besten Auto (was sicherlich bequemer gewesen wäre) verlassen haben. Sonst hätten wir diese schöne Begegnung nie gehabt.

Am frühen Abend werden wir von einem Herren mit in sein Dorf eins weiter genommen und uns wird versprochen, am Abend noch mit ihm und seiner Frau (die er liebevoll „wifi“ nennt) zu unserer finalen Inseldestination zu fahren (er wollte da eh hin -um Kühlschränke zu reperieren). Der Herr fährt meinen Bruder auf dem Motorrad durch das Dorf, während ich mich auf dem staubigen Hinterhof des Familienhauses mit seiner Frau unterhalte, die ebenfalls Kühlschränke repariert und mit 13 Jahren ihr erstes Kind bekommen hat. Aus der Abfahrt am Abend (denn nach der Dorftour ist es natürlich schon wieder viel zu spät) wird eine Abfahrt am frühen morgen, wodurch wir im kleinen Dorf in einer Herberge an einer staubigen Straße im Nix unterkommen müssen. Dies rät uns der Herr, weil wir sonst am kleinen Hafen auf halber Strecke auf einem Marktplatz schlafen müssen. Ob dies ein Scherz ist oder nicht finden wir nicht heraus. Vorsichshalber bitten wir den Mann, der uns so gerne helfen möchte, uns durch eindeutlige Klopfzeichen am nächsten Morgen aufzuwecken. Wir haben beide keine Lust, auf Grund unseres Zeitverständnisses Stunden vor seinem Erscheinen aufzustehen. Was soll ich sagen…wir haben ihn nie wieder gesehen, denn er kam nicht. Unsere Alternative: eine stundenlange Fahrt auf einem vollbeladenen Pickup-Truck (dem regulären Verkehrsmittel auf der STrecke), auf dem mein Bruder seinen Platz nicht nur mit mehreren Passagieren sondern einer nicht gerade kleinen Ladung an Bambusstangen teilen muss während ich mir vorne das Fahrerhäuschen mit einer Frau und ihrem sich übergebenden Kind teile. Wir überleben die wackelige Fahrt, um uns danach in ein völlig überfülltes Boot auf den Weg zur Insel zu machen. „Ich hoffe wir sinken nicht.“, denke ich bei mir und schiebe den Gedanken zur Seite, dass das hier alles gerade vielleicht keine so gute Idee sei…
Was für ein ereignisreiches und etwas skurilles Wochenende, was wieder zeigt, wie viel spontan passieren kann, wie herzlich man von völlig fremden Menschen bei sich zu Hause aufgenommen wird, dass es sich lohnt, sich auf Dinge einzulassen und sich von Möglichkeiten mitreißen zu lassen und wie vielfältig das Leben eines Landes aussehen kann. Es zeigt aber auch, dass man aus manchen Menschen, denen man begegnet einfach nicht schlau wird und im Endeffekt ihnen dann anscheinend doch nicht vertrauen konnte.

Fragen an dich:

Wurdest du schon mal von fremden Leuten spontan zu sich nach Hause eingeladen? Wie war dieses Erlebnis für dich? Wie gastfreundlich bist du?  Hast du bereits fremde Menschen bei dir aufgenommen? Warum ja oder warum noch nicht? Was könntest du tun, um vielleicht gastfreundicher zu werden? Was bedeutet Gastfreundschaft für dich?

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