Wie sich zwei Welten beim Fastfood begegneten

Mein Bruder und ich schauen uns lächelnd an. Wir lehnen uns zurück und genießen den Fahrtwind sowie das Rumkutschiertwerden vom roten Tourisbus in Johannesburg, Südafrika. Es ist das erste Mal in unserem Leben, dass wir eine solche Art von Stadtführung machen und es ist uns mehr als Recht, nicht in einem Minibus zu leiden, sondern einfach nur besudelt zu werden. Fröhlich stecke ich mir die Kopfhörer in die Ohren, lausche den Erklärungen auf Deutsch und denke mir: „Hach, ist das schön einfach hier in Südafrika.“ Eine halbe Stunde später werde ich von der Realität wieder eingeholt: Der rote Hop on Hop off Bus versucht sich verzweifelt, einen Weg durch den extrem stockenden Großstadtverkehr zu bahnen – erfolglos. Mein Bruder Konstantin und ich entscheiden uns dafür, die „bequeme und organisierte Fahrt“ auf den nächsten Tag zu verschieben. Wir steigen irgendwo aus, bekommen noch den Rat uns ja nur auf der Hauptstraße zu bewegen und erkunden den Minen Bezirk, der heutzutage ein Geschäftsviertel zu sein scheint. „Gehen wir halt heute zum Apartheitsmuseum“ schlage ich vor. Leider sind wir um zwei Stadtkarten ärmer geworden, sodass wir keine AHnung haben, wo wird sind geschweigedenn, wo wir hin müssen. Wir erblicken ein Mc Donalds und wollen uns dort eine Straßenkarte über WiFi runterladen. Ein älterer Herr möchte uns helfen und uns direkt zum Museum führen. Ich zögere kurz, denn die Stadtkarte auf dem Handy meines Bruders lässt noch auf sich warten. „Traust du mir nicht?“ fragt mich der ältere Herr schwarzafrikanischen Ursprungs, denn er bemerkt mein Zögern und interpretiert es auf seine Weise. Beim Rausgehen fragt er mich, warum ich mir die Nase des Öfteren reibe (ich habe da wohl einen kleinen Tick) und ob er schlecht riechen würde. Er sagt es nicht agressiv, keineswegs, und dennoch spüre ich etwas, was mir so richtig erst später klar wird und mich irritiert: Mein Gefühl sagt mir, dass er mich diese Dinge fragt, weil ich weiß bin und er schwarz. Diese ersten Sätze unserer Begegnung lösen in mir Unbehagen aus und ich habe das Gefühl, ihm zeigen zu müssen, dass ich kein Problem mit seiner Hautfarbe habe.

 

 

„I am fat but fine“ – Darf ich Vorstellen: Terry!

Der restliche Tag macht mir deutlich, dass mein ursprüngliches Gefühl nicht von Ungefähr kommt…

Terry ist 82 Jahre alt, wuchs am Ostkap auf und lebt schon sehr lange in Johannesburg. Er arbeitete als politischer Journalist und – er hat die Apartheit hautnah miterlebt, über den Großteil seines Lebens hinweg. Der alte Herr steckt voller Geschichten, widersprüchlicher Gefühle, schönen und schrecklichen Erinnerungen, Zuneigung, einem unglaublichen Humor, Diskussionswillen, Hilfsbereitschaft, größtenteils verarbeiteten Hass und Liebe für die Menschen. Er begleitet uns zum Handyladen, wo er mit allen Menschen, die in seiner Nähe stehen oder Sitzen ein Gespräch anfängt, er reißt Witze und spielt meinen Bruder und mich humorvoll gegeneinander aus („Jetzt hat aber deine Schwester etwas sehr intelligentes gesagt, Konstantin.“). Nach dem Handyladen folgt Mc Donalds, wo wir in einer beispielhaften Absurdität bei Mc Donalds Industriekuchen mampfend Geschichten über die Apartheit hören. „Wenn man uns hier während der Apartheit hätte zusammen sitzen gesehen, wären wir alle bestraft worden.“, erklärt er uns und beschreibt die Segregation der Menschen an Hand einer Organge: „Stellt euch eine schmackhafte Orange vor. Die Weißen haben sich das süße Fruchtfleisch genommen und die restliche Schale in drei Teile geteilt: 1/3 wurde mit Schärfeangereichert für die Inder, die es gerne scharf mögen. Sie sollten sich als etwas besseres fühlen. Ein weiteres Drittel wurde etwas gesüßt und den „coloured people“ gegeben, die gebildeter waren. Das letzte Drittel wurde den Schwarzen ohne jeglichen Geschmack vermacht.

Im Laufe des Tages kommt immer wieder zein spezieller aber lustiger Humor zu Tage. In einem Moment schnappt er sich beispielsweise die Hand meines Bruders und geht mit ihm händchenhaltend über einen Platz mit den Worten: „Wenn das jetzt deine Eltern sähen, würden sie sich wahrscheinlich Sorgen machen und sich fragen, warum ihr Sohn nun mit einem dicken Schwarzen zusammen ist.“

Wir erleben durch ihn Geschichte hautnah: Durch die Gespräche und seine Erklärungen auf dem Weg zum Museum, wo er einen Aufpasser davon überzeugt (oder ihn durch seine präsente und direkte Art eher einschüchtert) uns trotzdem reinzulassen, obwohl die Einrichtung Montags gar nicht offen hat. „Mit dem habe ich in London in einer Wohnung gelebt.“, gibt er uns zu wissen uns zeigt auf einen Politiker von damals, der uns von einer schwarz-weiß-Fotografie entgegenblickt.
Sätze wie: „Wenn ich euch damals über den Weg gelaufen wäre, wäre eine solche Begegnung beim besten Willen nicht möglich gewesen. Ich hätte euch wahrscheinlich eher aus Wut verprügelt.“ – lassen uns nur erahnen, was ihm wiederfuhr und angetan wurde und in was für einer Zeit er gelebt hat. Was uns berührt ist, wie sehr er sich um uns kümmert, uns behalndelt, als wären wir seine Enkelkinder. Er macht Witze über sich selber und ist so eine Frohnatur, dass man sich fragt, wie ein Mensch so lebenshungrig, lebensbejahend und offen gegenüber Menschen sein kann, der unfassbaren Rassismus erfahren hat. „Ich liebe inzwischen weiße Menschen!“, lässt er uns aus vollem Brustton der Überzeugung wissen. Er hat seinen Hass in Neugierde und Zuneigung Weißen gegenüber verwandelt. Er hat immernoch viele Emotionen und mein Bruder und ich spüren beide, wie lebendig die Erinnerungen bei dem alten Mann sind.

 

 

Persönliche Weiterenticklung bis ins hohe Alter?
Nach einer Weile spüre ich meine Erschöpfung durch die intensive Begegnung. Ich frage ihn, inwiefern er sich persönlich gerne weiterentwickeln möchte, da ich etwas durch seine Aussage irritiert bin, er sei inzwischen perfekt sowie von seinen in meinen Augen teilweise recht prahlhaften Geschichten über sich selber. „Darüber habe ich noch nie nachgedacht.“, sagt er und bleibt dabei kurz auf dem Gehweg stehen. Ich bin einfach neugierig, was ein Mann in diesem Alter mit seiner Geschichte noch gerne an sich verändern würde. Seine Antwort stellt mich nicht zufrieden und ich bin von seinen ausschweifenden Geschichten, die nicht auf den Punkt kommen und auf mein auf mein ursprüngliches Anliegen eingehen, mehr und mehr genervt. Er erzählt von seinen Zukunftsplänen: Eine jüngere Frau zu heiraten weil er spürt, dass er noch ein Kind in sich trägt (ich bin mir nicht sicher, ob er das scherzhaft meinte oder nicht), sowie seine Ideen für Film- und Theaterproduktionen. Anstatt ihm diesbezüglich richtig zuzuhören merke ich, wie ich einfach nur verärgert darüber bin, dass er mich anscheinend nicht richtig versteht (man muss doch eigentlich das ganze Leben lang an sich arbeiten…). Ich lenke ein und bitte ihn zum Punkt zu kommen. Er spürt meine Anspannung (denn er ist anscheinend unglaublich feinfühlig) und seine Bemerkung macht mich nachdenklich, wenn auch erst im Nachhinein, als das Verärgertsein verflogen ist:

„Ich bin 82 Jahre alt, mir bleibt nicht mehr viel Zeit, um mich großartig zu verändern. Ja, ich lerne jeden Tag neu dazu, auch heute von euch. Aber meine Prioritäten haben sich verändert. Hättest du mir die gleiche Frage vor Jahrzehnten gestellt, hätte ich dir wahrscheinlich eine für dich zufriedenstellende Antwort geben können. Aber eine Frage an dich: „Welch größere persönliche Entwicklung kann ein Mensch durchlaufen, von einem Menschen, der weiße Menschen verachtet zu einem Menschen, der sie liebt?“

In meiner Welt dreht sich so viel um persönliches Wachstum und ich frage mich nun, ob das Verständnis der persönlichen Weiterentwicklung sich im Alter vielleicht wirklich verändert, dass es gesund ist, sich zwar nicht vor neuen Lernerfahrungen zu verschließen, aber zufrieden mit der Persönlichkeit ist, die man hat, ohne ständig an sich „rumschustern“ zu wollen. Die Zuneigung, die er inzwischen weißen Menschen gegenüber hat ist das „Produkt“ eines jahrelangen Prozessen, der wahrscheinlich mit vielen Veränderungen seiner Persönlichkeit einhergeht.

Wir überqueren die Straße zum Taxi. Terry stellt sicher, dass wir unbeschadet die Straße überqueren. Er schaut mich an und sagt zu mir, dass er spürt, meine Frage nicht nach meinen Vorstellungen beantwortet zu haben. Er streicht mir großvatermäßig eine Strähne aus dem Gesicht und ich spüre, wie ich diesen Menschen für sein Wesen und seine Zuneigung gegenüber meinem Bruder und mir schätze. Gegenüber uns, die er erst seit ein paar Stunden kennt. Im Taxi sitzend sagt er etwas traurig: „Ich hoffe, dass ich eure Erwartungen nicht enttäuscht habe.“ Welche Erwartungen? Fragen wir ihn. Uns wird später von Bekannten erklärt, dass manche Menschen, die unter dem Apartheitsregime gelitten haben auf der einen Seite heute oft stolz über sich und ihre Errungenschaften reden, aber dann in manchen Momenten unsicher und fast schon unterwürfig sind.

Seine Worte per SMS, die er uns einen Tag später schickt berühren meinen Bruder und mich gleichermaßen. Sie zeigen, wie wertvoll die Begegnung mit uns auch für ihn war:

„Guten morgen mein freund Constantine!Wiegetz?Ich hoffe ales is gut.Word cannot succinctly express my gratitude to God for presenting the opportunity for us to meet and be together yesterday.May u both be blessed while u enjoy u’r stay in SA &throughout u,r travels.Much love to both of u&u’r hostess.CIAO!Terry Leon(Old gizzar)Will forward the eMAIL address in the course of the day.Danke schon(with the unlaut on the O)lol!“

„Welch größere persönliche Entwicklung kann ein Mensch durchlaufen, von jemanden, der die Weißen hasste zu einem, der sie achtet und schätzt?“ – diese Worte werde ich so schnell nicht vergessen und sie werden mich weiter nachdenklich machnen.

 

Fragen an dich:
Erinnere ich an eine Begegnung mit einem alten Menschen, die dich bewegt hat: Was hat dich bewegt? Was hast du gelernt von diesem Menschen? Was hat dieser Mensch von dir gelernt (du kannst auch gerne spekulieren, falls dieser Mensch dir nicht direkt gesagt hat, was er von dir gelernt hat!) Denkst du, dass die persönliche Weiterentwicklung im hohen Alter nicht mehr eine so große Rolle spielt (bezüglich das Setzen von Zielen bezogen auf die eigene Persönlichkeitsentwicklung)? Sprich mit alten Menschen in deinem persönlichen Umfeld und frage sie, wie sie sich gerne persönlich weiterentwickeln möchten (bzw. ob überhaupt) und was persönliche Weiterentwicklung für sie im Alter bedeutet!

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