Die 10-tägige innere Reise: Vipassana Meditation 

Es ist endlich soweit: Seit ein paar Jahren denke ich bereits darüber nach, an einem Meditationsseminar teilzunehmen. Einige Freunde von mir empfahlen mir, das 10-tägige Vipassanaseminar auszuprobieren. Was mir am Anfang noch unvorstellbar erschien (wie soll ich es aushalten, für so eine lange Zeit stundenlang jeden Tag still rumzusitzen, um das Meditieren zu lernen?) wurde nun Realität.
Auf meiner Reise habe ich nun die Zeit und die Muße, in eine neue Welt einzutreten. Meine erste Vipassanaerfahrung soll im wunderschön gelegenen Meditationszentrum in der Nähe von Worcester in Südarfika stattfinden. Die kargen Berge um das Zentrum herum scheinen einen Schutzwall voll atemberaubender Natur zu bilden, welcher uns Meditierende für 10 Tage von der Außenwelt beschützen soll, um uns dieMöglichkeit zu geben, uns ganz uns selber und der Meditationspraxis zu widmen. An das Zentrum angrenzend finden sich wilde Tiere eines privaten Naturreservates, welche dem ganzen einen noch naturverbunderen Eindruck geben.
Das Zentrum besteht aus einer großen Meditationshalle, kleinen Zimmern (Zellen) fier jeden in Flachbauten, Essensräume für jeweils Männer und Frauen (mit Tischen, an den Wänden, die man dadurch unweigerlich anstarren muss) und kurzen Wegen durch das Gelände, um sich wenigstens ein bisschen die Beine vertreten zu können. Auf die Grenzen für die kommenden Tage werde ich gleich am ersten Tag schmerzhaft hingewiesen: Ich stoße mir mit voller Wucht meinen Kopf am Holzschild, auf dem „Ende der Frauenzone“ steht – während der 10 Tage herrscht strikte Geschlechtertrennung.
Zu Beginn der Zeit werden wir mit den herrschenden Regeln bekanntgemacht:

Alle Teilnehmer an einem Vipassana-Kurs müssen für die Dauer des Kurses die folgenden fünf Regeln gewissenhaft beachten:

1. kein lebendes Wesen zu töten;

2. nicht zu stehlen;

3. sich jeglicher sexueller Aktivitäten zu enthalten;

4. nicht zu lügen;

5. keine Rauschmittel irgendwelcher Art (einschl. Tabak und Alkohol) zu sich zu nehmen.

Außerdem dürfen wir nicht lessen, nicht schreiben, müssen Musik und Handys abgeben, dürfen uns lediglich etwas dehnen und spazierengehen,müssen die edle Stille befolgen (keine verbale und nonverbal Kommunikation) und werden dazu angehalten, uns außerhalb des Geländes schulter- und kniebedeckt zu kleiden.
Klingt nach Spaß…zum Glück bekomme ich nach Nachfragen doch mein Einzelzimmer. Der Gedanke daran, mich in der Zeit nicht zurückziehen zu können und mir mit einer Person das Zimmer teilen zu müssen, finde ich unerträglich in diesem Moment. In meinem Zimmer sticht mir gleich der tägliche Zeitplan ins Auge, der mir ersteinmal etwas Angst einflößt. Ich wusste bereits, dass ich sehr früh aufstehen muss (jeden Tag um 4 Uhr morgens), aber wenn man die bestimmt 10 Stunden Meditationszeit am Tag schwarz auf weiß vor Augen hat, wird einem noch einmal wirklich bewusst, worauf man sich einlässt.

Ich möchte dich nun mitnehmen auf meine innere Reise innerhalb dieser 10 Tage, die eigentlich 12 sind, wenn man den Tag 0 der Ankunft und den Tag 11 des Aufbrauchs miteinrechnet. Da ich mir keine Notizen machen konnte während der Zeit kann es sein, dass nicht jede kleine Begebenheittatsächlich zum entsprechenden Tag gehört.


Tag 0

Ich bin etwas aufgeregt. Am Abend des heutigen Tages soll es losgehen. Nachdem die Regeln und die Abläufe noch einmal in großer Runde bekannt gegeben werden, wird die edle Stille eingeführt. Das verbale Schweigen an sich finde ich nicht sonderlich schwer, es ist das nonverbale Schweigen, was sich als viel schwieriger herausstellt (keinerlei Gesten, kein Augenkontakt, etc.). Es findet die erste Meditation statt, bei der wir angehalten werden, uns ganz auf unseren Atem zu konzentrieren. Stillschweigend holen wir uns eine nach der anderen Kissen und Decken aus dem Regal, um es uns auf unserem zugewiesenen Platz in der Meditationshalle so gut es geht bequem zu machen. Es ist schwer für mich, sehr schwer. Ich habe so viele Gedanken in meinem Kopf umherschwirren, dass ich meinem Atem wirklich immer noch ein paar Sekunden volle Aufmerksamkeit schenken kann.Vor dem Schlafengehen spricht der bereits verstorbene Gründer der weltweiten Vipassana Meditationszentren Goenka zu uns durch einen Fernseher für eine Stunde über die Praxis und die gesamte spannende Vipassana Philosophie. Da ich große Schwierigkeiten mit seinem stark akzentreichen (er kommt aus dem ehemaligen Burma, heutigem Myanmar) Englischem habe, erfreue ich mich an der deutschen Übersetzung über Kopfhörer in einem Nebenraum und genieße die Geschichtenerzählerstimme. Ich liebe den Humor des alten Goenkas, seine Geschichten und die Philosophie, die hinter der Meditation steckt, auch wenn mir manche Informationen zu abstrakt und etwas abgehoben sind. Erschöpft lege ich mich im Anschluss in mein doch recht bequemes Zellenbett und schlafe sofort ein.


Tag 1

„Kling Glöckchen, klingelingeling“ – es ist vier Uhr morgens und das Glöckchenklingeln holt einen weitaus lieblicher und sanfter mitten aus dem Tiefschlaf als mein Wecker, den ich mir vorsorglich gestellt habe. Zwei Stunden Meditation stehen vor dem Frühstück auf dem Programm. „Wie soll ich das nur 10 Tage lang aushalten?“ – schießt mir so oft während der zwei Stunden durch den Kopf. Dieser Gedanke soll mich so oft während der kommenden Tage begleiten: „Ich halte das nicht aus. Warum quäle ich mich? Warum mache ich mir mein Leben schwerer?“ Es kommen mir unglaublich wirre Gedanken, Bilder, kurze Erinnerungsfetzen, etc. in den Sinn. Obwohl von Sinn eigentlich nicht zu sprechen ist, denn an diesem Morgen macht sehr wenig von dem, was sich in meinem Geist an der Oberfläche befindet wirklich Sinn. Irgendwann fängt Goenka vom Band an, zu chanten. Ich finde es einfach nur nervig. Vor allem, weil er in meinen Augen überhaupt nicht singen kann. Das Ende der zwei Stunden kommt einer Erlösung geich und ich freue mich auf mein das Frühstück.
Den ganzen Tag über kämpfe ich in den Meditationsstunden mit mir selber und meinen Gedanken. Ich will sie einfach nur abschalten, sie regen mich auf. Ich soll meinen Atem nur beobachten anstelle dessen merke ich, wie ich ihn durch mein verkrampften Versuch, mich auf ihn zu konzentriere kontrolliere. In jeder Pause der Meditation, wenn ich nicht gerade esse oder kurz in der Gegend herumstarre, lege ich mich aufs Ohr und schlafe (viel ist das nicht): Jeden Morgen nach dem Frühstück und nach dem Mittagessen. Der abendliche Diskurs gibt mir wieder ein wenig Kraft und ich gehe erschöpft ins Bett.


Tag 2

Heute gehen wir mit unserer Praxis bereits einen Schritt weiter: Ich darf jetzt nicht nur meinen Atem beobachten sondern den Moment, wenn die Atemluft meine Nasenlochinnenflügel berührt. Ich soll zudem beobachten, ob die Luft kalt oder warm ist. Ich freue mich über diese bereits etwas komplexere Aufgabe und schaffe es, zumindestens für ein paar Sekunden meinem Atem die Aufmerksamkeit zu schenken. Die extrem abstrusen Gedanken kommen nicht mehr so oft wie am Abend zuvor, dafür viele Erinnerungen. Ich fühle mich am Abend ertappt, als Goenka davon spricht, wie wirr unser Geist doch ist: Ständig schickt er uns alle möglichen Gedanken, die so oft ohne jeglichen Zusammenhang zueinander sind. Entweder wir sind in der Vergangenheit oder wir befinden uns in der Zukunft. So selten schafft es unser Geist, wirklich im Moment zu sein. Den Moment einfach zu beobachten und so zu nehmen, wie er ist. Das ist auch mein Problem. Und genau das soll mit dieser Technik unter anderem erreicht werden: Völlig im Moment zu sein.


Tag 3

Ich finde eine Mücke in meinem Zimmer, die mich während der Nacht so unglaublich genervt hat. Ich darf sie nicht töten, was ich unter normalen Umständen in denen ich töten darf, auf alle Fälle gemacht hätte. Ich versuche sie zuerst mit Worten und offener Tür herauszukomplimentieren. Erfolglos. Ich schnappe mir den Becher (einen der wenigen Einrichtungsgegenständen in meinem Zimmer) und mache mich auf die sanfte Mückenjagd. Ebenfalls erfolglos. Letztlich bekomme ich sie aus meinem Zimmer, in dem ich sie aus dem Fenster scheuche. Ich bin stolz auf mich und meine sanftmütige Art, mich von der Mücke zu befreien. Von meinen Gedanken kann ich mich immer noch nicht befreien und das stundenlange Sitzen ist inzwischen schrecklich unbequem. Ständig muss ich meine Sitzposition verändern und versuche mir von den anderen abzuschauen, wie sie ihre Meditationsnester mit Hilfe der Decken und Schaumstoffkissen bequemer zu machen versuchen. Die Höhepunkte meiner Tage: Das Essen (Frühstück, Mittag um 11 Uhr und Obst um 17h), die Pause, wenn ich schlafen kann, meinen Blick in der wunderschönen Natur schweifen zu lassen, wenn ich abends oder nachts den Löwen brüllen oder den Elefanten tröten höre, das Ende der Meditationseinheit, welches durch das Chanten von Goenka eingeleitet wird (inzwischen ist seine Stimme zu meiner Erlösung geworden). Ich genieße das Schweigen und eigentlich auch, dass ich endlich seit sehr langer Zeit einen organisierten Tag habe, auch wenn ich ihn mir normalerweise selber nicht so gestalten würde. Aber wenigstens ein wenig Alltag tritt ein.


Tag 4

Heute hatte ich eine ganz grandiose Idee: Die letzten Tage habe ich auf Grund der Mücken, die mir meinen wertvollen Schlaf stehlen könnten das Fenster zu gelassen. „Lieber ersticke ich hier drin“, dachte ich mir. Irgendwann ist der Meditationsmief in meinem Zimmer nicht mehr wirklich erträglich. Ich öffne das Fenster vor meiner Meditation am frühen morgen. „Jetzt ist es noch schön kühl, bevor die afrikanische trockene Hitze über das Tal hereinbricht.“, denke ich mir und setze mich zum Meditieren auf mein Bett, wahrend draußen die Sonne die morgendliche Dämmerung vertreibt. Ich beende meine Meditation und mir schwarnt Böses. Ichhöre dieses ungute Geräusch und öffne vorsichtig meine Augen. Mücken! Überall in meinem Zimmer. Sie summen in allen möglichen Tonlagen und schwirren wie wild umher. Die Taktik des zum Fensterherauswedelns erscheint mir bei der Masse an Mücken (es sind bestimmt 20 Stück) als sehr unrealistisch und nicht sehr erfolgversprechend. Ruhig bleiben! Gelassenheit ist angesagt, so wie es hier gelehrt wird. Ich erläutere der Meditationsassistentin (sie und unser Lehrer sind die einzigen Personen, zu denen wir sprechen dürfen) mein großes Problem. Ihre Antwort: „Dieses Problem haben wir alle hier. Lass es einfach vorrüber gehen. Sie verschwinden schon irgendwann.“ Let it pass! – ebenfalls eine Weisheit, die wir hier im Kurs lernen sollen. Lass die Emotionen und Gedanken einfach weiter ziehen, ohne dass sie dich zu sehr negativ beeinflussen. Was für eine Unterstützung in meiner auswegslos erscheinenden Situation. In meinen Pausen versuche ich, die Mücken so gut es geht zu vertreiben. Immer wenn ich glaube, jetzt alle losgeworden zu sein, finde ich ein paar Stunden einen neuen Schwarm, die aus meinen Kleidungsstücken, der filzigen Wolldecke oder aus meinem Rucksack schwirren. Es ist zum aus der Haut fahren. Ich versuche so gut es geht gelassen zu bleiben. In der Nacht baue ich mir verweifelt ein kleines Gesichtszelt aus meiner Decke und einem Besen bestehend, das bis auf das ich nur noch schlecht Luft bekomme rein gar nichts bewirkt. Ich schlafe schlecht in dieser Nacht.


Tag 5

Die Hälfte der Zeit ist fast geschafft. Das Sitzen ist nicht mehr so ein großes Problem. Inzwischen wurden wir in die konkrete Vipassanameditation eingeführt. Das Ziel der Meditation ist es, sich Schicht um Schicht von allen verborgenen und schlummernden Unreinheiten (Ängste, Sorgen, Leiden, verweifeltes Verlangen, etc.) zu befreien. In ein paar Wörtern versucht zu erklären: Jedes Mal, wenn wir uns ärgern, uns sorgen, uns verletzt fühlen etc. haben wir in unserem Körper Empfindungen. Der Körper ist also direkt mit unserem Geist verbunden. Die Empfindungen sind sozusagen die „Sprache unseres Geistes“ (so wie ich das verstanden habe). Die Empfindungen setzen sich in unserem Körper fest und werden von Zeit zu Zeit, bedingt durch immer neue Unreinheiten, bedeckt. Normalerweise reagieren wir auf alles, was auf uns einwirkt: Wir werden beleidigt und werden sauer, wir werden verletzt und sind taurig. Die Kunst des Vipassana ist, dass wir auf solche Dinge nich mehr reagieren und unsere Emotionen und Empfindungen erst einmal objektiv beobachten. Ich habe die ganze Philosophie auch noch nicht 100 prozentig verstanden. Dies ist ein kleiner Versuch, es zu erklären. In der Meditation sollen wir nun unseren ganzen Körper scannen und dabei bezüglich unserer Empfindungen objektiv beobachten (das heißt, ohne dass wir mit Ablehung oder Verlangen darauf reagieren): „Aha, hier spüre ich ein kleines Kribbeln, hier einen Druck, hier einen Schmerz.“ Auf diese Weise werden wir Stück für Stück von unseren Leiden befreit, welche tief in unserem Unterbewussten schlummern.
Ich habe inzwischen Momente, in denen es mit der Meditation gar nicht mal so schlecht läuft. Heute finde ich meine Gedanken sogar fantastisch. Ich bin auf einmal so kreativ, tausende Ideen kommen mir in den Sinn: Für meine Wohnung in Berlin (die noch nicht einmal existiert), für meine Zukunft und zukünftige Projekte, für mein Leben. Es fällt mir so schwer, den Rat meines Lehrer zu befolgen, die Gedanken einfach da sein zu lassen, ihnen aber keine große Aufmerksamkeit zu schenken, sondern der Beobachtung der Körperempfindungen. Diesen Rat gab er mir sanftmuetig lächelnd (ich frage mich jedesmal, wenn ich ihn vorne auf seinem kleinen Podest meditieren sehe, ob er bereits schon erleuchtet ist oder nur so tut) in einer der Fragestunden. „Wie kann ich so produktiven und kreativen Gedanken keine Aufmerksamkeit schenken, vor allem nachdem ich so eine lange Zeit so unproduktiv und unkreativ war?“ Ich finde seine Ratschläge nicht sehr hilfreich. Aus seinem Mund klingt alles so einfach, ist es aber nicht. Irgendwann schaffe ich es einigermaßen, beide Dinge unter einen Hut zu bekommen: Meine tollen Gedanken und die Beobachtung meines Körpers. So oft merke ich allerdings erst nach ein paar Minuten, dass ich wieder sonst wo mit meinen Gedanken bin und meinen Körper vergessen habe. Am liebsten würde ich alles aufschreiben, was mir an Ideen durch den Kopf rast. Ich habe Angst, sie zu vergessen Aber: Dürfen wir ja nicht.
Ich habe übrigens kaum sichtbare Mücken in meinem Zimmer. In einer der Pausen entdecke ich eine direkt neben meiner Tür. Ich will diese Möglichkeit nutzen und versuche sie mit einer Handbewegung aus der offenen Tuer zu scheuchen. Ich bin zu energisch. Nach meiner Scheuchbewegung klebt ein kleiner schwarzer Fleck an der weißen Wand. „Neeeeeeiiiin – ich habe sie getötet.“, denke ich verzweifelt. Ich bin etwas niedergeschlagen und versuche mich selbst aus der Affaire zu ziehen, in dem ich mir sage, dass es fahrlässige Tötung war und wenigstens kein Mord.

Tag 6

Und immernoch zähle ich die Tage rückwärts. Ich habe so viele gute Ideen, dass ich eigentlich am liebsten sofort damit anfangen moechte. Im Geiste fange ich sogar schon an zu nähen. „Ich will kreeieren, kreeieren“, schreit mein Geist immer weiter. Irgendwie gelingt es mir trotzdem, mich immer wieder einigermaßen auf meine Empfindungen zu konzentrieren. Es passiert weiterhin, dass sehr seltsame Gedankenblitze ihren Weg in mein Gehirn finden. Plötzlich habe ich Bilder wie dieses vor meinem inneren Auge: Ich sehe ein Glas mit Milchshake. Durch einen Strohhalm entstehen Blubberblasen in dem Getränk. Ich muss innerlich etwas lachen. Mein Geist ist so bescheuert: Anstatt dass er einfach mal stillschweigt, wenn er gerade eigentlich nichts vermeintlich Wichtiges zu denken hat, muss er solche unnützigen Imaginationen fabrizieren. Es kommen aber auch manchmal gruselige Gedanken. Ich höre während der Meditation das Brüllen des Löwen und muss unbedingt die Augen öffnen um zu schauen, ob es in der Meditationshalle irgendwo die Möglichkeit gäbe, mich vor dem wilden Tier in Schutz zu bringen. Leider gibt es außer des Fernsehers, über den die Reden Goenkas übertragen werden, rein gar nichts, was mir das Leben retten könnte. Auch Situationen, in denen plötzlich allen Meditierenden von einer bösen Kraft die Köpfe blutig abgeschlagen werden, kommen meinem Geist plötzlich in den Sinn. Wenn man dem Geist einmal wirklich absolute Stille erlaubt wird man merken, wie verrückt man eigentlich ist. Manche Gedanken sind brauchbar. Solche, die Klarheit schaffen, Inspiration, schöne Erinnerungsfetzen, solche, die Wichtiges an die Oberfläche bringen. Aber so viele Dinge, die im Geiste von sich gehen sind einfach nur Müll. Wirklich Müll. Unglaublich. Ich kann nicht aufhören, mir Dinge in den schönsten Farben auszumalen. Auf diese Weise kann man ja nur enttäuscht werden, wenn es letztlich nicht so eintritt. Ich denke es gibt einen Unterschied zwischen dem sich ausmalen und dem kreativ werden und dem geistigen Gestalten. Das eine hat Enttäuschungen eigentlich vorprogramiert, das andere ist produktiv. 


Tag 7

Ich habe mir vor meiner Meditationszeit nicht so wirklich erkundigt, auf was ich mich hier eigentlich ganz genau einlasse. Was diese Meditation eigentlich für Effekte mit sich bringt. In meiner Vorstellung bedeutete Meditation, dass man einen Zustand erreichen kann, wo man nicht mehr über irgendetwas nachdenken muss und vielleicht sogar außerkörperliche Erfahrungen machen kann. Ich habe versucht, nicht zu große Erwartungen an die 10 Tage zu haben, einfach alles auf mich zukommen zu lassen. Aber wenn ich ehrlich zu mir selber bin weiß ich, dass ich mir diese außerkörperlichen Erfahrungen sehr gewünscht habe und mir gewünscht habe, dass ganz viele Dinge in mir hochkommen, die zuvor verborgen waren, dass ich zu Teilen heilen kann und meine Reise durch Afrika verarbeiten kann. Fast alle Gedanken, die aufkommen sind solche, die ich schon kenne (außer die kreativen, die sind neu). Ich habe keine besonderen Erkenntnisse und mein Körper bleibt auch da wo er ist: auf meinem unbequemen Meditationskissen, welches ich nur zu gerne für einen Stuhl eintauschen würde, der am besten irgendwo weit weg von der Meditationshalle steht. 
Dann sind da aber doch die Momente, in denen auf einmal Emotionen aufkommen und ich die Tränen nicht mehr unterdrücken kann. Gedanken an Dinge, die ich versuche zu unterdrücken, die aber nun mit aller Wucht an die Oberfläche treten. Auch mein Körper fühlt sich in ganz kurzen Momenten anders an: Für ein paar Sekunden scheint er, eins zu werden und wird ganz leicht. Zu einem anderen Moment habe ich das Gefühl, er teilt sich auf: Mein Unterkörper bleibt auf dem Boden, wehrend mein Rumpf sich nach oben bewegt. Stopp! Genieße dieses Gefühl nicht, sondern beobachte es nur objektiv!“ höre ich Goenkas Stimme aus seinen Vorträgen. Denn wenn man sich über diese Empfindungen während der Meditation erfreut, so Goenka, will man sie immer wieder haben. Und alles, wonach man sich krampfhaft sehnt, wandelt sich im Endeffekt in erneutes Leiden um. 
Meine Empfindungen spüre ich nun teilweise sehr deutlich fast in meinem gesamten Körper. Es gibt Meditationszeiten, in denen ich recht konzentriert bin und meine Gedanken zwar habe, aber fast ohne Unterbrechungen meinen Körper scanne und beobachte. 


Tag 8

Nur noch zwei Tage! Beim abendlichen Diskurs meinte Goenka noch, dass man manchmal während der intensiven Meditationszeit die ganze Ncht nicht schlafen kann. Aber gute Meditierende verzweifeln nicht über schlaflose Nächte, sondern beobachten ihren Körper die gesamte Nacht mit geschlossenen Augen. Auf diese Weise bekommt der Körper trotzdem seine Erholung und startet am nächsten Tag frisch und munter in den neuen Tag. Der erste Fall ist letzte Nacht eingetreten. Leider nicht der zweite Fall während der ganzen Nacht. Frisch und munter bin ich auch nicht, sondern so übermüdet, dass ich während der Meditation am frühen Morgen (oder eher in der späten Nacht) immer wieder einnicke. 
Aber ich kann mich an diesem Tage wieder über einen Moment der Tränen freuen, diesmal sind es Tränen der Dankbarkeit, die ich gegenüber meinen langjährigen Schulfreundinnen aus Berlin verspüre und gegenüber unserer Freundschaft. Diese Dankbarkeit ueberkommt mich plötzlich und ich merke und ich verlasse für ein paar Tränen die Halle der Meditation. 


Tag 9

Nur noch ein Tag des Schweigens und des strikten Zeitplanes. Bald ist es geschafft. Kaum zu glauben. Das Stillzitzen ohne mich zu bewegen macht mir nicht mehr große Probleme. Ich versuche noch einmal alles zu geben, aber mein Geist ist so müde, auch wenn er viel ruhiger geworden ist.

Tag 10

Letzter Tag. Die Meditation läuft gut an diesem Morgen. Um 10 Uhr versammeln wir Frauen uns vor einem Schild, welches das Beenden der edlen Stille erklärt. Wir sind alle verunsichert und sagen erst einmal gar nichts. Ich laufe dem Pfad zur Essenshalle entlang und versuche den Frauen, die mir begegnen, schüchtern zusulächeln. Worüber soll ich denn jetzt mit den anderen reden? Über das Erlebte? Was habe ich denn überhaupt alles erlebt? Wie kann man das, was ich die letzten 10 Tage durchgemacht habe eigentlich in Worte fassen? Ich stehe total unbedarf vor dem Eingang des Essensraumes und fühle mich deplaziert, unwohl. Ich muss meine Tränen unterdrücken, will auf einmal nicht, dass alles vorbei ist und fühle mich gleichzeitig erleichtert. Ich weiss nicht, wohin mit mir und sehne mir die edle Stille wieder herbei, mit der ich mich irgendwann so sicher gefühlt habe. Jetzt soll ich plötzlich wieder mit dem Menschen um mich herum interagieren. Meine kleine Zelle bietet mir für ein paar Minuten meinen Schutz, bevor ich mich wieder zu den anderen Menschen wage. Es prasseln nun wieder so viele Geräusche auf mich ein. Das Gequatsche in dem kleinen Raum erscheint mir unverträglich laut. Ich versuche meine ersten Konversationen, die immer selbstverständlicher werden. Wir lachen, wir tauschen Erfahrungen aus und wir fühlen uns gut. Meditiert wird an diesem Tag trotzdem, auch wenn der Zeitplan viel entzerrter ist. Wie die anderen Frauen auch bin ich manchmal am Tag etwas verwirrt, weil ich mit der ganzen freien Zeit erst einmal nichts anzufangen weiss. Später dürfen wir auch unsere Habseligkeiten wieder einsammeln und es dauert nicht lange, dass man überall auf dem Gelände die Menschen wieder mit ihren Smartphones zusammen findet (mich eingeschlossen). Dieser Tag ist sehr wichtig, um die Brücke zur Außenwelt und dem „anderen Leben“ zu schlagen. 
Tag 11

Letzes Mal Glöckchenklingeln zum Aufwachen. Ein letztes Mal Platznehmen auf dem Meditationskissen. Ein letztes mal Frühstücken im Meditationszentrum. Ich kann es gar nicht so richtig begreifen, dass ich es geschafft habe. Ich kann es nicht begreifen, was ich die letzten 10 Tage für eine Reise gemacht habe. Das Gefühl der Melancholie schleicht sich in meinen Geist: „Ein paar Tage länger wären jetzt doch eigentlich auch in Ordnung, oder?“ 
Ich werde zurück nach Kapstadt gefahren. Meine Fahrerin: Eine energetische und liebenswuerdige ältere Dame, mit der ich zusammen meditiert habe. Das Gefährt: Ein alter grauer Mercedes Oldtimer. Wir sausen durch die wunderschöne Landschaft und lassen uns an einer Tankstelle Kaffee und Magnumeis schmecken, um gleich ein wenig zu sündigen. Wir laden den Koffer einer anderen Mitmeditierenden bei ihrer Air b and b Wohnung ab (ihr Riesengepaeck passt bei ihrer Mitfahrgelegenheit nicht mehr in den Kofferraum) und bekommen eineFührung durch das fantastische Glashaus mit Blick auf die Stadt und einem verwinkelten Bergghanggarten eines Künstlerehepaares. „Siehst du dadurch, dass ich eine gute Tat getan habe und diesen Umweg auf mich genommen habe, bekomme ich nun diese spannende Fuehrung.“, sagt meine alte Dame freudig. Sie ist so wunderbar. Sie will mir unbedingt helfen, eine Unterkunft zu finden, denn Widererwarten kann ich weder bei der einen Freundin, noch bei anderen Freund unterkommen. Ich bin aufgeschmissen, habe keine Lust auf ein hektisches Hostel mit vielen Menschen und will einfach nur irgendwo auf einem gemütlichen Sofa liegen und mich ausruhen. Sie fährt mich durch die Straßen, ruft eine Freundin an und tut alles Mögliche, um mir zu helfen, denn bei sich aufnehmen kann sie mich nicht. Meine Emotionen kommen auf einmal über mich und ich will einfach nur irgendwo zu Hause sein nach dieser intensiven Zeit. Ich fange an zu weinen und schäme mich seltsamer Weise dafür, da ich doch eigentlich stark sein will und mit solchen Situationen beim Reisen doch normalerweise ganz gut umgehen kann. Nur jetzt nicht. Letztendlich checke ich in einem Hostel ein, bei dem ich ein gutes Gefühl habe und lerne dort promt eine sehr nette Deutsche kennen, die bald an der gleichen Schule anfangen wird in Hamburg, mit der ich eng zusammengearbeitet habe. Wir machen ein gemeinsames Fotos und schicken es der Schulleiterin, bevor wir schöne Gespräche über Selbstgekochtem führen. Der alten Dame bin ich so dankbar für ihre Geduld und ihre Worte, wieder eine Begegnung, die mich bereichert hat. 
Um meinen Kopf wieder frei zu bekommen jogge ich im abendlichen Sonnenlicht entlang der Promenade. An einer Stelle bleibe ich stehen, um mich von den hochaufsteigenden Wellen nassspritzen zu lassen. Das kalte Wasser fühlt sich wunderbar in meinem Gesicht an und ich spüre, wie gut und lebendig ich mich fühle. 


Fazit

Hättest du mich während der 10 Tage gefragt, ob ich diesen Meditationskurs empfehlen kann, hätte ich dir vielleicht in vielen Momenten davon abgeraten. Warum sich freiwillig quälen? Aber ich muss sagen, dass ich diese Erfahrung nicht missen möchte und mir sofort nach Ende ganz klar war, dass ich es in nicht allzu langer Zeit gerne wieder machen möchte. Ich kann nicht genau sagen, was diese Zeit mit mir gemacht hat. Aber ich spüre, dass sich etwas in mir bewegt hat. Ich möchte dieser Praxis eine Chance geben.
Ich bin bereichert von den Vorträgen Goenkas, die so oft so viel Sinn ergeben haben. Ich finde die Ansätze und die Philosophie dieser Meditationstechnik wunderbar und all die Werte, die mit ihr stark verbunden sind. Ich schätze an ihr, dass sie offen ist für Menschen aller Religionen oder auch fuer die Menschen, die keiner Religion zugehören. Denn es geht nicht um die Anbetung eines Gottes, sondern der Erkenntnis der Wahrheit in sich selber, der Befreiung des eigenen Leidens sowie der Befolgung eines sehr menschlichen Lebensweges in Mitgefühl, Liebe und Toleranz gegenüber anderer Lebenswesen. Die Idee, dass alle Menschen, egal wie viel Geld sie besitzen, an dem Kurs teilnehmen können sollen, finde ich großartig. Die Kurse sind für alle komplett kostenlos, werden 100 Prozent über Spenden finanziert und leben von der freiwilligen Mithilfe von Meditierenden, die etwas zurück geben wollen. Was für ein tolles Konzept!
Ich bin sehr dankbar fuer diese Erfahrung und es ist vielleicht erst der Beginn einer inneren Entdeckungsreise, der für mich ganz anderen Art. Ich bin dankbar für die Stille, die ich erfahren durfte, für die Routine, für meine inneren Kaempfe, für meine uebersprudelnde Kreativitaet in vielen Momenten, für mein Durchhaltevermoegen, für das leckere und liebevoll zubereitete Essen, für die traumhafte Natur um mich herum, für den naechtlich bruellenden Loewen, dafuer, dass ich fast keine Mücken getötet habe, fuer die viele Zeit für mich selber, meine Motivation, die einleuchteten Vorträgen und meinen Mut, mich auf das alles eingelassen zu haben. 
Ich hoffe, dass dies nun der Beginn einer ganz neuen Reise zu mir selber sein wird und ich es schaffe, regelmässig zu meditieren. 

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5 Gedanken zu “Die 10-tägige innere Reise: Vipassana Meditation 

  1. Sehr interessanter artikel. Da ich seit 30 Jahren meditiere, natürlich höchstens 60 min. Und auch nicht täglich, aber immer vor und nach der yogastunde. Es hat mir viele Einsichten gegeben. Danke

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    1. Ich denke, dass es wichtig ist, dass jeder für sich selber einen Weg findet jegliche Art von Meditation in de Alltag zu integrieren, ohne dass es zu einer Last bzw. einem Zwang wird. Danke für das Lob für meinen Artikel! 🙂

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  2. Liebe Veronika,
    Bin selber gerade aus dem Urlaub zurück, der ganz anders verlaufen ist. Habe voller Interesse deine Ausführungen gelesen und staune. Niemals werde ich mehr eine solche Reise unternehmen, wie du sie schilderst . Dennoch bin ich dankbar für die vielen Eindrücke, die auch ich dadurch habe. Grüße und danke!!! Christina

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