Die Odysee des indischen Visums

Etwas verwirrt versuche ich mir durch die Webseite der Visaagentur der indischen Botschaft in Südafrika einen Weg zu bahnen, um an die Informationen ran zu kommen, die ich für mein Visum als Ausländerin in diesem Land brauche. Ich werde nicht wirklich schlau und mache mich persönlich auf dem Weg zur indischen Botschaft in Kapstadt, wo ich gleich an die Agentur weiterverwiesen werde. Dort angekommen bekomme ich eine Checkliste, die für mich zu 50% keinen wirklichen Sinn ergibt. Ich frage viele Fragen, erwähne, dass dieser Prozess ja ziemlich aufwendig und kompliziert zu sein scheint und ernte dabei nur sehr genervtes Augenrollen der nicht gerade freundlichen Angestellten dieser Botschaftsagentur, die die Vorarbeit für die indische Botschaft leistet. Jobverfehlung denke ich nur und bin froh, dass sie mir freundlicherweise mit ihrem Kugelschreibe noch ein paar zusäztliche Informationen auf meine Checkliste kritzelt, sodass eben diese wenigstens ein wenig Sinn für mich ergibt. Etwas niedergeschlagen verlasse ich das Büro, mit meinem Schicksal hadernd, dass ich nun doch nicht vor meinem 10-tägigen Schweigen und Meditieren mein Visum beantragen kann. Noch nie musste ich so. Viele Dinge für ein Visum einreichen. Aber 1. Bin ich in Afrika und 2. Bin ich in diesem Land eine Ausländerin.
Was ich brauche:

1. Zwei Fotos à 5x5cm (Was für ein seltsames Passfotoformat)

2. Eine Bestätigung einer Person, bei der ich hier in Kapstadt offiziell wohne + deren AUsweis + eine Wasserrechnung um zu beweisen, dass dieses Haus überhaupt existiert

3. Eine Flugreservierung für den Flug von Indien entweder nach Südafrika oder Deutschland mit dem mündlichen Kommentar der Agenturtante: „Das können SIe ja dann einfach wieder stornieren“ (Wie bitte? Was macht das denn bitte schön für einen Sinn? Welche Art von Beweis ist dies, das Land wirklich zu verlassen, wenn ich die Reservierung einfach so stornieren kann? Und außerdem habe ich keine Ahnung, ob ich nach Indien wirklich nach Deutschland gleich zurückkomme. Es hilft nichts – das sind die Regeln.)

4. Eine schriftliche Erklärung, warum ich mein Visum in Südafrika beantrage und nicht in Deutschland (Zum Glück hatte ich die Tante noch einmal gefragt, wie das mit dem in der Checkliste bezeichnete „Motivationsschreiben“ wirklich gemeint ist, denn sonst hätte ich vermutlich zwei Seiten beschrieben, warum ich unbedingt Indien bereisen möchte.)

5. Ein ausgefülltes online Formular

6. Kontoauszüge der letzten drei Monate um zu beweisen, dass ich genügend Geld auf meinem Konto habe

Ich entscheide mich frustriert dazu, die ganze Sache nach meiner Zeit im Kloster in Angriff zu nehmen und ärgere mich über meine Naivität, das Visum sozusagen mit links zu bekommen.

Wieder zurück von meinem Seminar beginnt die Odyssee der Visumsbeantragung. Einer ältere Mitmeditierende gewährt mir, dass ich offiziell bei ihr wohnen darf und verspricht mir die nötigen Unterlagen. Ich kämpfe mich durch den Wust an Fragen des Onlineformulars. Warum wollen die alle Länder wissen, in denen ich bereits war? Nach 10 Ländern war eh kein Platz mehr und ich gehe zur nächsten Frage über. „Waren Sie bereits einmal in Indien“, werde ich gefragt. Das ist einfach. „Ja“ kreuze ich an und werde prompt nach meiner alten Visanummer gefragt. Am liebsten hätte ich in die Tasten gehauen, dass meine alte Visanummer von vor neun Jahren in meinem alten Pass klebt, welcher in der „Erinnerungskiste“ zwischen bestimmt 20 anderen Umzugskarton auf dem Dachboden meines Großvaters tausende Kilometer weit weg in Berlin ist, welche auch meine Mutter mit ihrer unfassbaren SUchgeduld wahrscheinlich erst finden würde, wenn die anderen Yogis ihre Blütengirlanden am Ende des Monat bereits um den Hals baumeln haben. Leider gibt es kein Feld für meinen Text. Ich pausiere das Onlineformular und schreibe der indischen Botschaft in Berlin, ob sie mir meien Visanummer aus meinem fast schon vergangenen Leben geben könnten. Nachdem ich die Rückmeldung bekomme, dass sie die Daten gar nicht mehr habe kreuze ich trotzig „nein“ an. „Nein“ ich war noch nie in Indien und da ich einen neuen Pass habe und ihr eure Daten nirgenwo gespeichert habt, werdet ihr auch nie rausfinden, dass ich gerade lüge. Nach unzähligen weiteren Fragen bezüglich meiner LIeblingsunterhosenfarbe, meiner Schuhgröße und meinem peinlichsten Moment klicke ich auf „Senden“ und mache erst einmal eine kleine Verschnaufspause. Na ja gut, die letzten drei Fragen wurden so nicht wirklich gefragt aber nachdem ich von einer Copyshopbesitzerin hörte, dass sie einst eine WhatsApp Kommunikation der letzten Monate zwischen einem Pärchen (er weiß, sie schwarz) ausdrucken musste, damit eben dieses für die Bewerbung für ein Visum beweisen konnte, dass es auch wirklich ein Paar ist – häten mich auch diese drei Fragen nicht mehr wirklich gewundert. 

 
Am nächsten Tag gehe ich mit meinen als vollständig erachteten Dokumenten zurück zu der unfreundlichen Visaagenturtante. Aus Trotz nehme ich meine normalen Passfotos mit (die die Standartpassfotogröße besitzen) – so kleinkariert können die doch nicht sein. Mein Flugreservierung ist auf Deutsch, übermüdet wie ich nach der Meditation war habe ich an das Englische gar nicht gedacht. Aber auch das müsste doch durchgehen, schließich sind wir ja noch immer in Afrika. Tja, leider muss ich mich im Endeffekt sehr irren. Ohne auch nur ein bisschen zu Lächeln geht die Visatante meine Unterlagen durch, mäkelt an meinen Fotos, zum Glück nicht an meiner deutschen Flugreservierung, macht mich auf die fehlende Ausweiskopie meines Gastgebers in Kapstadt aufmerksam und will mir plötzlich weiß machen, dass „Rückflugticket“ auch gleichzeitig „Hinflugticket“ bedeutet. „Das weiß doch jeder.“, gibt sie mir spöttisch zu wissen. Ich fange innerlich an zu brodeln. Ja, die Hälfte der Dinge die fehlen, nehme ich auf meine Kappe (auch wenn ich es unsinnig finde), aber das mit dem Rückflugticket hätte sie mir ja auch noch vor zwei Wochen mit auf die unvollständige Checkliste schreiben können. Mit rasendem Herzen buche ich auf den Stufen des Gebäudes eine weitere Flugreservierung für weitere 10 Euro, lasse hässliche und quadratische Passfotos machen und versuche mich verzweifelt an meine Zugangsdaten für mein Konto zu erinnern, um auch für den letzten Monat einen Kontoauszug vorlegen zu können. Erst eine SMS meiner Mutter aus Deutschland ermöglicht mir den Zugang. Überall: In den Copyshops, bei dem Passfotomann und bei meiner älteren Meditationsdame, die mir die Ausweiskopie ihres Mannes vorbeibringt und mich zum STressabbau auf einen gesunden Smoothie einlädt, klage ich mein leid und werde von allen Seiten verstanden. Die Leute hier kennen das wohl nur zu gut mit den schwierigen Visaprozessen. Kurz vor Ladenschluss der Visastelle setzte ich ich erschöpft und gestresst vor eine neue Visatante, um ihr meine nun vollständigen Unterlagen etwas stolz auf den Tisch zu legen. „Eine Ihrer Flugreservierungen ist aber auf deutsch. Die können wir leider nicht akzeptieren.“, erklärt sie mir etwas freundlicher als Tante Nummer 1. Ich frage Tante Nr. 1., warum sie mir das nicht vorhin gesagt hat. Sie schaut sich meine Untelagen an und gibt mir mit einem arroganten Blick zu wissen, dass sie diese Flugreservierung noch nie gesehen hätte. Ich kann die englische Version aber per Email nachschicken, versucht mich Nummer 2 zu trösten und ich mache mich auf den Weg zu meinem temporären zu Hause. Eigentlich versuche ich stets eine ehrliche Person zu sein und fühle mich wie eine kleine Kriminelle (irgendwie fühlt sich das gut an, wie befriedigende Rache) und fälsche einfach die Emailreservierung. Ich erschrecke mich etwas darüber, wie einfach das Fälschen geht und freue mich, dass mein Plagiat von der Botschaft akzeptiert wird. Wie Sinnfrei Bürokratie doch manchmal sein kann.

Zwei Wochen später. Das Visum ist immer noch nicht fertig. Langsam werde ich unruhig. In einer Woche will ich bereits nach Indien fliegen. Ein indischer Freund von mir in Kapstadt ruft bei der Botschaft an, um nachzufragen. Das einzige was wohl noch fehlt ist die Bestätigung von der indischen Botschaft aus Berlin, dass ich keine Kriminelle bin (wenn die nur wüssten…). Aus Berlin kam jedoch seit zwei Wochen keine Reaktion auf die Email, weswegen heute noch einmal eine Erinnerung geschickt wurde. Ich kann es nicht fassen und bitte meinen Vater, bei der Botschaft in Berlin einmal nach zu fragen. „Es kam dort nie eine Email an. Die Leute in Kapstadt sollen ein Fax nach Berlin schicken“, lässt er mich ein paar Stunden später. Ich greife zum Telefonhörer und übermittle diese Nachricht an die indische Botschaft in Kapstadt. „Wie bitte? Wir sollen ein Fax schicken, checken die nicht ihre Emails?“, fragt mich der Herr von der Botschaft entgeistert. Am liebsten hätte ich entgegnet, dass ich es unfassbar finde, dass die Botschaften es nicht schaffen, miteinander vernünftig zu kommunizieren und dass diese Kommunikation nun von meinem Vater und mir übernommen werden muss. Als mir die Versendung des Faxes versprochen wurde besinne ich mich eines Besseren und versuche dem Ganzen glauben zu schenken, dass das Fax auch wirklich noch am gleichen Tag ankommen wird. 

Nächster Tag gegen Mittag: Mein Vater schreibt mir, dass das Fax bei. Der Botschaft in Berlin nicht angekommen ist. Meine Hoffnung auf eine Ausreise in der nächsten Woche wird wieder sehr klein. Ein paar Stunden später die Nachricht von meinem Vater: „Vorhin hatte ich mit der Faxverantwortlichen gesprochen. Eben habe ich es noch einmal bei der Emailverantwortlichen probiert und sie bestätigte mir gerade den Eingang der langersehnten Email, sie wird sofort bearbeitet und nach Kapstadt geschicht.“ Mein Herz macht einen kleinen aber eher unglääubigen Hüpfer und ich frage mich, ob es dann auch jeweils Verantwortliche in der Botschaft für whatsApp Nachrichten, Twitter Nachrichten und sonstige soziale Mediennachrichten gibt. Da weiß doch anscheinend eine Hand auch nicht, was die andere macht. 

Nächster Tag (Es ist bereits Mittwoch, in fünf Tagen will ich eigentlich fliegen). Ich bekomme einen Anruf von der Visaegentur: „Sie können ihr Visum morgen abholen, wenn sie mir heute noch eine neue Flugreservierung schicken. Die alte wäre ja für einen Flug anfang dieser. Woche gewesen.“ Ich lasse mir bestätigen, dass ich das Visum auch wirklich morgen bekomme und frage, ob ich nun ganz sicher meinen richtigen Flug buchen könne. „Ja können Sie.“, bekomme ich als überzeugende Antwort und fälsche zur Sicherheit noch einmal eine Flugreservierung, auch wenn ich mir zu diesem weiteren kriminellen Akt einen Ruck geben muss aus Angst, deswegen nicht das Visum zu bekommen. „Was ist, wenn sie bei KLM anrufen und rausfinden, dass diese Reservierungsnummer gar nicht exisitert?“, fragt mich mein ängstliches Ich. „Du musst es auch mal wagen, etwas zu betrügen um ans Ziel zu kommen. Als wenn die von der Botschaft ernsthaft bei der Fluggesellschhaft anrufen würden.“, flüstert mir mein kleines Teufelchen ins Ohr und ich klicke hoffentlich zum letzten Mal in dieser Visaodyssee auf den Sendenknopf. Sicher ist Sicher. Den richtigen Flug kann ich immer noch buchen, wenn ich das Visum wirklich in meinen Händen halte. Bis das nicht geschehen ist, glaube ich das alles erst mal gar nicht. Ich stelle zu spät fest, dass ich beim Fälschen einen kleinen Fehler gemacht werde und hoffe, dass dieser nicht bemerkt wird. Donnerstag…ich mache mich auf zur Visaagentur und kann es nicht fassen, als ich tatsächlich meinen Reisepass zurück bekomme und stolze Besitzerin eines 6-monatigen Visums für Indien bin.

Auch wenn diese ganze Visaangelegenheit für mich wirklich nervenauftreibend war, hat sie mich dennoch etwas wichtiges gelehrt: Natürlich war mir vom Hörensagen bewusst, dass es so viele Menschen auf der Welt alle andere als einfach haben, ein Visum für andere Länder zu bekommen. Natürlich war es mir bewusst, dass ich als Deutsche ein großes Privileg habe, eigentlich ohne größere Schwierigkeiten in so viele Länder dieser Welt einzureisen, dass man mir als Deutsche gerne ein Visum gibt. Ich habe nun eine bessere Vorstellung davon bekommen können, auch wenn mein Visaprozess sehr wahrscheinlich verglichen mit anderen ein Kinderspiel war, was andere Menschen durchgehen und durchstehen müssen, um in ein anderes Land zu kommen und dies nur, weil sie eben aus einem afrikanischen Land kommen, oder aus sonst einem anderen Land, deren Bewohner nicht so einfach in ein anderes Land reingelassen werden. Ich finde diese Bürokratie, die für mich zum größten Teil einfach nicht logisch ist (eine ganz spezielle Größe der Passfotos, Flugreservierungen, die man eh wieder stronieren kann, etc.), einfach nur unnütz und frustrierend. Ich merke während dieses Visaprozesses noch einmal sehr deutlich, wie schwer ich mich damit tue, wenn Dinge, die gemacht werden, einfach nicht logisch sind und Dinge erschweren, als sie einfacher zu machen. Damit möchte ich nicht sagen, dass ich immer logisch handel, aber was das Staatswesen anbelangt und die Bürokratie wünschte ich mir dann doch manchmal mehr Logik.

Beim Buchen meines Fluges am gleichen Tag für zwei Tage später werde ich etwas emotional. Ich werde nun Afrika tatsächlich nach sechs Monaten verlassen. Ich drücke auf „Buchen“ und gehe kurz auf den Balkon, um mir den afrikanischen Wind in das Gesicht wehen zu lassen, den Wellen zu zu hören und mich bei Afrika zu bedanken für diese bereichernden Monate, die ich hier verbringen konnte. Ich gehe zurück in die Wohnung des indischen Freundes, der gemeinsam mit seiner Mutter im Fernsehen indische Musikshows schaut…Einen besseren Übergang. Von Afrika nach Indien hätte ich wohl nicht haben können…

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