Süß saure Freiheitsstadt am Kap und Abschied aus Afrika

Nervös warte ich auf mein Taxi kurz nach meiner Ankunft aus der Stadt des Goldes (Johannesburg) in Kapstadt. Erst gestern habe ich bei Couchsurfing nun schon zum zweiten Mal auf meiner Reise eine offene Anfrage gestellt. Wieder wurde mir nur von Männern etwas zurückgemeldet und wieder habe ich mir einen Ruck gegeben, bei dem Couchsurfer zu nächtigen, der mir am vertrauenswürdigsten erschien. Ich wäre jedoch gerne im Hellen angekommen, damit ich im schlimmsten Fall der Fälle noch hätte flüchten können. Kurz vor meinem Flug habe ich noch einmal schnell geschaut, ob die Gegend meines Couchsurfers einigermaßen sicher ist. Mein Taxi kommt und fährt mich durch das nächtliche Kapstadt an den Rand der Stadt, wo mir in Bloubergstrand mein Couchsurfer Vishal meinen Rucksack entgegennimmt. Er sieht sehr vertrauenswürdig aus und stellt sich als super hilfsbereiter, gastfreundlicher junger Mann heraus, welcher hier in Kapstadt für ein halbes Jahr arbeitet. Mein erster Blick auf Kapstadt raubt mir am nächsten morgen fast den Atem: Vishals Balkon ermöglicht mir einen fantastischen Blick auf das Meer und den majestetischen Tafelberg. Besser hätte der erste Blick auf die liebevoll genannte „Mutterstadt“ nicht sein können. Ich schlüpfe seit sehr sehr langer Zeit wieder in meinen Blumenrock und gehe zum Strand. Der Wind weht mir durch die Haare und meine Beine freuen sich darüber, unbedeckt das Sonnenlicht genießen zu können. Ich fühle mich auf einmal so unglaublich frei. Ich kann in der Masse untergehen, keiner bemerkt, dass ich anders bin und ich kann mich erst einmal von meiner inzwischen durchlöchterten, kniebedeckenden Schlabberhose verabschieden. Ich werde etwas emotional und in mir kommt ein berührendes Gefühl des „Ankommens hoch. Ich habe es geschafft, wenn auch mit ein wenig Geschummel, von Ägypten nach Südafrika zu reisen. Mir kommen ein paar Tränen und ich setzte mich an den Strand, um die schöne Sonne, das wilde Meer und den wundervollen Ausblick zu genießen.

Kapstadt ist für mich eine Oasenstadt, in der ich zur Ruhe komme, meine Batterien aufladen, mich gesund ernähren, mich relativ frei bewegen und verarbeiten kann. Ich wohne für ein paar Tage bei meiner neuen Freundin, die ich in Malawi kennen gelernt habe und genieße es, ihren Alltag mit zu bekommen und die Stadt mit genug Zeit zu entdecken. Ich gehe zum Yoga, koche, besteige Berge, liege am Strand, genieße die tolle Wohnung, gehe ins Kino, schlendere durch die Straßen auf der Promenade, treffe mich mit neuen Bekanntschaften und entdecke innerhalb der insgesamt zwei Wochen die schöne Stadt am Kap. Ich habe keine Eile und lasse mich treiben. Hier scheint auf einmal so vieles mehr zu funktionieren. Ich zücke nach 5 Monaten wieder mein Smartphone, welches nach einer Reperatur eines Bekannten inzwischen einen kleinen aus einem Computer ausgebauten Knopf als Anschlatknopf auf der Rückseite kleben hat. Es zeigt mir mit google maps die Busverbdindungen des erst einjährigem Busnetztes der Stadt an und navigiert mich zu meinen Zielen. Was für ein Freiheitsgefühl! Ich fühle mich nicht mehr ständig staubig und klebrig und ergötze mich an der großen Vielfalt an Köstlichkeiten um mich herum und merke nach und nach, wie sich mein Körper nach dieser Ernährungsumstellung wieder gesünder anfühlt. Die Natur der Umgebung ist großartig und es gibt so viel zu entdecken. Direkt am Meer gibt es herrschaftliche Villen, von denen einige Berühmtheiten wie beispielsweise auch Leonardo Di Caprio gehören. In den wohlhabenderen oder hipstermäßigen Vierteln sieht man auffälig viele gutaussehende, durchtrainierte Menschen mit Sportkleidung und Yogamatten, die entweder gerade direkt ihr Sportprogramm auf der Promenade durchführen oder sich nach ihrer körperlichen Betätigung beim Restaurant „Sexy Food“ an der Straßenecke ihren rohen Frühstückssmoothie schlürfen oder schnell noch in einem der vielen gesundheitsbewussten Supermärkten ihre Einkäufe tätigen. Auch wenn ich dies hier alles gerade genieße gibt es etwas in meinem Gehirt, was diese Stadt irgendwie verrückt und seltsam findet. Ich habe hier oft den Eindruck, dass sich die weißen Menschen hier in der Stadt vergnügen, während die schwarze Bevölkerung arbeitet, sei es im Restaurant, auf der Baustelle, an der Tankstelle, im Waschsalon. Natürlich arbeitet die weiße Bevölkerung hier auch. Was ich damit sagen will ist, dass mir hier die Geschichte Südafrikas sehr bewusst wird und ich erstaunt darüber bin, wie groß der Unterschied und die Trennung zwischen Weißen und Schwarzen noch immer ist. Es ist der bittere Beigeschmack, den diese Stadt für mich hat. Auf den Hipstermärkten findet man größtenteils nur die Weißen, genauso wie auf dem Weingut, bei der „Silent Disco“ am Strand und in den Cafés. „Was macht den die schwarze Bevölkerung  für ihr Vergnügen“, fragt mich mein Vater ungläubig, der bei seinem Besuch hier in Kapstadt und Umgebung den gleichen bitteren Beigeschmack schmeckt. Ein Township habe ich während meiner Zeit hier in Südafrika nur von Weitem kennen gelernt und manchmal ertappe ich mich selber dabei, wie ich zu schwarzen Menschen extra freundlich bin um ihnen zu zeigen, dass ich nichts gegen sie habe. Ein Beispiel aus einer Situation in einem Bus: Ich überlege, mir den letzten Sitzplatz zu schnappen und entscheide mich letztendlich dafür, doch lieber stehen zu wollen. Ich sehe, dass neben diesem besagten freien Platz ein schwarzer Herr sitzt und setze mich lieber hin damit er nicht denkt, dass ich mich seinetwegen nicht neben ihn gesetzt habe. Auch ich spüre in einigen Momenten die schreckliche Geschichte dieses Landes, die sich wie ein nebeliger Schleier über die Stadt und die Umgebung legt. In kurzen Begegnungen mit der schwarzen Bevölkerung bekomme ich klitzekleine Einblicke in das Leben der schwarzen Menschen hier. Ich erfahre etwas über den Rassismus, über ihre Träume und werde von ihrer großen Herzlichkeit beschenkt.

Manchmal sehe ich in der Stadt Straßenverkäufer, die einem südafrikanisches Kunsthandwerk verkaufen wollen, schwarze Musiker und Trommler, welche ihre tradiotionelle Musik zum Besten geben oder ich befinde mich in einem Minubus (die hier in Südafrika weitaus bequemer sind) und um mich herum sitzen fast ausschließich schwarze Menschen. Diese Momente sind wie kleine Erinnerungen, dass ich mich immer noch in Afrika befinde. Sie lassen mich nur erahnen, in welchen fast schon Paralleluniversen die Menschen hier in der gleichen Stadt leben. Natürlich sieht man auch schwarze Menschen in den hippen Cafés als Gäste oder als Jogger auf der Promenade oder abends beim Ausgehen. Aber es ist eben die Mehrheit weiß. Ich bin irritiert und spüre, dass ich dieses Land auf alle Fälle noch einmal besuchen möchte und hier das „andere“ Südafrika ebenfalls kennen lernen möchte. Für mich jetzt nehme ich es als meine Ruheoase, wohlwissend, dass es hinter der ganzen Fassade noch ein ganz anderes Leben gibt.

Diese Stadt war sehr freundlich zu mir und der Großteil der Südafrikaner, egal ob weiß oder schwarz, begegnete mir sehr freundlich und hilfsbereit. Ich erkannte für mich, dass ich diese Ruheoase, die so westlich geprägt ist brauchte, um meine Reisebatterien wieder aufzuladen. Ich fühlte mich mehr zu Hause und nicht mehr so fremd, was meiner Seele gut tat. Vielleicht hätte ich diese Stadt und die Umgebung ganz anders erlebt, wenn ich meine Reise durch Afrika hier begonnen hätte. Ich bin froh, dass ich es so gemacht habe. Auch wenn Südafrika eigentlich sehr lange Zeit gar nicht auf meinem Programm stand bereue ich es absolut nicht, hier her gekommen zu sein. Für mich war ich hier genau zur richtigen Zeit. Bereichert durch den Besuch durch meinen Vater, der 10-tägigen Meditation, dem Bleiben an einem Ort, den vielen schönen Begegnungen und Aktivitäten und dem „westlichen“ Lebensstil fand ich die Ruhe und Kraft, die ich brauchte. Kapstadt süß-sauer. Ich mag dich sehr, aber du bist auch irgendwie seltsam. Und auch wenn ich hier so viel Freiheit fühlte ahne ich doch, dass du dieses Privileg nicht jeder Hautfarbe in dieser Stadt gewährst.
Meinen letzten Tag verbringe ich mit meinem indischen Couchsurfer und ein paar seiner Freunde auf einer wunderschönen Wanderung durch die tolle Natur in der Nähe von der Mutterstadt. Wir schlängeln uns durch kleine Wege der typischen Fynbuschlandschaft und betreten ein Höhlensystem, welches wir nur mit dem Licht der Taschenlampen durchqueren, um auf der anderen Seite des Berges das tiefblaue Meer und die Weite des Landschaft zu bestaunen. Ich bin völlig im Moment, möchte nirgensanders gerade sein. Ich setzte mich auf einen Felsen und nehme mir einen kleinen Augenblick um Danke zu sagen. Danke Südafrika – meine persönliche Ruhe – und Kraftoase.

Danke vor allem auch Afrika für all die lehrreichen, abenteuerlichen, prägenden, berührenden, herausfordernden, kraftgebenden, naturreichen, begegnungsreichen, aufschlussgebenden, spaßigen, ausgelassenen Momente, die du mir geschenkt hast. Ich bin auf alle Fälle durch dich persönlich gewachsen und ziehe nun weiter, mit einem Rucksack voller Erinnerungen und Erfahrungen, die mir keiner mehr nehmen kann. Du bist nicht immer sanft mit mir umgegangen und ich konnte dich selber manchmal nicht ausstehen, nicht verstehen, wollte dich am liebsten manchmal nicht sehen und spüren. Aber du bist dennoch etwas ganz besonderes und wie niemand anderes. Du bist wild, du bist dreckig, grob, verwirrend, chaotisch, unglaublich heiß, kalt, ungerecht, anstrengend, nervig, laut. Du bist aber auch bunt, vielfältig, weit, freundlich, humorvoll, hilfsbereit, herzlich, bereichernd, abenteurlich, lehrreich und großzügig. Du bist voll mit wunderbaren Menschen, die teilweise so wenig besitzen, so wenig CHancen im Leben haben und mir dennoch so oft so herzlich begegnet sind und ihre Geschichten mit mir geteilt haben. Ich hätte nie gedacht, dass der Abschied von dir mir im ENdeffekt so schwer fallen würde, dass er mich so emotional machen würde. Wollte ich doch in einigen Momenten einfach nur woanders sein und nicht bei dir. Aber ich bin es. Ich lasse meinen Tränen freien Lauf und habe das Gefühl, dir meine harten Zeiten mit dir verziehen zu haben und mich an das zu erinnern, was mich bereichert hat. In meinem Rucksack ist nun noch ein wenig Platz für neue Erinnerungen und Erfahrungen in Indien, bevor ich mich wieder in die HEimat aufmache. Es wartet nun ein komplett anderes Abenteuer auf mich in einem Land, in dem ich mit Anfang 20 meine erste Reise alleine bestritt.

Fühl dich herzlich gedrückt, mein liebes Afrika. Ich werde dich wieder besuchen. Ich werde wohl erst mit der Zeit umfassender verstehen, was du mir alles mit auf den Weg gegeben hast. Ich danke dir und vor allen Menschen, die mich auf dieser Reise begleitet haben, die mich berührt haben, denen ich begegnen durfte, die für mich da waren. Ihr bleibt für immer in meinem Herzen!

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