Chaotische Ankunft in Indien und wie dann doch alles wieder gut geht

Wir befinden uns auf dem Landeflug nach Neu-Delhi und ich beobachte etwas irritiert zwei Männer ein paar Reihen vor mir, die offensichtlich in ihrer kleinen Tohra lesen und mit kopfnickenden Bewegngen beten. Eigentlich nichts besonderes, wenn sie nicht dieses seltsame schwarze Kästchen auf den Kopf geschnallt hätten? Ich bekomme kurz etwas Angst, dass dies vielleicht kleine Bomben sein könnten. Warum sagt denn keiner der Stewardessen etwas? Beunruhigt das nur mich? „Sei nicht albern!“, mahnt mich meine innere Stimme. Mein rationales Gehirn gibt mir die plausible Erklärung, dass dieses schwarze Kästchen vielleicht einfach die Klagemauer symbolisieren sollen während des Betens. Ich verlasse ohne Zwischenfälle das Flugzeug, stelle wieder fest, wie schnell man sich selber Angst machen kann und nehme mir vor, etwas über dieses schwarze Kästchen auf dem Kopf beim Beten zu recherchieren.

Neun Jahre zuvor kam ich genau an diesem Flughafen an, um in Indien meine erste Reise alleine zu machen. Damals wude ich von dem Cheuffeur einer sehr reichen indischen Familie abgeholt. Heute muss ich mir meinen Weg selber bahnen. Das freie Internet gibt es leider nur für Besitzer einer indischen Nummer. Freundlicherweise, stellt mir der Rezeptionist der VIP Lounge seine Nummer zur Verfügung. Ich bestelle mir ein Uber-Taxi über meine App, um es möglichst einfach nach diesem langen Flug zu haben. Leider funktioniert das Internet nicht mehr dort, wo mich das Taxi abholen soll. Ich finde es daher in dem Gewusel draußen nicht und kann es auch nicht anrufen, da die Nummer offline nicht angezeigt wird. Ein neben mir wartender Mann bietet mir an, mit ihm in seinem Uber zu fahren, da er nicht zu weit weg wohnt von dem Ort, wo ich hin muss. „Super!“, denke ich mir. „Der sieht vertrauenswürdig aus.“ Im Auto sitzend checkt er seine Transportmittel App und meint: „Schau, von dem Ort, wo ich dich absetzen lasse musst du nur noch 50 Minuten mit der U-Bahn fahren.“ „Nur noch 50 Minuten? Dann kann ich doch auch gleich von hier die U-Bahn nehmen.“, frage ich ihn verwirrt. „Ja, das kannst du auch, das dauert sogar kürzer, ist aber etwas teurer.“ Er lässt den Fahrer wieder zurück zu unserem Ausgangspunkt fahren, ich bedanke mich höflich für die „Hilfe“ und steige verwirrt aus. Am U-Bahnhof wird wie auf einem Flughafen mein Gepäck durchgechecht und ich erstehe eine kleine Plastikmünze, die mir als Ticket an den Drehkreuzen nutzen soll. Ih wundere mich, dass so wenig Menschen unterwegs sind und wundere mich nicht mehr, als ich ein paar Stationen später absolut eingeklemmt mit meinem großen Rucksack hinten und dem kleinen Vorne zwischen unzähligen Menschen im völlig überfüllten Wagon der Bahn stehe. Neben mir mein „U-Bahnführer“, ein freundlicher, sehr hochgewachsener Inder, der mir anbietet, ihn jederzeit anrufen zu können. Er arbeitet bei der indischen Armee und kann mir immer helfen. Wie nett von ihm. In diesem Moment reicht mir allerdings seine Unterstützung im Finden meiner richtigen Züge vollkommen aus und es ist zum Glück dann doch nicht so schlimm, dass ich die Fähigkeiten eines Armeeangestellten bräuchte, um hier zu überleben. Das Bahnsystem wirkt sehr modern und trotzdem hat mir der Typ am Schalter nur einen Teil der Fahrt verkauft. Der Armeeangestellte und ich glauben fest daran, dass er diesen grausamen Akt mit Absicht vollzogen hat, um es mir noch schwieriger zu machen. Ich muss mich also noch einmal anstellen. Von der Bahn aus sehe ich die vollgepackten Straßen, auf denen sich rein gar nichts zu bewegen scheint. Wahrscheinlich wäre ich in diesem Verkehr eh erst Stunden später angekommen und habe mit mit meiner ungeplanten U-Bahnfahrt im Endeffekt das bessere Los gezogen.

An meiner finalen Bahndestination werde ich mit voller Wucht in eine komplett andere Welt gespuckt. Es ist immer wieder faszinierend, dass man einfach in ein Flugzeug steigt, ein paar Stunden fliegt und in einer völlig anderen Welt ankommen kann. Ich befinde mich also mitten im Gewusel unglaublich vieler Menschen auf einem Art Markt und finde dieses Erlebnis total verrückt. Ich fühle mich mit meinen Rucksäcken wieder wie eine Außerirdische, was sicherlich auch die meisten Menschen um mich herum in diesem Moment von mir denken. Ich schnappe mir ein TukTuk (eines der dreirädrigen gelb grünen Taxis) und hoffe, dass der nichtenglischsprachige Fahrer versteht, wohin ich möchte. Wir beginnen die Fahrt und ich schaue ungläubig aus meinem Dreirad: Ich habe vergessen, wie unfassbar viele Menschen in Indien leben und wie voll es in den großen Städten ist. Auf der Straße kann ich fast nicht mehr ausmachen, wo ein Gefährt anfängt und das nächste beginnt. Alles scheint einfach ein riesiges Stück Verkehr zu sein. Es wird gehupt als würde davon das Leben abhängen. Und vielleicht tut es das auch, denn die Gefährte scheinen sich eigentlich die ganze Zeit einfach nur auszuweichen anstatt wirklich zu fahren. Mein TukTuk kommt tatsächlich an meinem Hostel an, wo ich mich für ein paar Stunden schlafen legen möchte, bevor es am Abend mit dem Nachtbus weiter in den Norden gehen soll. Spätestens nach dieser nervenauftreibenden U-Bahn und TukTuk Fahrt und bereits jetzt schon so vielen Eindrücken brauche ich meine Ruhe.

„Deine Bushaltestelle ist nur 2 Minuten zu Fuß von hier entfernt“, gibt mir der Hosteltyp zu wissen.“Na wunderbar, dass ist ja noch näher, als ich angenomen habe.“, denke ich noch bei mir. Mir wird ein Mann zur Seite gestellt, der mich quer über eine stark befahrene Kreuzung bringt und dann in die vermeintlich richtige Richtung zeigt. Um es kurz zu machen: Ich irre fast eine Stunde herum, werde von den Menschen in teilweise unterschiedliche Richtungen verwiesen auf der Suche nach diesem blöden Parkplatz, von wo aus mein Busfahren soll, den mir mein indischer Couchsurferfreund netterweise online gebucht hat. Es wird langsam dunkel, keiner scheint anscheinend wirklich zu wissen, wo ich hin muss und mir ist einfach nur zum Heulen zu Mute. Ich treffe einen der bestimmt 10 Männer wieder, den ich nach dem Weg gefragt hatte und gebe ihm inzwischen relativ verzeifelt zu wissen, dass auch er mich in die falsche Richtung geschickt hat. Er zückt sein Telefon, um bei der Busgesellschaft anzurufen. Erstsagt er mir, dass der Bus schon weg sei, dann erklärt er mir, dass der Bus im Endeffekt doch nicht hier gestoppt hat und mir (also meinem indischen Kumpel) eine Nachricht geschickt wurde. Der freundliche Mann erklärt einem TukTukfahrer, zu welcher Busstation er mich fahren soll und beruhigt mich, dass der Bus dort auf mich ganz sicher warten wird und dass dieser Ort nur drei Kilometer von hier entfernt sei. Was hätte ich in diesem Moment anders tun sollen, als diesem Mann zu vertrauen, um wenigstens eine kleine Chance zu haben, den Bus noch zu bekommen. Wir fahren bestimmt 35 Minuten durch den schrecklichsten Verkehr. Es ist inzwischen dunkel geworden, ich habe absolut keine Ahnung, wo wir sind und wohin wir fahren. Der TukTukfahrer spricht kein Englisch. Für einen kurzen Moment kommt mir in den Sinn, dass dies vielleicht ein Trick ist und ich nun irgendwo hingefahren werde, wo ich ausgeraubt werde. Meine rationale und praktische Gehirnhälfte meldet sich jedoch schnell wieder zu Wort und beruhigt mich mit dem Plan B, dass ich ja sonst einfach wieder zurück zum Hostel fahren, meine eh bereits bezahlte Nacht in Anspruch nehmen und einen neuen Bus buchen kann. Ich beruhige mich wieder und stelle mich schon darauf ein, meinen Bus wenn dann nur von hinten zu Gesicht zu bekommen. Ich fühle mich wie in einem schlechten Film, drücke meinen Rucksack fest an mich und lehne mich auf der schmalen TukTukrücksitzbank etwas zurück. 
Mein TukTuk hält plötzlich an einem kleinen Busbahnhof, wo mir gleich ein Herr entgegenkommt, der anscheinend auf mich gewartet hat. Meine Frage, ob dies mein Bus sei wird mir positiv beantwortet. Ich kann mein Glück kaum fassen und schüttel meinem Fahrer überschwinglich die Hand, der strahlen und sichtlich stolz die Wörter: „I fast, fast.“, wiederholt. Ich schüttel im noch einmal die Hand, verstaue meinen Rucksack im Bus und nehme auf meinem überaus bequemen zwei Bussitzen Platz, wo ich mich mit drei Wolldecken von der Klimaanlagenkälte zu schützen versuche. Ich halte kurz inne und lasse Revue passieren, was gerade passiert ist. Es ist wieder alles gut geworden. Irgendwie scheinen meine Schutzengel und sonstigen Engel wirklich gute Arbeit zu leisten. Ich bin dankbar für die Hilfsbereitschaft, ohne die ich diesen Bus nie bekommen hätte. Aus Situationen wie dieser lerne ich wieder, wie wichtig es ist, sich von seiner Verzweiflung in manchen Momenten nicht übermannen zu lassen, sondern entweder konstruktiv über Alternativpläne nachzudenken und/oder einfach darauf zu vertrauen, dass es schon irgendwie klappen wird. Was hätte mir schlimmstenfalls passieren können? Ich hätte den Bus verpasst. Ärgerlich, aber im Endeffekt auch nicht wirklich dramatisch. Gerade die Ankunft und die erste Zeit in einem völlig neuem Land kann sehr anstrengend, verwirrend und beängstigend sein. Aber ich habe wieder gesehen, dass sich so vieles fügt und wiedererwarten funktioniert. 

Nach knapp über 10 Stunden komme ich in den Bergen in dem nördlichen Teil Himachal Pradesch an. Es ist so schön ruhig hier und ich bin einfach nur froh, raus aus Delhi zu sein. Meine Freundin, die ich vor über einem Jahr auf Sri Lanka kennen lernte und seit dem nicht mehr persönlich gesehen hatte, schickte mir in den letzen Tagen Bilder, um mir den Weg zu unserem Gästehaus ohne Adresse zu schicken. Nachdem ich mich in einem kleine Café am Busbahnhof von McLeod in Dharamsalla mit köstlich süßem Chai-Tee und einem Omlett gestärkt hatte, mache ich mich mit dem Taxi und zu Fuß auf den Weg, die Unterkunft zu suchen. Um mich herum sind wunderbare Wälder und BErge, die teilweise sogar mit Schnee bedeckt sind. Es ist ruhig und die Luft ist klar und frisch. Ich wandere einen kleinen Weg entlang, wo mir meine Freundin zufällig in die Arme läuft, die gerade auf dem Weg zum Yoga ist. Wir fallen uns überglücklich in die Arme und können es gar nicht glauben, dass wir uns hier nun wirklich wieder sehen und zufällig zur gleichen Zeit in der Nähe von einander Yoga machen. 

Ich beziehe mein kleines Zimmer für lächerliche 3,50€ mit wunderbaren Blick auf die Berge und bin einfach nur unsagbar erleichert, nach zwei abenteuerlichen Tagen seit meinem Abflug aus Kapstadt hier angekommen zu sein. Ich schlafe glücklich und übermüdet ein und bin froh, hier an diesem Ort in diesem Moment zu sein. 
Indien, hier bin ich nun und ich bin gespannt, auf welche Reise du mich schickst!

Fragen an dich:

Erinnere dich an die Ankunft in einem neuen Land zurück! Wie hast du dich gefühlt? Was sind deine ersten Erlbenisse gewesen? Was war deine letzte Erfahrung mit einer Situation, in der alles schief zu laufen schien und im Endeffekt doch alles gut geworden ist? Wie gut gelang es dir, einfach zu vertrauen? Was waren deine GEdanken? Warum wurde im Endeffekt doch alles gut?

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Ein Gedanke zu “Chaotische Ankunft in Indien und wie dann doch alles wieder gut geht

  1. War ja wieder eine abenteuerliche Reise, hat aber wie immer bei Dir wunderbar geklappt! Die nächsten Wochen wirst Du sicher keinen Reisestress haben.
    LG Dein Papa

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