Wieder eine Schülerin – Anfangsschwierigkeiten des Yogalernens

Zwei Wochen meiner Yogalehrerausbildung sind nun vorbei. Ich sitze auf meinem Balkon in der Sonne und genieße den wunderschönen Ausblick auf die Berge. Die Gegend hier im Himalaya ist sehr naturbelassenen und strahlt eine kraftgebende Ruhe aus. Es finden sich an diesem Ort im Raum Daramshalla unzählige urlaubmachende Inder, Reisende aus der ganzen Welt, Pilgernde, buddhistische Mönchen und Nonnen, Tibeter, indische Bewohner. Eine interessante Mischung. Es ist ein Ort zum Zurückziehen, zum Krafttanken, Natur erleben, Menschen begegnen, die unterschiedlichsten Dinge lernen (Instrumente, Hindi, Buddhismus, Meditation, Yoga, Massage, natürliche Heilverfahren, etc.), zum hängen bleiben und sich selber suchen und vielleicht sogar finden. In den ersten Tagen treffe ich eine Freundin, die hier zur gleichen Zeit zufällig zum Yoga ist. Ich lernte sie, ihren Vater und Bruder auf ihrer gemeinsamen Reise vor 1,5 Jahren auf Sri Lanka kennen. Wir feierten gemeinsam Weihnachten, führten unglaublich schöne Gespräche, bestiegen in der Nacht einen Pilgerberg. Für mich war es eine sehr wertvolle Begegnung. Umso schöner war es, sie nun hier in Indien wieder zu sehen.

Eigentlich bin ich an einem perfekten Ort, um mich für einen Monat dem Yoga und mir selber zu widmen. Wenn da nicht die Herausforderungen wären, mit denen ich mich in den letzten zwei Wochen konfrontiert sah. Es sind Herausforderungen, mit denen ich so absolut nicht gerechnet hätte:
Es ist Freitag. Morgen soll es losgehen mit meiner Yogaausbildung. Ich habe plötzlich sehr große Zweifel. Warum bin ich nur deswegen nach Indien geflogen? Warum mache ich eigentlichh gleich eine Yogaausbildung, wo ich doch nur hin und wieder Yoga praktiziert habe in den letzten Jahren. Mein Zimmer ist hässlich und die Yogaschule sieht auch nicht besonders einladend aus. 
In den ersten Tage mache ich Bekanntschaft unter anderem mit zunächst sehr seltsamen Atemübungen, die man sicherlich nicht gemeinsam beim ersten Date unternehmen sollte. Im Halbkreis sitzend schnauben und rotzen wir uns die Luft aus dem Leib, was Körper und Geist reinigen soll. Die Gewöhnung an diese Praxis jeden Morgen um 5:50 Uhr kommt jedoch überraschend schnell. Auf dem Programm steht außerdem Anatomie, die „Yogadidaktik“, Yogastunden, Atemübungen, Chanten oder Meditation. Alles eigentlich eine runde Sache, wenn da nicht mein Lehrer, der gleichzeitig der  Yogaschulenbesitzer wäre, der mich immer wieder richtig zur Weißglut bringt. Er ist ein kleiner, sehr schmaler indischer Yogalehrer, ich schätze sein Alter auf 70 Jahre. Er kann sich verbiegen wie ein Weltmeister und macht auf alle Fälle einen guten Job in seinen Yogastunden. Sein Organisations- und Kommunikationstalent lässt jedoch sehr zu wüschen übrig. Ein Teil ist vielleicht kulturbedingt aber das größte Problem sehe ich in seinem Charakter selber. Für mich macht er einen sehr erschöpften, lustlosen, uninspirierten, kühlen und distanzierten Eindruck. Alles andere als was ich mir erhofft hatte. Ich wünschte mir doch Inspiration pur. Unter einem Yogi hatte ich mir etwas anderen vorgestellt. Sollte er nicht Wärme ausstrahlen und seine SchülerInnen auf ihrem geistig-physisch-spirituellen Pfad begleiten? Jeden Monat bietet er seit Jahren Yogaausbildungen an. Es ist vielleicht kein Wunder, wenn man irgendwann keine große Lust mehr hat. 

Nach sech Monaten in Afrika könnte man meinen, dass ich mich an die Unorganisiertheit gewöhnt habe. Habe ich aber leider nicht. Am Anfang herrscht in meinen Augen Chaos, wichtige Bücher für uns sind erst nach Tagen da, Yogalehrer sind irgendwo stecken geblieben oder können sich das Flugticket nach Indien gerade nicht leisten, dauernd werden Dinge geändert. Dazu kommt das unglaublich kalte und ungemütliche Wetter und das Fehlen an Orten, wo man sich etwas aufwärmen kann (sogar mein Zimmer ist eisekalt). Dies alles lässt meinen Geduldsfaden immer wieder aufs Neue reißen, wobei ich ihn kurz vorher mühsam wieder zusammen geknüpft hatte. Vor allem in dem Momenten, in denen unser Lehrer lustloswirkend vor uns sitzt und die einzelnen Schritte der Yogaübungen monoton runterrattert, nach jedem zweiten Satz sagt: „Das müsst ihr gar nicht aufschreiben, das steht im Buch.“ Es macht mich wütend und verwirrt. Ich führte in meiner Zeit in der Schule bei Weitem keinen perfekten Unterricht durch. Dennoch lernte ich sehr viel darüber, wie man Unterricht gestalten solle, damit die SchülerInnen auch etwa lernen. Seine „Lehre“ war eine Beleidigung gegenüber all der Didaktik, die ich je gelehrnt hatte. Ich fühle in diesem Moment sehr mit all den SchülerInnen, die in der Schule sitzen und es mit einer schlechten Lehrerpersönlichkeit zu tun haben. Mein Yogalehrer löst in mir so viel negative Energie, Wut und Frust aus. Die Unorganisiertheit, die kalte und uninteressierte Energie seinerseits, das Wetter, die Enttäuschung führen bei zu mir viele negative Gefühle und Verzweiflung. Am liebsten würde ich alles hinschmeißen.

Ich äußere immer wieder Verbesserungsvorschläge und erhebe letztlich meine Stimme, um meine Gefühle und die der gesamten Gruppen bezügich der Unorganisiertheit und Unprofessionalität zu äußern inklusive Verbesserungsvorschlägen. Es wird mir eines plötzlich bewusst: Als ich selber zur Schule ging war ich eher eine derjenigen, die sich anpasste, nie mit Lehrern aneinandergeriet und eine gute Schülerin nicht nur auf Grund von Fleiß und Intelligenz war, sondern auf Grund meiner Fähigkeit, mit Lehrern, auch die der nervigen und ungerechten Sorgen oberflächlich gesehen zurecht kam. Nun sitze ich hier auf dem Fußboden der Yogahalle, ein Jahrzehnt nachdem ich die Schule verlassen habe und stelle mal wieder fest, wie sehr ich mich doch verändert habe. Ich kann nun meinen Mund aufmachen, sagen, was mich stört auch wenn ich mich damit vielleicht unbeliebt mache. Ich habe nicht die Einstellung, „ach es ändert sich doch eh nichts“. Wenn es eine Sache ist, die ich in den letzten Jahren gelernt habe: Wenn ich den Mund aufmache, Dinge auf den Tisch bringe, mich für eine Sache einsetzte, meine Meinung äußere und riskiere, mich bei der einen oder anderen Person unbeliebt zu machen, dann können sich Dinge sehr wohl verändern. Ich kann die Persönlichkeit meines Lehrers nicht verändern, aber vielleicht ein wenig die Organisation.

Mein Lehrer hört mir mit müdem Gesichtsausdruck zu. Als ich fertig bin sagt er nichts, sondern erklärt einfach die nächste Yogaübung, als wäre nichts gewesen. Am nächsten Tag hängt unten ein schwarzes Brett mit den neusten Ankündigungen, mein Lehrer hat sich auf einem Zettel die Seitenzahlen der verschiedenen Übungen aufgeschrieben und muss nun nicht mehr minutenland im Buch rumblättern. In mir hat sich etwas gelöst. Alleine, dass ich das Problem verbalisert habe hat mir geholfen, eine viel positivere Einstellung zu gewinnen. Ich versuche meinem Lehrer freundlicher zu begegnen und akzeptiere nun mehr oder weniger, dass diese Erfahrung eben die ist, die sie ist. Die Sonne scheint nun täglich, das Frühstück nehme ich in der Morgensonne mit schöner Aussicht ein, schreibe an meinem Buch und tanke Energie. Ich merke von Tag zu Tag, wie mein Körper stärker wird, ich biegsamer werde. Ich ernähre mich gesund und genieße die Ruhe und das Verweilen an einem Ort. Die dritte Woche beginnt überraschend positiv. Ich entdecke den Humor meines Lehrers, er wirkt viel gelöster, ich bin weitaus entspannter. Ich habe mal wieder gelernt, wie wichtig es ist, für eine Weile unangenehme Zeiten durchzuhalten, um wieder am Licht anzukommen. Ich habe außerdem wieder gelernt, dass man bis zu einem bestimmten Punkt Dinge ändern und ansprechen kann und es dann manchmal einfach  wichtig ist, das beste aus einer Situation zu machen und sich nicht von der Enttäuschung übermannen zu lassen. Aus jeder Erfahrung kann man etwas lernen und auch wenn ich mir schönere Umstände erhofft habe, kann ich auch hieraus wieder etwas lernen.

Ganz besonders freue ich mich über folgende Geschichte, welche die Wichtigkeit vom „Chancengeben“ sehr gut verdeutlicht.
Ajay (Name geändert) ist extra aus dem Süden Indiens hier in den tiefen Norden gereis, um in meiner Yogaschule Unterricht zu geben. Auf Grund meiner fehlenden Erfahrung empfinde ich seinen Unterricht nicht als schlecht. Im Gegensatz zu meinen MitschülerInnen, die sich lauthals beschweren. Meine zwei „Hatha-Yoga-Kollegen“ wollen eigentlich gar nicht mehr zum Unterricht kommen und sich beim Yogaschulenbesitzer beschweren, um Ajay in den Wind zu schießen, ohne ihm vorher ein konstruktives Feedback zu geben. „Das ändert doch eh nichts. Wir mögen seinen Yogastyle einfach überhaupt nicht.“ Ich finde das nicht wirklich gerecht, vor allem weil Ajay doch so ein lieber Kerl ist. Ich schlage vor, dass wir ihm ersteinmal ein paar Verbesserungsvorschläge geben, damit er in einer weiteren Stunde die Möglichkeit hat, etwas zu verändern. Ein paar Tage später spreche ich mit einem meiner Mityogaschüler, der zu mir begeistert sagt: „Heute hatte ich die vielleicht beste Yogastunde meines Lebens mit Ajay, der vielleicht einer der besten Yogalehrer ist, die ich je kennen gelernt habe.“ Ich bin ganz gerührt und freue mich, dass wir ihm eine Chance gegeben haben, obwohl die anderen zunächst so skeptisch ihm gegenüber waren.
Ich bin gespannt, was ich in den kommenden zwei Wochen noch alles lernen werde. Fortsetzung folgt…

Fragen an dich:

Erinnere dich an eine Sache, auf die du dich sehr gefreut hast (eine weitere Ausbildung, ein Seminar, etc.)) und durch die du lernen wolltest und letztendlich enttuscht warst. Warum warst du enttäuscht? Wie bist du mit der Situation umgegangen? Was hat sich vielleicht im Laufe der Zeit verändert? Was hast du von dieser Erfahrung mitgenommen? Was macht für dich eine gute lehrende Person aus, von der du wirklich etwas mitnehmen kannst und die dich in ihren Bann zieht?  Wann hast du das letzte Mal jemanden eine zweite Chance gegeben und wurdest dadurch positiv überrascht? Wann wurde dir das letzte Mal eine zweite Chance gegeben? 

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