Eine Reise mit meinem Körper 

Diese Geschichte verfasste ich bereits vor zwei Wochen.

Noch nie zuvor habe ich mich auf diese Art und Weise und so intensiv körperlich betätigt wie in den letzten 5 Wochen hier in Indien. In mir schlummerte schon eine ganze Weile der Wunsch, meinem Körper etwas Gutes zu tun, mich mit ihm auf produktiver Ebene zu beschäftigen und meinem Ziel etwas näher zu kommen, meinen Körper mit meinem Geist zu vereinen. Meine äußere Hülle und ich haben uns erst in den letzten Jahren einigermaßen angefreundet. Von „ich will dich absolut nicht sehen und spüren“ bis hin zu „ach, eigentlich mag ich doch“ war seit meinem vielleicht 10. Lebensjahr eigentlich alles dabei. Überwiegend jedoch leider negative Gefühle, was sich in unzähligen Diätversuchen, den Körper am liebsten versteckenwollen, das Gefühl nicht so schön wie schlanke Mädchen zu sein, den Gedanken, dass ich erst mit weniger Gewicht auf der Wage glücklich bin und die Jungs Mädchen mit so vielen Rundungen eh nicht mögen, äußerte.  So viele Jahre meines Lebens verbrachte ich damit, meinen Körper nicht zu akzeptieren, unbekleidet alles andere als gerne in den Spiegel zu schauen und die Hülle am liebsten umtauschen zu wollen. Woher diese Nichtakzeptanz kommt ist sicherlich vielschichtig, Psyche, Gesellschaft, das vermeintliche Idealbilld der Frau, geringes Selbstbewusstsein als Teenager. Erst seit ein paar Jahren habe ich das Gefühl, mich auf einen konstruktiven und produktiven Weg mit und zu meinen Körper zu machen. Ich möchte mich als „eins“ fühlen – meinen Geist mit meiner äußeren Hülle verbinden und mich dadurch insgesamt verbundenerfühlen. Dazu gehörten verschiedene Körpererfahrungen und die für mich überraschende Erkenntnis, dass mein Körper von nicht wenigen Männern als schön empfunden wird, was ich mir so lange nicht so wirklich vorstellen konnte.

Die letzten Wochen waren ein wichtiger Abschnitt auf diesem Weg. Bereits vor einigen Monaten kam mir während meiner Reise durch Afrika in den Sinn, mich intensiv mit Yoga zu beschäftigen. Was ich von Yoga bis dato wusste war, dass diese „Technik“, genau das bewirken soll, was ich mir so sehr wünsche: Das Zusammenbringen des Geistes und des Körpers. Ich hatte bereits vereinzelte Erfahrungen im Yoga gemacht in den letzten Jahren und wünschte mir nun eine intensive Erfahrung. Ich freundete mich mit einer südafrikanischen Reisenden in Malawi an, die zufällig passionierte Yogalehrerin ist, sah dies alles als Zeichen an und meldete mich an der von ihr empfohlenen Yogaschule in Indien für eine Yogaausbildung an, denn ich wollte tief eintauchen. Und was bietet sich besser an als eine lange Reise, bei der man sehr viel Zeit hat, um sich mit Dingen intensiv zu beschäftigen und zu lernen? Auch wenn die Ausbildung auf vielen Ebenen leider nicht meinen Erwartungen entsprach, habe ich mich durch sie so intensiv wie wahrscheinlich noch nie in meinem Leben tagtäglich mit meinem Körper in einer sehr produktiven Art und Weise beschäftigt. Ich habe meine Grenzen gespürt, ein besseres Gefühl dafür bekommen, wann ich einfach nur faul bin, oder wann mein Körper wirklich eine Pause braucht. Ich habe mich aufgerafft, ich verbogen, versucht durchzuhalten, ausgehalten, mich gesund ernährt, theoretisches Wissen über meinen Körper gelernt, starke Erschöpfung und Unbeweglichkeit erlitten. Bewegungen und Positionen, die mir am Anfang noch viel zu schwierig und anstrengend erschienen, gingen am Ende viel leichter und natürlicher von der Hand. Sicherlich hatten meine häufig auftretenden Emotionen auch etwas mit der Ausbildung an sich zu tun. Allerdings sollen auch die Yogaübungen an sich bestimmte Emotionen auslösen. Ich glaubte nicht so wirklich dran bis ich eines missmutigen Tages in einer Yogaübung die sehr anstrengend war und ich durchhalten wollte in bitterliche Tränen ausbrach. Ich kann zum jetzigen Zeitpunkt erst erahnen, welche Auswirkungen Yoga für mich haben kann, wenn ich der Philosophie und Praxis weiterhin treu bleibe. Es hat sich für mich ein Raum geöffnet, den ich unbedingt weiter entdecken möchte. Denn es ist nicht nur ein Sport, sondern es ist eine ganze Lebensphilosophie, die dahinter steckt. Und auch wenn ich Schwierigkeiten habe, an viele der „Yogasutras“ (ich nenne sie einfach mal Yogagesetze) zu glauben, macht die ganzheitliche Betrachtung des Menschen durch die Yogaphilosophie sehr viel Sinn. 

Am Ende meiner Zeit im wunderschönen Bundesstaat „Himachal Pradesch“ am Fuße des Himalayagebirges kam ich endlich dazu mir einen Wunsch zu erfüllen, den ich seit Anbeginn meiner Reise habe: Mich auf eine mehrtägige Wanderung zu begeben. Nun mag dies nicht außerordentlich spektakulär für den einen oder anderen erscheinen. In meinem Kopf war es jedoch zuvor immer eine Herausforderung. 
Ich hatte das Bedürfnis, meinen Körper nun wirklich an seine Grenzen zu bringen durch das Wandern, eine völlig andere körperliche Betätigung als das Yoga. Wir wanderten circa 55km durch das Gebirge, teilweise stundenlang steile und unregelmäßige Steinstufen bergauf, sowie entlang eines steilen Flußbettes. Wir liefen durch Wälder, vorbei an unzähligen Schafs- und Ziegenherden, durch menschenleere Täler, wir passierten kleine Bergdörfer, übernachteten an einem stillen Gletschersee und wanderten in der natürlichen Stille, die mich durch wunderbare Geräusche der Natur bezauberte. Wir liefen die meiste Zeit ohne zu sprechen und ich genoss diese Ruhe und das meditative „ein Fuß vor den anderen“ – Setzen. Ich war völlig im Moment, dachte nur sehr wenig nach, konzentrierte mich auf meine Schritte, meinen Atem, meinen Körper, auf die Natur. Mich überströmte unglaublich viel Glück und ich wusste, dass ich genau am richtigen Ort war. Meiner Begleitung ging es leider ganz anders, im Gegensatz zu mir konnte sie das Wandern nicht genießen. Sie hatte andere Erwartungen, sie war von der Yogaausbilgung komplett erschöpft. Sie sagte mir, sie hätte ihre Kräfte überschätzt. Sie war frustriert mit sich selber, fast schon wütend in manchen Momenten. Sie kämpfte gegen sich selber und nicht mit ihrem Körper gemeinsam. Ich hingegen hatte meine Energie unterschätzt. Am zweiten Tag lief ich noch alleine zur Schneegrenze, weil ich noch so viel Energie hatte. Die Sehnsucht, endlich wieder Schnee zu sehen und zu fühlen trieb mich den Berg hinauf. An meiner Seite einer der zwei Hunde, die seit dem Aufbrechen am Morgen im Dorf nicht mehr von unserer Seite wichen. Er wollte mich beschützen und begleitete mich den ganzen Nachmittag über. Der Schnee glänzte im Abendlicht und ich setzte mich zwischen die Gletschersteine in das saftgrüne Gras mit einem fantastischen Blick auf das malerische Tal. Ich war glücklich, an diesem Ort alleine zu sein, fern ab von der schlechten Stimmung meiner Wanderbegleitung, von der ich mich schützen wollte. Mich überströmte erneut ein Gefühl von Glück, Stolz und dem völlig Zufriedensein mit mir allein zu sein in diesem Moment in der Natur. Ich wusste schon immer, dass die Natur einen ganz besonderen Effekt auf mich hat. Aber während dieser drei Tage in der Natur wurde mir dies noch einmal sehr intensiv bewusst. Am dritten Tag wanderten wir 11 Stunden, weil wir kein Verkehrsmittel nehmen wollten. Wir wollten den ganzen Weg schaffen. Ich kam an meine Grenze, fühlte mich zwischenzeitlich körperlich elend und schaffte es wundersamerweise, von irgendwoher weitere Energie zu bekommen, um immer weiter zu laufen und mich irgendwann fast wie automatisch zu bewegen. Ich hatte Vertrauen in unsere zwei Guides und machte mir nur sehr wenige Gedanken über das Ankommen. Meine Wanderbegleitung wurde jedoch von ihren Emotionen und ihrer Erschöpfung, ihrer Wut über sich selber übermannt und konnte nicht vertrauen, weder unseren Guides, noch sich selber. Sie bekam Angst, nicht auf dem richtigen Weg zu sein und es vielleicht nicht zu schaffen. Bei unserer Ankunft war ich sehr glücklich und fühlte mich sehr ausgeglichen. Ich hatte es geschafft. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt an das AUfgeben gedacht und habe eine Tour geschafft, die normalerweise in vier Tagen und nicht in drei gemacht wird. Ich war stolz und überrascht von meinem Körper, wozu er in der Lage ist und das meine Willenskraft auch auf körperlicher Ebene Berge versetzen kann. An so vielen Momenten habe ich an meine SchülerInnen gedacht, die wir während unseres Schüleraustausches in Bosnien und Herzegowina den Berg hochscheuchten. Besonders eine Schülerin werde ich nie vergessen, die zunächst unter Wuttränen aufgeben wollte und es dann doch geschafft hat und unfassbar stolz war. Diese Wanderung und die damit einhergehende physische Erfolgserfahrung war für sie der Höhepunkt des ganzen Austausches. In Momenten, in denen ich beim Wandern etwas wehleidig mir selbst gegenüber wurde habe ich an diese Schülerin gedacht und war für mich selber die Stimme, welche damals dieses Mädchen antrieb, weiter zu laufen und sich zusammen zu reißen.
Ich habe gelernt, dass es manchmal wichtig ist, sich selber von den negativen Gefühlen anderer zu schützen, wenn man selber gerade völlig im Moment ist. Und das ohne schlechtes Gewissen. Ich habe wieder gespürt, wie gut mir die Natur tut und dass ich durch das intensive Wandern in einen Zustand komme, der mir nur bei sehr wenigen Tätigkeiten glückt: Im Moment zu sein und nicht viel nachzudenken. 

Ich arbeitete in den letzten fünf Wochen bewusst mit meinem Körper und nicht gegen ihn. Ich gab ihm Ruhe, Bewegung, gesundes Essen, weniger Süßes, Natur, positive Aufmerksamkeit. Ich habe nun das Gefühl, auf einem guten Weg zu sein, mich in meiner „Hülle“, die viel mehr ist als nur das, Stück für Stück wohler zu fühlen. Ich bin stolz auf meinen leistungsfähigen Körper, der zwar noch nicht die verbogensten und kraftvollsten Yogaübungen schafft, aber bereits einiges gelernt hat. Ich bin stolz auf die gute Zusammenarbeit meines Geistes mit meinem Körper. Denn dieses tolle Team schafft gemeinsam anscheinend ziemlich viel. Ich fühle mich gerade viel wohler in meinem Körper und habe viele Pläne für ihn und meinem Geist, denn dies ist erst der Beginn einer aufregenden und konstruktiven gemeinsamen Reise und hoffentlich einer innigen Freundschaft, die so leicht nichts mehr erschüttern kann.

Fragen an dich: 

Wie wohl fühlst du dich in deinem Körper? Was denkst du über ihn? Fühlst du dich ihm gegenüber verbunden? Warum glaubst du, hast du diese Gefühle bezogen auf deinen Körper? Hast du dich schon einmal intensiv (und konstruktiv) mit deinem Körper beschäftigt? Was war dies und was hat es in dir ausgelöst? Wann bist du das letzte Mal körperlich über deine eigenen vermeintlichen Grenzen hinausgewachsen? Was hat dich dazu motiviert? Was hat dir beim Überwinden deiner Grenzen geholfen? Wie sieht deine persönliche Reise mit deinem Körper aus? Was würde deinem Körper gerade gut tun? Was hindert dich gerade wirklich daran, es ihm zu geben?

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