Unterwegs in Geschwisterschaft – Begegnung in Mosambik und Südafrika

Ich weiß nicht, warum ich für die Veröffentlichung dieser Geschichte so lange gebraucht habe. Vielleicht, weil sie sehr sehr persönlich und die Emotionen dahinter sehr komplex sind. Ich habe etwas gezögert. Aber sie ist ein sehr wesentlicher Teil meiner Reise, sowie mein Bruder Konstantin ein unfassbar wichtiger Teil meines Lebens ist. Die Geschichte ereignete sich im Februar/Januar in Mosambik. 


Vier Tage bin ich insgesamt mit kleinen und großen Bussen sowie einem Lastwagen, der mich gegen einen kleinen Obolus mitnimmt, durch Malawi und Mosambik unterwegs, um meinen Bruder Konstantin im Norden Mosambiks endlich in die Arme schließen zu können. Die Strapazen und Erlebnisse der letzten Tage und das langersehnte Wiedersehen mit meinem Bruder machten mich emotional. Wie sehr sehnte ich mich in den letzten Monaten nach einer sehr vertrauten Person. Wir schlenderten gemeinsam durch die Straßen der relativ uninteressanten Stadt Nampula, aßen wahrscheinlich insgesamt 20 Mal aufgetautes Schokoeis aus dem Supermarkt, scherzten herum und genossen unser Wiedersehen. Wir waren zuvor noch nie zu zweit gereist und ich wusste, dass mein Bruder mit einer gewissen Skepsis gegenüber unserer Reisekombartibilität dieses Abenteuer antrat. Umso mehr freute ich mich, dass er dem Ganzen eine Chance gab.
Die ersten Tage war eine Zeit des sich aneinander Gewöhnens und Einlassens. Am gleichen Tag, als ich meinen Bruder wiedertraf,, lernte ich eine 35-jährige Reisende aus England mit indischen Wurzeln kennen: Reshma, eine wunderbare, sensible, unkomplizierte und positive Frau, mit der wir unsere ersten 10 gemeinsamen Tage in Mosambik verbrachten. Sie war wahrscheinlich ein wichtiger Faktor, dass mein Bruder und ich uns besser aufeinander einlassen konnten ohne die ganze Zeit nur uns zu haben.
„Wie hast du das nur fünft Monate aushalten können?“, fragte mich mein Bruder entsetzt, als wir unsere erste gemeinsame sechsstündige Minibusfahrt mit einmal Umsteigen, unzähligen Wartemomenten, Eingequetschtsein und Schwitzten endlich hinter uns gebracht hatten. Ich war selber erstaunt darüber und gleichzeitig fand ich es etwas amüsant, dass er bereits nach dieser einen Fahrt bereits genug hatte von dieser Art zu Reisen. „Deswegen bleibe ich meist lieber an einem Ort und erkunde.“ , erklärte er mir. Dies war eine wichtige Sache, in der er mich inspiriert hat: An einen Ort für länger mit einem bestimmten Vorhaben zu reisen. Er tat dies letztes Jahr in Palästina mit dem Ziel, besser Arabisch zu lernen und Musik zu machen und wird es nach unserer gemeinsamen Zeit in Libanon für den gleichen Zweck tun. Ich denke oft über seine Worte nach und frage mich selber, warum ich eigentlich wahrscheinlich die Hälfte meiner Zeit hier in Bussen und anderen unzumutbaren Verkehrsmitteln verbringe. Ich erinnere mich an meine Zeit in Uganda zurück, die mir auf Grund des Anhaltens und Wahrnehmens, des länger Verweilens und der Projektarbeit so gut tat. Ich frage mich, ob ich gerade wirklich das richtige tue und was mich dazu antreibt, immer weiter, immer weiter zu ziehen. Warum ich nicht einfach an einem Ort bleibe. Warum ich eigentlich so viel rumreisen möchte. Nur um vermeintlich irgendwo anzukommen? Sind die geografischen Ziele vielleicht etwas woran ich mich beim Reisen klammern möchte, um das Gefühl zu haben, überhaupt Ziele zu haben. In der Retroperspektive kann ich sagen, dass Reisen für mich beides ausmacht: Das Verweilen und das Weiterziehen. Beides ist wichtig, beides hält für mich die unterschiedlichsten Erfahrungen bereit, durch beides kann ich auf ganz unterschiedliche Art und Weise über mich und über das Leben lernen. Aber zu dem Zeitpunkt mit meinem Bruder zweifle ich daran, ob nicht gerade eben das Verweilen richtiger für mich wäre.

 

 

Mein Bruder inspiriert mich während unserer gemeinsamen Zeit unglaublich mit seinem Willen, ein Musiker zu werden und sich musikalisch weiter zu entwickeln. Seit meiner Kindheit träume ich davon, eine Sängerin zu werden und auf Bühnen zu stehen. Beim Trällern von Solopassagen im Kinder- und Jugendchor meiner ehemaligen Kirchengemeinde träumte ich stets davon, irgendwann einmal entdeckt zu werden. Ich wünschte mir als vielleicht 10-Jährige ein Keyboard und experimentierte mit einem albernen Computermusikprogramm für Kinder herum, in dem man kleine digitalisierte Mädchen zu tanzen und zu singen brachte. Alles nur weil ich glaubte, damit meinen Durchbruch als Sängerin zu erlangen. Kurz gesagt: Dieser Traum setzte sich in meinem Kopf fest wie eine Riesenwolke in einem Gebirgszug. Ich weiß nicht, warum ich diesen Traum nie ernsthaft verfolgt habe. Vielleicht traute ich es mir einfach nicht zu, lenkte mich mit unzähligen sozialen Projekten ab und wusste eigentlich nie so richtig, wie ich die ganze Sache angehen konnte. Und dann ist da mein Bruder Konstantin, der sich das Gitarren- und Saxophonspielen selber beigebracht hat, in meinen Augen eine große musikalische Disziplin hat, Lieder auf verschiedene Sprachen komponiert und in Mosambik bei jeder sich bietenden Gelegenheit seine Gitarre zückt und stundenlang spielt und singt. Er versucht ein paar Wörter in der Landessprache „Makua“ zu lernen und macht daraus ein kleines Lied, über welches sich jedes Mal die Menschen unglaublich freuen, denen er es vorspielt. Ich stelle in so vielen Momenten mit ihm fasziniert fest, wie sehr ihn die Musik mit den Menschen verbindet, welch große Freude er ihnen damit machen kann. Viele der Menschen, für die er spontane Konzerte gibt – sei es beim Warten auf das nächste Verkehrsmittel in einem kleinen Dorf oder als Dankeschön für meine mosambikanische Gesichtsmaske, haben sonst ganz sicher nicht die Möglichkeit, Livemusik zu hören, geschweigedenn sich ein Konzert zu leisten (welches es in ihrem Dorf und auch Dörfer weiter eh nicht gäbe). Ich bin gerührt von seiner Leidenschaft und seinem Strahlen und das seiner Zuhörer, groß wie klein, die sich meist traubenförmig um ihn versammeln, freudig in die Hände klatschen, jolen und im Takt der Musik mitwippen. Ich bewundere seinen Mut, seine Begeisterung, seine Disziplin und sein Talent. Ich bin stolz auf ihn und freue mich darüber, dass seine Musik bei den Menschen so gut ankommt, auch wenn sie die meisten der Texte nicht verstehen können.

 

 

Es gibt aber auch einen leichten bitteren Beigeschmack: Mein Bruder macht mir bewusst, wozu ich anscheinend bisher nicht in der Lage bin, obwohl ich es mir so wünschen würde. Ingeheim erhoffte ich mir von unserer Zeit in Mosambik, dass wir ganz viel gemeinsam musizieren würden. Enttäuscht stelle ich jedoch fest, dass dieses Interesse in diesem Moment nicht wirklich auf Gegenseitigkeit beruht. In so vielen Momenten würde ich einfach gerne mitsingen und lasse es sein, weil ich Angst habe, zu stören. Erst nach zwei Wochen verstehe ich, dass ich mir eigentlich einen musikalischen Mentor wünsche, mein Bruder dies in meinen Augen war, der aber selber noch tief in seinem musikalischen Entwicklungsprozess steckt. Ich war enttäuscht, dass er mich musikalisch nicht mit aller Kraft fördern wollte, dass er mich nicht ständig ermutigte. Ich wollte von ihm an die Hand genommen werden und war traurig darüber, dass er es nicht tat. Jetzt verstehe ich, dass er es nicht konnte und dass dies auch vollkommen in Ordnung ist. Menschen, die in einer wichtigen Entwicklungsphase stecken brauchen den Raum für eine gewisse Weile für sich alleine, um zu wachsen und können in dieser Zeit anderen Menschen vielleicht nicht gleichzeitig in genau der gleichen Sache beim Wachsen helfen. Das ist eine Erkenntnis, die ich daraus gewann und mit ihr mehr Frieden und Verständnis. Es gibt sie dennoch, die Momente des gemeinsamen Musizierens: Unter dem Sternenhimmel, beim Warten, auf der Dachterrasse oder in einem alten Wassertank aus Stein, in dem die Akkustik uns zu mystischen und wundersamen Klängen verhilft.  Ich genieße diese Momente sehr und fühle mich meinem Bruder in ihnen  sehr nah.

 

 

Das Reisen mit meinem Bruder ist nicht immer einfach und lässt Spannungen, alte Muster, Probleme und Unverständnisse zu Tage kommen, die im Alltag öfter vermieden werden können. Beim Reisen ist man jedoch so viel Zeit zusammen, man erlebt viel und wird jeden Tag mit neuen größeren oder kleineren Herausforderungen konfrontiert. Das beste Umfeld also, um sich wirklich kennen zu lernen in den unterschiedlichsten Sitationen und Stimmungslagen. Ich stelle fest, dass ich irgendwann in meinem Leben in der für mich unliebsamen Rolle der großen Schwester steckengeblieben bin. Obwohl ich nur 2,3 Jahre älter bin als meine Brüder kümmerte ich mich als Kind manchmal um sie, als wäre ich ihre zweite Mutter. Nicht weil ich musste, sondern weil es mir ein inneres Bedürfnis war. Ich habe an ihnen gwissermaßen versucht mit zu erziehen, sodass es erschreckenderweise hin und wieder dazu kam, dass meinen Brüdern mir gegenüber manchmal ein „Mama“ herausrutschte. Ich hatte immer schon eine sehr gute und enge Beziehung zu meinen Brüdern, aber dieses Gefühl des „Großeschwestersein“ bin ich bis heute nie so wirklich losgeworden. Auf dieser Reise wollte ich nun also meinem Bruder gewissermaßen „beweisen“ , dass es cool ist, mit mir zu reisen. Das ich entspannt, flexibel, locker bin und nicht einfach „nur“ die ältere Schwester. Ohne es selber zu wollen verbog ich mich damit etwas. Nicht, weil ich nicht flexibel etc. bin, sondern weil ich meinem Bruder so gerne als Reisebegleiterin gefallen und meiner „alten“ Rolle entfliehen wollte. Das besondere an der Beziehung zu meinen Brüdern ist, dass wir über Dinge offen und ehrlich sprechen können. Es war wichtig für mich zu erkennen, dass ich meinem Bruder gegenüber nicht immer einfach ich selber sein konnte, weil ich ihm während der Reise manchmal gefallen wollte. Weil ich wollte, dass er nicht genervt von mir ist, weil ich wollte, dass ich ihn inspiriere, dass er Spaß mit mir hat. Dass er einfach gerne mit mir zusammen reist.  Er war einfach er selber. Ich erkannte wie verzwickt es teilweise ist, dass wir manchmal Menschen so unglaublich nahe sind, sie so lange und gut kennen und trotzdem in manchen Momenten unsicher gegenüber ihnen sind.


 

Es gibt Momente, in denen uns beiden bewusst wird, wie unterschiedlich wir doch teilweise sind. Während mein Bruder oft einfach sein Ding macht überlege ich erst einmal drei Mal, ob dies auch der „Gruppe“ oder den Menschen um mich herum so passen würde. Aber vielleicht ist dies etwas, was ich einfach ein wenig besser lernen muss. Nicht zu sehr und immer darauf zu achten, wie es anderen bei meinen Entscheidungen geht. Ich denke sehr oft im wir, während er öfter im ich denkt. Es ist schön zu beobachten, wie er im Laufe unserer gemeinsamen Zeit auf seine Art und Weise Zuneigung und Aufmerksamkeit zeigt. Ich merke wieder einmal, dass ich meine Art, mich um andere zu kümmern und ihnen Zuneigung zu zeigen nicht auf alle anderen Menschen übertragen darf um dann enttäuscht zu sein, dass meine Erwartungen nicht erfüllt wurden. Jeder Mensch zeigt es auf andere Art und Weise. Ich fange nach einer Weile an zu sehen, wie er sich um mich kümmert: Mir mein Gepäck abnimmt, mir mit Kuchen eine Freunde machen will, mich in den Arm nimmt als ich traurig bin. Er ist nicht so wie ich, er kommuniziert anders, zeigt seine Zuneigung anders, handelt anders als ich. Und trotzdem gibt es so viel, was uns verbindet.

 

 

Konstantin bringt mich zum Bahnhof, wo ich mich auf den Weg zum Flughafen in Johannesburg machen werde. Ich bin sehr dankbar für diese Zeit mit ihm, nehme ihn in die Arme und sage: „Siehst du, hast du es wirklich einen Monat mit mir ausgehalten.“ „Ich bin auch ganz erstaunt.“, gibt er mir grinsend zurück und wir nehmen uns ein letztes Mal herzlich in die Arme, bevor wir wieder unsere getrennte Wege gehen. Ich habe von dir gelernt, Bruderherz. Du bist jemand, dem das Wort „hätte“ anscheinend vollkommen fremd is – du bereust die Dinge nicht.  Du inspirierst mich, dieses Wort aus meinem Wortschatz zu streichen. Denn es ist kein konstruktives Wort, denn es spekuliert über etwas, was Vergangen ist und nicht wieder rückgängig zu machen ist. Ich finde es wunderbar, wie du auf Menschen zugehst, wie du sie und dich selber mit deiner Musik begeisterst. Wir haben uns auf dieser Reise in einem ganz neuen Umfeld kennen gelernt und veruscht, einander zu verstehen und aufeinander einzugehen. Reisen ist eine intensive Zeit, in der man entweder zusammenwächst oder das Gegenteil passiert. Diese Reise war für unsere Verbindung so wichtig, um den jeweils anderen in einem anderen Licht zu sehen und voneinander zu lernen. Danke, dass du dich auf diesen gemeinsamen Weg eingelassen und ihn bis zum Ende nicht verlassen hast, obwohl du deine Zweifel am Anfang hattest. Danke für deine wundervolle Musik, dein Strahlen, dass du an meiner Seite warst, die gemeinsamen albernen Momente, unsere ehrlichen Gespräche, das zusammen Entdecken, das gemeinsame Durchhalten, dein dich um mich kümmern. Es ist wunderbar, wie du auf die Menschen zugehst, wie du mit ihnen auf ihrer Sprache kommunizierst und ihnen offen und herzlich begegnest.

Ich liebe dich, du wundervoller Mensch!

 

Fragen an dich:

 

Warst du mit deinem Bruder oder deiner Schwester schon mal auf einer Reise? Was hat diese Zeit mit euch gemacht? Welche Themen sind aufgekommen? Was hast du vielleicht Neues über deine Geschwister gelernt? Was hast du über dich neu gelernt durch deinen Bruder oder deine Schwester? Was waren die Herausforderung beim gemeinsam Reisen? Was habt ihr gemeinsam gemeistert?  Inwiefern hat dich dein Geschwisterteil inspiriert? Welche Rollen hattet ihr jeweils inne?

 


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