Begegnung mit einem wundervollem helpoholic auf zwei Kontinenten

Zum zweiten Mal auf meiner Reise schreibe ich eine offene Anfrage auf der Couchsurfingplattform, welche Menschen auf Reisen auf der ganzen Welt die Möglichkeit gibt, privat und kostenlos bei Menschen vor Ort unterzukommen. Ziel ist der interkulturelle Austausch und das Zuhausefühlen und Freudefinden überall auf der Welt. Ein fantastisches Prinzip. Es ist Mitte Februar und ich befinde mich mit meinem Bruder in Johannesburg, Südafrika und suche sehr spontan für den nächsten Tag einen Unterschlupf. Ich bekomme vier Nachrichten, alle von Männern. Alle schreiben ganz nett und trotzdem hätte ich mich mehr gefreut, wenn mir eine Frau geschrieben hätte. Ich schreibe Vishal zurück und teile ihm mit, dass ich sein Angebot gerne wahrnehmen würde. Sein Foto schaue ich mir gar nicht an, dafür seine vielen Referenzen, die mich davon überzeugen, es mit einem vertrauenswürdigen Menschen zu tun zu haben. Ich hätte zwar lieber bei einem Kapstädter gewohnt und nicht bei einem Inder (einfach, weil ich immer gerne Menschen aus dem Land selber kennen lerne), aber wenigstens habe ich einen Schlafplatz. Am Flughafen von Kapstadt angekommen möchte ich ihn am liebsten anrufen und sagen, dass ich doch etwas anderes gefunden habe. Es ist spät am Abend und ich komme nur ungern so spät bei völlig fremden Personen an. Noch am Flughafen von Johannesburg habe ich seine Adresse gegoogelt, um sicher zu gehen, dass er in einer vertrauenswürdig aussehenden und klingenden Gegend wohnt. Ich fand keine Horrorinformatione und überzeuge mich in Kapstadt selber davon, einfach zu ihm zu fahren. Bei ihm angekommen bleibe ich etwas skeptisch im Taxi sitzen und warte, dass er mich dort abholt, um nicht mutterseelenallein im Dunkeln in einer fremden Stadt zu stehen. Ich bin überrascht, als er meine Taxitür öffnet. Vor mir steht ein sehr gut und gar nicht gefährlich aussehender junger Mann, der mir sofort mein Gepäck abnimmt und mich zu seiner Wohnung bringt. Es ist der 14. Februar und ich scherzte vorher noch mit meinem Bruder, dass er mir ja vielleicht ein Valentinstagsabendessen servieren könnte. Wir haben sofort eine angeregte Unterhaltung, sodass ich sogar vergesse, meinen Bruder über meine Ankunft zu informieren und seine Anrufe überhöre.

 

Ich bleibe bei Vishal für zwei Tage, bis mich meine Freundin aus Kapstadt bei sich aufnehmen kann. Ich bin begeistert über meinen Gastgeber und seine Gastfreundschaft. Er bietet mir den Inhalt seines Kühlschrankes an und stellt sicher, dass ich mich wohl fühle. Er zeigt Interesse und öffnet sich mir gegenüber. Vishal erzählt mir von seiner Familie, von seinem Vater, der die Familie verließ, als er 14 Jahre alt war und das schwierige Verhältnis zu seinem Bruder. In Mumbai, Indien besitzt er eine Wohnung, in der sein Bruder und seine Mutter ebenfalls leben. Die Wohnung ist so klein, dass er sich (wenn er gerade nicht in einem anderen Land arbeitet) das ein Zimmer mit seiner Mutter teilt. Er versorgt sie finanziell genauso wie seinen Vater, mit dem das Verhältnis sehr schwierig ist, denn er war nie wirklich für seinen Sohn da und weiß wenig über ihn. Vishal arbeitet sehr hart seitdem er 17 Jahre alt ist, studierte nebenbei einen Bachelor und Master, hat ein Jahr in Mexiko gelebt, 6 Monate auf den Philippinen, liebt das reisen und arbeitet nun in Südafrika als Manager und Berater einer großen indischen Firma. Wir verbringen immer wieder Zeit miteinander, wenn ich in Kapstadt bin, gehen mit seinen Freunden wandern, essen zu Abend, gehen tanzen, verbringen Zeit mit seiner Mutter, als sie am Ende seiner Zeit in Südafrika zu Besuch ist. Das er mich mit seinem Auto zum Flughafen bringt in Kapstadt, von wo aus ich mich auf den Weg nach Indien mache, ist für ihn eine Selbstständigkeit.

 

Vishal ist einer der hilfsbereitesten Menschen, die ich je kennen gelernt habe. Ich taufe ihn „helpoholic“. Er zögert nie auch nur einen kurzen Augenblick, für andere da zu sein. Er möchte, dass sich Menschen wohlfühlen. Er hilft wo er kann, gibt Ausflugstipps, recherchiert, ruft an, regelt, findet heraus, sorgt sich, fragt nach dem Wohlbefinden, kümmert sich, macht anderen Freuden, holt mich ab, erkundigt sich, zeigt Interesse. Ich spüre, wie dies gerade beim Reisen wie Balsam für meine Seele ist wenn es jemanden gibt, der für einen da ist und sich sorgt. Vishal und ich kommen uns näher und schätzen die Gegenwart des jeweils anderen. Und als hätte es das Leben schon vorher gewusst haben wir die Möglichkeit, uns nach meiner Yogaausbildung in Indien, seinem Heimatland wieder zu sehen. Denn er fliegt eine Woche nach meinem Abflug aus Afrika wieder zurück nach Mumbai und meine Zeit in Indien war schon lange bevor ich ihn kennen lernte geplant.

 

In mir kommen trotzdem Zweifel auf, ob ich wirklich zu ihm fahren sollte. Ich habe Angst, entweder zu viele Gefühle zu entwickeln oder dass es seltsam wird und wir uns doch nicht so gut verstehen. Ich habe die Befürchtung, wie ein drittes Rad am Wagen zu sein, wenn er gleichzeitig Besuch von einem mexikanischen Freund bekommt. Ich weiß, dass ich es wagen sollte und dass ich es nicht rausfinden werde, wenn ich mich vor der Begegnung drücke. Ich mache mich schließlich auf den Weg in die Ungewissheit.
Wir verbringen gemeinsam mit seinem Freund aus Mexiko (der sich als unglaublicher lieber Mensch herausstellt und mich durch seine ruhige und gelassene Art sehr inspiriert) über eine Woche in Mumbai und Goa und haben anschließend während meiner letzten Reisewoche in Mumbai viel Zeit füreinander. Auch hier bin ich von seiner Hilfsbereitschafft und Fürsorge überwältigt. Er möchte uns alles zeigen, uns das beste Essen probieren lassen, kümmert sich um alle Schwierigkeiten, läuft neben mir auf der Straße, um mich davor zu bewahren, über den Haufen gefahren zu werden. An einem Tag bietet er an vorzulaufen, um sich nach den Öffnungszeiten zu erkundigen, damit wir die fünf Minuten nicht vergebens laufen müssen. Er möchtest, dass wir uns wohl fühlen und nimmt dafür in vielen Momenten in Kauf, dass es für ihn selber vielleicht etwas unbequemer, anstrengender wird. Er inspiriert mich in dieser Hinsicht sehr. Ich bin selber ein „Kümmerer-Typ“, aber ich muss mir eingestehen, dass ich es nicht in dem Maße tue, wie er es tut. In meiner letzten Woche verbringen wir ein ganzes Wochenende gemeinsam. Er versucht mir auch nur die kleinsten Wünsche zu erfüllen und geht abends noch einmal extra raus, um uns Eiscreme zu kaufen. Es sind so viele kleine Dinge die ich gar nicht alle aufzählen kann, durch die er seine Fürsorge und seine Wertschätzung für mich und andere zeigt. Oft hat er ein ernsthaftes Gesicht und er scheint in einer anderen Welt zu sein, versunken in seinen familiären Sorgen und Gedanken. Ich möchte ihm so gerne helfen und es tut mir selber weh, dass er nicht den familiären Rückhalt hat, den ich ihm wünschen würde.

 

Und auch wenn Vishal manchmal eher von der ruhigen Sorte ist haben wir immer wieder schöne Gespräche, in denen er sich mir gegenüber mehr und mehr öffnet. Manchmal fühle ich mich etwas schlecht, weil ich ihn etwas herausfordere, sich zu öffnen. Aber wahrscheinlich braucht er es. Manchmal sagt er einfach nichts, aber ich weiß, dass es in ihm arbeitet und er sich seine Gedanken macht. Er sagt von sich, mit dem Fluss zu gehen und nun an einem Punkt zu sein nicht so richtig zu wissen, in welche Richtung es im Leben gehen soll. Er sorgt sich um seine Mutter und möchte für sie da sein, sie nicht alleine lassen. Aber gleichzeitig möchte er nicht in Indien bleiben. Er ist an einen Punkt angekommrn, wo er das Bedürfnis einer Veränderung spürt aber nicht so wirklich weiß, in welche Richtung er gehen soll. Ich bin beeindruckt davon, wie sehr er seine Familie trotz aller Umstände seit Jahren finanziell unterstützt und für sie mitarbeitet, obwohl er abgesehen von seiner Mutter nicht wirklich Dankbarkeit erhält. Es zeigt mir mal wieder eine ganz andere Lebensrealität.

 

Ich lerne in der Begegnung mit Visahl wieder einmal, wie wertvoll es ist, Menschen um sich zu haben gerade beim Reisen, die sich um einen sorgen. Es gibt mir das großartige Gefühl, nicht alleine zu sein und egal was passiert jemanden zu haben, der sich um mich kümmern würde. Es lehrt mich wieder einmal, nicht jeder Beziehung einen Aufkleber aufdrücken zu wollen. Es gibt so viele verschiedene Arten von Beziehungen, und so wenige Worte, um ihnen Namen zu geben. Aber ist das so wichtig? Ich habe seit meiner 5,5 jährigen Beziehung einige tolle Männer kennen gelernt, die mich alle auf ihre Art und Weise etwas gelehrt haben, mir gezeigt haben, wer ich bin, wer ich sein kann, was ich möchte, was mir bei einem Mann wichtig ist. Alle diese Begegnungen waren wichtig für mich und meinen Weg als Frau. Natürlich kommen mir Fragen im Kopf auf, die mit „was wäre wenn“ beginnen. Ich male mir Dinge aus und verurteile mich gleichzeitig, dass ich nicht einfach nur den Moment genießen kann. Ich frage mich, was ich empfinde und will auch meinen Empfindungen einen Namen geben. Ich kann es nicht und wahrscheinlich ist das auch alles nicht so wichtig. Beim Reisen lernt man auch, los lassen zu können: Orte, Menschen, Momente, Erinnerungen. Man übt sich daran, den Moment zu genießen und Dinge einfach auf sich zukommen zu lassen. Ich bin kein Profi geworden in den letzten 8,5 Monaten, aber ich bin auf einem guten Weg.
Ich könnte verrückt sein und ihm für nach drei Monate nach Manila auf den Philippinen folgen. Aber ich möchte nach Hause, um mir dort wieder etwas auf zu bauen. Ich möchte den Sommer in Berlin verbringen. Vielleicht hätte ich es gemacht, wenn in Deutschland gerade Winter wäre. Vielleicht hätte ich es gemacht, wenn ich mir mehr über meine Empfindungen für ihn absolut bewusst gewesen wäre.Vielleicht hätte ich es gemacht, wenn ich eine konkrete Aufgabe dort gehabt hätte, wenn er mich mehr davon überzeugt hätte und es nicht nur ein paar Mal kurz angesprochen hätte, vielleicht wenn ich mutiger gewesen wäre, wenn ich nicht bereits über acht Monate unterwegs gewesen wäre, wenn ich nicht schon meinen Heimflug gebucht hätte, wenn ich in die Zukunft schauen könnte, wenn ich noch Lust aufs Reisen hätte, wenn ich mein rationales Hirn komplett ausschalten würde, wenn ich mich nicht so sehr auf zu Hause freuen würde, wenn ich mir komplett sicher wäre, dass er und ich füreinander bestimmt wären. Wenn, wenn, wenn. Das ist das Leben. Wir wissen nichts über diese „Wenns“. Was zählt ist doch das Jetzt. Wie fühle ich mich jetzt und wonach? Ich hätte die Möglichkeit, ihm einfach zu folgen. Ich bin ungebunden, habe keine Wohnung, keinen Job und irgendwie ließe sich dort auf den Philippinen schon Geld verdienen und Arbeit finden für eine kurze Zeit.

Ich wollte mich auf meiner Reise treiben lassen…Nun wäre wieder ein solcher Moment. Aber es fühlt sich in diesem Moment nicht richtig an. Vielleicht wird es einen anderen Moment geben. Vielleicht wird es dann zu spät sein. Vielleicht wird es aber dann auch der richtige Moment sein und die richtige Gelegenheit, das „richtige“ Gefühl. In diesem Moment schreit es in mir nach Heimat, obwohl ich Vishal so gerne besser kennen lernen lernen und mit ihm Zeit verbringen möchte. Obwohl ich Gefühle für ihn habe und die Begegnung mit ihm so besonders ist.

 

Ohne zu wissen, was die Zukunft bringt schätze ich mich unglaublich glücklich, diesen Menschen kennen gelernt zu haben. Einen Menschen, der es nicht immer einfach hatte, der hart gearbeitet hat und trotzdem oder vielleicht auch gerade deswegen so viel Empathie und Fürsorge für andere Menschen aufbringt. Einen Menschen, der so wissbegierig, neugierig und interessiert ist. Einen Menschen, der von sich selber sagt, nicht viel von Emotionen und Gefühlen zu verstehen, sie nicht wirklich ausdrücken kann und dabei übersieht, wie reich er damit beschenkt ist und seine Gefühle in seinen Taten und weniger in seinen Worten zeigt. Einen Menschen, der bei mir viele Fragen aufwirft und mich mit seinem Wesen gleichzeitig inspiriert.
Einen Menschen, der sich so um mich gesorgt hat, für mich da war und ein sehr wichtiger Teil meiner Reise wurde. Ich möchte diesen Menschen mehr kennen lernen, wissen, wer er ist und was noch in ihm steckt, herausfinden, ob aus uns mehr werden könnte. Doch meiner Reisezeit habe ich selber nun ein Ende gesetzt.

 

Diese Begegnung hat mir wieder gezeigt, was aus kleinen Entscheidungen (in meinem Falle die offene Anfrage auf Couchsurfing) erwachsen kann. Sie hat mir gezeigt, wie sehr ich es schätze, wenn sich Menschen um andere so sehr kümmern und sorgen, wie wertvoll Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft ist, dass ich viel zu viel nachdenke auch bezogen auf Männer, mir zu viele Dinge ausmale und lernen möchte, viel mehr den Moment genießen zu können. Sie hat mir gezeigt, wie ich mir wünsche, von einem Mann „behandelt“ werden zu wollen. Sie hat mich wieder gelehrt, dass das Leben irgendwie verrückt ist und Zufälle vielleicht keine Zufälle sind. Diese Begegnung hat mir wieder gezeigt wie wichtig es ist, Dinge zu wagen und sich trotz Ängste auf einen Menschen mehr einzulassen, offene Anfragen auf couchsurfing zu schreiben und dem Bauchgefühl zu folgen ;-), dass es ein großer Vorteil ist, an einem Ort zu bleiben, um mehr Zeit mit einem MEnschen zu verbringen. Vishal hat mir einen tiefen EInblick in eine andere Lebensrealität gegeben. Er hat mir noch einmal deutlich gezeigt, dass Zuneigung und Wertschätzung nicht immer nur durch Worte gezeigt werden müssen, sondern das Taten genau das gleiche zeigen können.

 

Ein letztes Mal essen wir in Mumbai in einem schönen Restaurant zu Abend. Er bringt mich zum Zug. Ich habe mir vorgenommen nicht zu weinen und dachte auch, dass die Tränen nicht kommen würden. Sie kommen trotzdem. Wir schließen uns ein letztes Mal in die Arme und halten uns an die kulturellen Regeln hier im Lande, öffentlich nicht zu viele Zuneigungen zu zeigen. Er sagt, er wisse nicht, wie er sich verabschieden soll und dass wir uns glücklich schätzen sollten, dass wir die Möglichkeit hatten, so viel Zeit miteinander zu verbringen. Er hofft, dass er mich wieder sehen wird. Er hat Recht, wir hatten Glück, dass sich unsere Wege auf zwei Kontinenten gleich zwei Mal kreuzen konnten. Ich weiß, dass wir uns wieder sehen werden. Wann, wissen wir beide nicht. Ich versuche los zu lassen, mich nicht an eine Vorstellung zu klammern und einfach abzuwarten, was das Leben mit uns vor hat. Ich versuche nicht zu viel Traurigkeit über die Ungewissheit eines Wiedersehens zu spüren sondern meiner Dankbarkeit mehr Raum zu geben, diesem wunderbaren Menschen begegenet zu sein.

 

Fragen an dich:
Erinnere dich an einem Menschen, für den du während einer Reise Gefühle entwickelt hast? Was hat eure Begegnung ausgemacht? Welcher Zufall (oder welches Schicksal) hat euch zusammen gebracht? Was hast du an diesem Menschen geschätzt? Was hast du von dieser Person gelernt? Was ist aus euch geworden? Glaubst du an das Schicksal, bestimmte Menschen begegnen zu „sollen“? Erinnere dich an eine für dich schicksalshafte Begegnung?

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