Wie es ist wieder die Luft der Heimat zu atmen

Beim Zwischenstopp in Doha in Katar wird mir beim Warten an meinem Gate erst wieder so richtig bewusst, dass ich nun tatsächlich nach Hause fliege. Um mich herum höre ich viele Menschen Deutsch sprechen und ich fange beim Hören dieser mir so vertrauten Sprache ein wenig an zu weinen. Es ist ein emotionaler Moment. Ein paar Stunden später überkommen mich beim Landeanflug über das traumhaft grüne Berlin und das tiefblaue Wasser der Flüsse und Seen noch einmal die Emotionen. „HEIMAT“ ruft mir eine innere Stimme sanft zu. Beim Warten auf meinen Rucksack ziehe ich mir noch schnell mein „Weltreisekleid“ an und werde von meinen Eltern, einem meiner Brüder , herrlichem Sonnenschein und ganz viel frischer Luft begrüßt. Ein paar Wiedersehenstränen fließen bei uns allen und doch wundere ich mich über mich selber, wie gefestigt ich bin. Das Erblicken des Hauses, in dem ich aufgewachsen bin und das Hören der zwitschernden Vögel lässt mich einen Freudentanz auf der Straße aufführen. Es ist eine Welle aus Glücklichsein, Erleichterung, Freude die mich in diesem Moment umspült. Alles ist so vertraut, als wäre ich gar nicht weg gewesen.

Es fühlt sich seltsam an, dass es sich nicht seltsam anfühlt, wieder zu Hause zu sein. Drei Wochen bin ich nun schon wieder in Berlin. Ich ertappe mich dabei, wie ich so gar fremden Menschen, wie der Frau an der Kasse in Nebensätzen erwähnen, dass ich gerade erst von einer langen Reise wieder gekommen bin. „Ich muss ja erst mal wieder einkaufen lernen, ich war ja gerade 8,5 Monaten in Afrika und Indien auf Reisen.“ Ich glaube ich erwähne meine Reise zu allen möglichen Gelegenheiten um mich selber daran zu erinnern und zu begreifen, dass ich wirklich weg war. Das diese ganzen Abenteuer wirklich passiert sind. Die Reise erscheint mir sehr schnell so unwirklich, denn hier in Berlin ist alles so vertraut. Ich verbringe seitdem viel Zeit mit Freunden und Familie. Alles ist so wie vorher, als hätten wir uns vielleicht zwei Wochen nicht gesehen. Dabei ist doch bei mir so viel passiert in der Zwischenzeit. Es ist ein wundervolles Gefühl, wieder so viele vertraute Menschen um sich zu haben mit denen man ohne Probleme wieder wohl fühlt. Ich merke, wie ich den Menschen gerne zuhöre und erfahren möchte, was in den letzten Monaten in ihrem Leben alles passiert ist. Ich freue mich über die Menschen, die etwas von meiner Reise wissen möchten und interessierte Fragen stellen. Und gleichzeitig stelle ich fest, dass ich nicht enttäuscht bin, wenn es nicht von jeder Person so viele Fragen gibt. Die Gespräche drehen sich schnell wieder über Gott und die Welt und nicht meine Reise. Ich kann es verstehen, die passenden Fragen für jemanden zu stellen, der monatelang gereist ist, ist nicht ganz so einfach. Ich habe eigentlich auch gar nicht so viel Redebedarf in vielen Momenten. Ich habe das Gefühl, so vieles mit mir selber ausgemacht zu haben und viele meiner Erlebnisse in meinen Geschichten verarbeitet zu haben.

 

Es kommt mir nun so vor, als wäre ich schon wieder so lange wieder zurück. Es ist viel passiert seit meiner Heimkehr und ich bin glücklich, wieder hier zu sein. Wie schön ist es doch, wieder meine eigenen vier Wände zu haben, in denen ich mich wann ich immer will zu Hause fühlen kann. Wie schön ist es, meine Freunde und Familie nun immer sehen zu können und zu spüren, wie wichtig mir diese Verbindungen sind. Wie schön ist es, mich nicht mehr fremd zu fühlen. Wie schön ist es, um so viele Erfahrungen und Menschen reicher zu sein und zu wissen, dass mir niemand dieses Abenteuer und die Erinnerungen nehmen kann. Ich fühle mich so wohl in meiner Heimat. Alles ist so schön grün, es ist die perfekte Jahreszeit, um wieder nach Hause zu kommen für mich. Ich genieße die Natur und die grünen Ecken in Berlin und mich wieder auf mein Fahrrad schwingen zu können.

 

Eine kleine Reise zurück in meine zweite Heimat – Hamburg

Meine Zeit in Hamburg ist eine kleine Reise für sich. Das Trampen in die Hansestadt von Berlin stellt mich wieder auf eine Geduldsprobe und zeigt mir wieder, dass man schon irgendwann ankommt, auch wenn es von Tür zu Tür am Ende acht Stunden sind. Es zeigt mir, dass kleine Abenteuer wie diese zu zweit manchmal einfach besser sind und dass man Menschen durch das Daumenhochhalten treffen kann, denen man sonst nie begegnet wäre und man so einen kleinen Einblick in das Leben anderer Menschen bekommen kann. In diesen paar Tagen in meiner zweiten Heimat wandere ich an einem Tag durch die Stadt, anstatt die öffentlichen Verkehrsmittel zu nehmen und entdecke somit schöne Natur und neue Ecken. Ich treffe mich mit lieben Menschen, die mir so vertraut sind und fühle mich ihnen gleich wieder verbunden, als wenn ich gar nicht weg gewesen wäre. Ich besuche mein altes Zuhause und meine WG und fühle mich, als wäre ich gar nicht ausgezogen. Alles ist so vertraut und macht es mir in so vielen Momenten so schwer mir vorzustellen, dass ich wirklich weg war.

Wer hätte Gedacht, dass ich in Vorfreude auf das Wiedersehen ehemaliger SchülerInnen und KollegInnen in meiner alten Schule in Hamburg das größte Herzklopfen bekommen würde. Ich betrete das Schulgelände und muss nicht lange warten, bis mir ein paar Kinder in die Arme fliegen „Frau Meeeeeercks.“ „Waren Sie nicht auf Weltreise?“ Es ist ein wunderschönes Gefühl, von so vielen lieben Menschen im Lehrerzimmer so herzlich begrüßt zu werden die sich sichtlich freuen, mich wieder zu sehen. Ich besuche im Akkord sechs verschiedene Klassen, um ihnen von meiner Reise zu erzählen. Beim ersten Vortrag klopft mein Herz. Es ist ein tolles und aufregendes Gefühl, wieder vor den Kindern und Jugendlichen zu stehen. Ich bin in meinem Element und freue mich, wie gebannt mir zugehört wird. Ich möchte die jungen Menschen neugierig machen, diese Welt und sich selber besser kennen zu lernen und sie ermutigen, sich eines Tages selber einmal in ein solches Abenteuer zu stürzen. Ich schließe meinen kleinen Vortrag mit einem Zitat von Ray Bradbury: „Fahre in die Welt hinaus, denn sie ist fantastischer als jeder Traum.“ Ein Neuntklässler dreht sich beim Verlassen des Klassenraumes noch einmal um: „Frau Mercks, das war heftig.“ Ich fühle mich wohl in der Schule, alles ist mir so vertraut. Versehentlich schaue ich in mein nicht mehr existierendes Fach und stelle etwas wehmütig fest, dass ich ja nur zu Besuch bin und gar nicht mehr hier arbeite. Ich bin wieder einmal dankbar für diese erfüllende Zeit, die ich an dieser Schule hatte.

 

Vertrautheit und doch irgendwie seltsam

Meine Tage verbringe ich seit meiner Heimkehr damit, mir meine Übergangswohnung einzurichten. Ich entrümple, befreie mich von Dingen, dekoriere, mache es mir schön, möchte mich zu Hause fühlen. Das Bedürfnis ist vor allem in den ersten Tagen so stark, dass ich in Rekordzeit eine Kiste nach der anderen auspacke. Ich verbringe außerdem natürlich viel Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden. Ich genieße die Vertrautheit, die Gespräche, die Verbundenheit, die gemeinsamen Geschichten und wieder mehr vom Leben der anderen mit zu bekommen. Vor allem die Wiedervereinigung mit meinen Brüdern macht mich glücklich. Es ist nun endlich wieder das zusammen, was zusammen gehört. Mein Großvater, in dessen Haus ich nun zeitweise lebe genießt meine Anwesenheit und ich bin so froh, ihn doch wieder sehen zu können. Denn vor meiner langen Reise wusste ich nicht, ob ich ihn noch einmal in die Arme schließen kann, wenn ich wieder zurück bin. Ich habe das Gärtnern für mich entdeckt, pflanze endlich mal in meinem Leben Gemüse an und kann in manchen Momenten gar nicht aufhören, in der Erde zu wühlen. Allgemein mache ich momentan unglaublich gerne Dinge, bei denen man die getane Arbeit sofort sieht. Ich liebe es, meine Hände und meinen Körper bei der Arbeit zu betätigen, meinen Körper zu bewegen und draußen zu sein. Mein Gehirn hat gerade immer noch nicht so wirklich Lust, großartig nachzudenken, Strategien zu entwickeln und sich an den Computer zu setzen. Viel lieber bin ich draußen und wirble herum. Ich gehe unglaublich gerne Lebensmittel einkaufen und nutze jede Gelegenheit, für andere Leute zu kochen. Ich genieße es, meine eigene Küche zu haben und jederzeit essen zu können, was ich möchte. Mir wird noch einmal bewusst, wie wertvoll selbst zubereitetes und gesundes Essen ist und wie sehr ich mich danach monatelang gesehnt habe.

Ich genieße die Zeit wieder zurück. Manche Tage sind regelrecht großartig. Das Wiederankommen in „meine Kultur“ fällt mir nicht schwer. Vielleicht liegt es daran, dass ich schon öfters weit weg war. Von einem „umgekehrten Kulturschock“ kann ich jedenfalls nicht sprechen.

Aber da gibt es auch eine andere Seite.

Es gibt da in manchen Momenten ein Gefühl in mir, welches mich seltsam fühlen lässt. Es lässt meine Reise so unwirklich erscheinen, als wäre sie einfach nur ein Traum gewesen, aus dem ich gerade erst aufgewacht bin. Es fühlt sich seltsam an, dass sich alles hier so normal anfühlt: War ich überhaupt richtig weg? Habe ich mich überhaupt verändert? Hat mich diese Reise überhaupt geprägt? Was hat sie überhaupt mir gemacht? Schon in der ersten Woche ertappe ich mich dabei, wie ich meine Tage nach „Produktivität“ bewerte. Aber ich wollte mich doch eigentlich weiter einige Zeit hier zurück in Deutschland vom Leben treiben lassen. In manchen Augenblicken gelingt es mir gut und ich denke nicht viel darüber nach, was nun als nächstes kommen soll und kann. Ich mache mir einen Kalender und schreibe mit Freude wieder Termine ein, was ich monatelang nicht gemacht habe. Ich fange an To Do Listen zu schreiben und freue mich über das Häkchensetzten. Ich habe das Gefühl, wieder einen Plan haben „zu müssen“. Nicht weil mir von Außen wirklich Druck gemacht wird, sondern weil ich denke, ich müsste es. Ich habe manchmal das Gefühl, jetzt keine Ausrede mehr zu haben, mich nicht intensiv mit meiner vor allem beruflichen Zukunft zu beschäftigen. Dabei bin ich erst drei Wochen wieder zurück und wollte mir ja bewusst diese Auszeit in meiner Heimat gönnen, in denen ich Leidenschaften von mir folgen kann, die ich beim Reisen nur schwierig ausleben konnte. Ich habe das Glück seit circa 1,5 Jahren einen Mentor zu haben, der mich nun sehr darin unterstützt und bestätigt, mir nun wirklich Zeit zu lassen, um meine persönliche Vision zu konkretisieren und meine Reise im Hier und Jetzt zu verlängern. Ich finde diese Gefühle, die ich diesbezüglich habe eigentlich sehr interessant, auch wenn sie eher unangenehm sind. Sie sind wohl auch Teil meiner Reise. Ich weiß, dass ich mir Zeit geben sollte ohne schlechtes Gewissen. Ich bin mir meinem Privileg bewusst, dass ich mir diese Zeit nehmen kann. Mein unterschwellig schlechtes Gewissen bringt eigentlich keinem etwas. Es gibt so viele Dinge, die ich in Angriff nehmen möchte. Singen, Tanzen, Garten, kleinere Reisen, Berlin entdecken, Projekte, Gitarre lernen, etc.. Viel zu viel. Eines nach dem anderen. Mein Mentor riet mir, nicht wieder in Aktionismus zu verfallen sondern mich mit meiner Vision und mit dem „Sich treiben lassen“ zu beschäftigen, bevor ich wieder fleißig anfange zu planen, zu organisieren und mich selber mit meinem Aktionismus hin und wieder zu überfordern. Es hört sich so einfach an. Ist es aber manchmal wirklich nicht, wenn man doch eigentlich wieder Luftschlösser bauen möchte, es immer in irgendeiner Art und Weise getan hat und es schon fast wie eine Sucht ist. Aber ich weiß, dass ich erst einmal an einem Luftschluss arbeiten sollte. Und bevor ich damit anfange sollte ich darüber nachdenken, wie es eigentlich ungefähr aussehen könnte. Und jetzt ist eigentlich die beste Zeit dafür. Denn wann hat man diese schon so unbeschwert?

 

Für die nächste Zeit nehme ich mir vor, Dinge zu tun, die mir über den Weg laufen und sich gut anfühlen. Dinge, zu denen ich mich hingezogen fühle, bei denen mein Bauch sagt: „Ja, das tut dir gut.“ Ich möchte die Balance finden zwischen sich Dinge vornehmen und sich einfach treiben lassen und schauen, was passiert. Ich möchte viel Zeit in der Natur verbringen, mit meinem Großvater, mit Familie und Freunden. Ich möchte versuchen, einfach bewusst ich zu sein, ohne mich gleich wieder über tolle Projekte und Arbeit identifizieren zu wollen.

Denn das ist etwas, was ich von dieser Reise mitgenommen habe: Das es mir schwer fällt, einfach nur „ich“ zu sein, einfach nur „da“ zu sein, einfach nur „hier“ zu sein (siehe Geschichte über Produktivität: Unproduktivität – eine der vielleicht vermeintlichen Kehrseiten des Reisens) 

Die Worte meines Mentors haben mich zu Tränen gerührt und mich nachdenklich gemacht: „Veronika, eines musst du erkennen: Dass alleine die Begegnung mit dir für die Menschen hier und auf deinen Reisen eine Geschenk ist. Einfach, weil du du bist.“

 

Fragen an dich:

„Wenn du schon einmal auf einer längeren Reise warst (sei es, dass du woanders gewohnt hast, für ein paar Wochen weg warst oder eine intensive Zeit weg von deiner Heimat erlebt hast): Wie hast du dich wieder zurück gefühlt in der ersten Zeit? Welche Gedanken, Fragen hattest du? Was waren vielleicht deine Zweifel? Worüber hast du dich am meisten gefreut? Wofür warst du dankbar? Wie war dein Verhältnis zu deiner Reise? Wie unterschiedlich haben die Menschen nach deiner Reise gefragt? Was hat das mit dir gemacht? 

 

 

 

 

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