Visionssuche, sich treiben lassen und die kleinen Zweifel

Diese Geschichte ereignete sich vor circa 2 Wochen…
„Frau Mercks, ich folge jetzt Ihrem Blog. Aber irgendie bekomme ich gar keine News mehr.“ Vor mir stehen drei meiner ehemaligen Schüler, mit denen ich während meiner Zeit an der Schule in Hamburg im Rahmen meines Innovationsprojektes besonders viel zu tun hatte und die mir sehr ans Herz gewachsen waren. Es ist ihr großer Tag: Heute feiern sie das Beenden der 10. Klasse. Für viele ist dies ein großer Einschnitt in ihr Leben: Sie beginnen eine Ausbildung oder gehen auf die weiterführende Schule. Sie gehen wieder einen Schritt hinaus aus dem gewohnten Nest. Ich bin überrascht, dass eben dieser Schüler nach meinem Vortrag über meine Reise in seiner Klasse tatsächlich Interesse für meine Geschichten entwickelt hat. Dieser kleine Satz motiviert mich, weiter zu schreiben und weiter an meiner Buchidee dran zu bleiben. Immer wieder fragte ich mich während meiner Reise, wer meine Geschichten überhaupt lesen würde. Mein Schüler hat mir noch einmal bewusst gemacht, dass meine Geschichten gerade im Leben eines jungen Menschen, der sich noch nie alleine auf den Weg in diese Welt gemacht hat einen Unterschied machen könnten und dass diese Geschichten ihnen Mut machen könnten. Mein ehemaliger Kollege erzählt mir, dass ich gar keine Ahnung habe, welche Spuren ich bei den SchülerInnen hinterlassen habe und dass auch einige meine Geschichten während meiner Reise gelesen habe. Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Aber es gibt mir Mut, an mein Vorhaben zu glauben. Es gibt mir Mut, dass meine Worte, Gedanken und die Art und Weise, wie ich Dinge anpacke für Menschen wichtig sein könnten.
In mir spuken oft Zweifel und es kreisen Fragen, was ich eigentlich wirklich will. Was meine „Botschaften“ sind, was meine Vision ist. Ich frage mich manchmal, was ich wirklich verändern kann, was mein Auftrag ist.
Irgendwie noch nicht so wirklich da und die leisen Zweifel
Ich befinde mich in einer „Zwischenwelt“. Ich bin zu Hause, aber auch noch nicht so wirklich da. Ich geneieße mein Leben hier, möchte die Freiheiten und Freiräume ausnutzen und leben, die ich gerade habe. Ich bin mir über mein großes Privileg bewusst, dieses Leben gerade führen zu können, mir Zeit lassen zu können, in Ruhe zu überlegen und in mich hinein zu spüren, was meine nächsten Schritte sind, mir Zeit für meine Leidenschaften zu nehmen. Ich fällte die bewusste Entscheidung bereits auf meiner Reise, mir ein paar Monate Raum zu schaffen, in meiner Heimat weiter zu reisen und mich nicht gleich wieder in das Berufsleben zu stürzen. Immer wieder meldet sich eine mal leiser und mal lauter sprechende Stimme: „Müsstest du nicht gleich wieder einen Job suchen?“ „Schau dir doch mal dein Umfeld an, die sind alle so fleißig, die machen alle tolle Projekten, arbeiten jeden Tag, verdienen Geld, stiften Sinn. Fühl dich schlecht, dass du gerade einfach für dich lebst. „Wem bringst du gerade eigentlich etwas?“ „Vor einem Jahr hast du aufgehört zu arbeiten, wie lange darfst du das überhaupt noch so weiterführen?“ „Vielleicht hast du ja auf deiner Reise deinen Aktionismus verloren und wirst jetzt zu einem Menschen, der irgendwie hängen bleibt und nicht mehr richtig in den Arbeitsalltag reinkommt?“ „Du bist so priviligiert, dass du dir diesen Raum gerade nehmen kannst, du musst ein schlechtes Gewissen haben.“
Ist das nicht verrückt, dass man eigentlich von der Richtigkeit einer Sache überzeugt ist, einen aber die eigenen innere Stimmen vom Gegenteil überzeugen wollen, die eigentlich gesellschaftlich beeinflusst sind?
Zeit für Visionen und sich auch in der Heimat treiben lassen
Bevor ich auf meine Reise gegangen bin, habe ich seit dem ich mit 6 Jahren eingeschult wurde (und jezt bin ich 29 Jahre alt) immer versucht, relativ lückenlos meine Ausbildungen hinter mich zu bringen, immer Pläne und nächste Schritte zu haben. Klar, ich war reisen und auch mal drei Monate am Stück. Ich war auch ein paar Monate arbeitslos vor ein paar Jahren und habe diese Zeit absolut nicht genießen können, denn die Jobsuche nagte extrem an meinem Selbstbewusstsein und ich fühlte mich nichts wert, obwohl ich mich so viel weiter gebildet hatte wollte mich vermeintlich niemand haben als Berufsanfänger. Nie habe ich mich so viel versucht treiben zu lassen wie in dem letzten Jahr. Ich weiß, dass es so wichtig für mich ist. Dass es wichtig für mich ist, keinen konkreten Plan, sondern viele spannende Ideen zu haben, die zum Reifen einfach Zeit brauchen. Dass es wichtig für mich ist, nicht unzählige Projekte gleichzeitig zu haben. Dass es wichtig für mich ist, mich nicht in festen Strukturen zu befinden und dies aus zu halten. Manchen Menschen mag dies alles einfach fallen. Mir aber nicht immer. Es gibt Tage beim Reisen und auch jetzt wieder in der Heimat, die ich einfach nur genieße, mich frei fühle, in den Tag hineinlebe, schaue, was passiert, die Ungewissheit liebe, den Moment genieße und mich fallen lassen kann. Dann gibt es Tage, an denen ich mich unproduktiv fühle, mich nach Strukturen sehne, nach Anerkennung suche, mich irgendwo festhalten möchte, einen konkreten Plan herbeisehne und mit meiner Freiheit und den Möglichkeiten gar nicht so richtig umzugehen weiß.
„Nimm dir Zeit, dir deiner aktueller Vision bewusst zu werden!“
Die Worte meines Mentors klingen mir jeden Tag im Ohr. Ich bin ihr nahe, das weiß ich. Ich möchte nicht über sie aktiv nachdenken, denn ich will generell weniger denken und reden, sondern mehr fühlen und erspüren. Ich möchte andere Wege finden, um das herauszufinden, was als nächstes für mich dran ist. „Du musst doch gar nicht darüber nachdenken, was deine Vision ist. Mache Dinge, die dir Spaß machen, die dir gut tun und finde deinen eigenen Weg, die Vision für dich klarer zu machen.“
Ich mache also Dinge, die sich gut anfühlen. Auf die ich eben gerade Lust habe und bei denen meine innere Stimme sagt: „Das passt gerade.“ Vor ein paar Tagen stand ich auf der Bühne – ein herrliches und aufregendes Gefühl. Eine Freundin von mir überzeugte mich vor ein paar Monaten, an einem Musicalworkshop in Hamburg teil zu nehmen. Sie meinte, dass dies etwas für mich wäre. Ich erinnere mich an die heftige Reaktion meiner Mutter, die plötzlich Angst hatte, dass ich nun professionelle Musicaldarstellerin werden und als Künstlerin der „brotlosen Kunst“ verfallen würde. Dass dieser Workshop für mich ersteinmal das Raumgeben von jahrelang von mir vernachlässigten Leidenschaften bedeutete, musste ich ihr erst einmal erklären.
Leben von Leidenschaften und künstlerischen Herausforderungen
Diese sechs Tage mit circa 60 TeilnehmerInnen an der Stage School Hamburg in Mitten des G20 Chaos waren eine unglaublich intensive Zeit. Ich war überfordert, ich habe mich teilweise gefühlt wie ein Körperklaus, zweifelte an meiner Gehirnkapazität (hatte sich mein Gehirn während meiner Reise vielleicht verkleinert, sodass ich mir jetzt nichts mehr merken kann?), sah mich auf der Bühne bereits komplett versagen, hatte das Gefühl, dass in meinen Kopf einfach keine Information mir rein geht, fühlte mich schüchtern und zurückhaltend und konnte mich schwer konzentrieren. Singen, Tanzen, Schauspielern. Jeden Tag stundenlanges Probem mit wenig Pause, Koordination von Tanz und Gesang, Auswendiglernen. Mein Körper tat weh und ich wusste manchmal nicht mehr, wo oben und unten war. Ich bin überzeugt davon, dass der mehrstündige Probenausfall mir im Endeffekt gut getan hat, genauso wie das Abschlaten am Abend anstelle vom verbissenen Auswendiglernversuchen: Es hat meinen Kopf wieder frei gemacht und irgendwann hat sich bei mir eine Ruhe eingestellt. Ich bin kein Profi, ich gebe mein bestes während ich mich nicht selber überfordere. Im Publikum sitzen keine Menschen, die auf der Bühne Profis erwarten. Ich stehe auf der Bühne, ich mache Fehler, ich bleibe ruhig, ich genieße es, ich habe Spaß. Im Anschluss bin ich überrascht von den Reaktionen meiner Freunde, die zu mir sagen, dass ich eine so tolle Ausstrahlung auf der Bühne hatte und in meinem Element war. Dabei habe ich mich doch bei den Proben immer so zurückhaltend und schüchtern empfunden. Fremdwahrnehmung und Eigenwahrnehmung: Ein spannendes Thema. Ich merke wieder einmal, wie sehr ich es genieße, auf der Bühne zu stehen. Ich bin keine Rampensau, aber ich stehe gerne vor Leuten. Was ich mit diesem Beispiel sagen will ist Folgendes:
  1. Vielleicht hat mir dieses Erlebnis dazu verholfen, meiner Vision wieder ein Stückchen näher zu kommen. Einfach, weil ich etwas getan habe, was mir Freude bereitet und mir wieder gezeigt hat, dass ich gerne auf Bühnen stehe (und Bühnen können ja ganz unterschiedlich aussehen).
  2. Es ist so wichtig, sich Raum für die eigenen Leidenschaften zu schaffen und Ausgleiche zu finden, die eine helfen, andere Sinne zu nutzen, den Körper einzusetzten, nicht so viel nach zu denken, sich zu spüren.
  3. Auch wenn man manchmal überfordert ist und das Gefühl hat zu versagen und dass alle um einen herum die Sache vermeintlich schon können, während man selber über die eigenen Füße stolpert: Erstens stimmt das meist nicht und andere haben auch ihre Schwierigkeiten und zweitens gelingt es einem bei Ruhe und Gelassenheit und weniger Verbissenheit oft viel besser, Dinge im wahrsten Sinne des Wortes erfolgreicher und vor allem mit viel mehr Freude über die Bühne zu bringen
Ich sitzte nun wieder im Bus auf dem Weg zu meiner Familie in Köln, ich genieße das Unterwegssein. Ich bin danbar für die Erlebnisse und die schönen Gespräche der letzten Tage in meiner zweiten Heimat Hamburg und für die unterschiedlichsten Menschen in meinem Leben, von denen ich so viele nun wieder in meiner Nähe habe und die mir Kraft geben.
Ihr gebt mir Kraft, meinen Weg weiter zu gehen und ihr gebt mir das Gefühl, wertvoll zu sein. Ich bin gesegnet mit euch.
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